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© Reichl und Partner GmbH/APA-Foto  
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Dr. Kurosch Yazdi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Isabella Csokai
© Isabella Csokai

Dr. Martin Pinsger

 
Gesundheitspolitik 24. April 2017

Yes, we Can(nabis)?

THC. Als erstes westliches Industrieland will Kanada den Konsum von Haschisch vollständig legalisieren. Eine Gratwanderung, da die Konzentration des berauschenden Wirkstoffs THC in der Pflanze heute viel höher ist.

Mit der Legalisierung soll der Zugang zu Cannabis in Kanada reguliert und begrenzt werden. „Wir wissen, dass das Verbot gescheitert ist“, sagte der Abgeordnete und frühere Polizeichef von Toronto, Bill Blair. Freigabe als Ausweg? Nicht alle Experten sehen das so. „Gerne wird verschwiegen, dass die Konzentration des berauschenden Wirkstoffs THC in der Pflanze heute viel höher ist als in den 1970er-Jahren, und dass cannabisbezogene Störungen vor allem bei Jugendlichen drastisch angestiegen sind“, erklärt der Linzer Suchtexperte Dr. Kurosch Yazdi, Autor von „Die Cannabis-Lüge“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf 15,50 Euro, ISBN 978-3-86265-633-2). Laut „Suchtmittel-Monitoring“ des Instituts für Empirische Sozialforschung (IFES) sei die Anzahl jener, die angeben, Cannabis mindestens einmal in den vergangenen 30 Tagen konsumiert zu haben, innerhalb von zehn Jahren auf das Dreifache gestiegen. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht gehe davon aus, dass 23,2 Prozent der EU-Bürger, schon einmal im Leben Cannabis konsumiert haben, 5,7 Prozent davon in den vergangenen zwölf Monaten. „Eindeutig ist, dass in Staaten mit einer strengeren Gesetzgebung der Konsum von Cannabis deutlich geringer ist, als in liberaleren Staaten“, sagt Yazdi. Schmerzexperte Dr. Martin Pinsger hätte im Falle einer völligen Freigabe von Cannabis zwar große Bedenken. „Dem rein rekreativen steht jedoch der medizinische Einsatz von Cannabinoiden gegenüber, der ebenfalls seit Längerem kontroversiell diskutiert wird.“ Während in Deutschland seit vergangenen Jänner wonach Cannabinoide auf Kasse erhältlich sind, gelinge für Patienten hierzulande die Rückvergütung durch die Kassen sehr schleppend.

Isabella Csokai

Joint als Medikament ist eine Falsch- bzw. eine Halbwahrheit

„Cannabis konnte innerhalb weniger Jahre seinen Ruf um 180 Grad ändern: von der Droge der Hippies zum genialen Allheilmittel für jede erdenkliche Krankheit. Fakt ist für mich jedoch, dass der Konsum von Cannabis oder Marihuana extreme Schädigungen hervorrufen kann. In der Regel stellt sich ein Gefühl der Entspannung und des Wohlbefindens ein, man gerät in einen Glückszustand, wird zufriedener und lustiger und empfindet optische und akustische Einflüsse intensiver. Manchmal kann Cannabis das Gegenteil bewirken, kann einen negativen Gemütszustand weiter forcieren. Unruhe, Panik und Angst schüren – ja sogar zum Albtraum werden, aus dem Konsumenten ausbrechen wollen. Kurzum, es geht ihnen ziemlich schlecht. So kann Cannabis auch zu Wahnvorstellungen, zu Paranoia und gerade bei regelmäßigem Konsum zu Psychosen und Schizophrenie führen. Studien belegen zudem, dass langjähriger, regelmäßiger Konsum von Cannabis massiv die Leistungsfähigkeit der betreffenden Person hemmt und zu großen Beeinträchtigungen im Gehirn führt. Des Weiteren kann Cannabis zu Lungenkrankheiten, einem erhöhten Herzinfarktrisiko, Kreislaufbeschwerden und einem geschwächten Immunsystem führen. Auf dem Gebiet der Sexualität und Fortpflanzung stellt es eine Gefahr dar. Bei Männern hat es Auswirkungen auf die Konzentration und Qualität der Spermien, bei schwangeren Frauen können Folgeschäden für das ungeborene Kind entstehen. Ich kritisiere auch die These, dass Cannabis nicht körperlich süchtig mache, sondern ‚nur psychisch‘. Denn ist das Gehirn kein Teil des Körpers? Cannabis ist ein Einstieg in die Welt der Drogen: Wenn sich das Gehirn daran gewöhnt hat, nach einer Substanz süchtig zu sein, dann wird es schneller von anderen Stoffen abhängig. Fast alle Substanzen greifen an die gleichen Hirnstrukturen, die nicht unterscheiden, wonach man süchtig ist. Jede Droge, die ich als allererste im Leben zu mir nehme, kann eine Einstiegsdroge sein. Problematisch ist, dass einerseits der THC-Gehalt von Cannabis seit den 1960er-Jahren von unter drei Prozent auf 32,3 Prozent gestiegen und andererseits der Anteil von Cannabidiol – dem Gegenspieler von Cannabis, der Psychosen verhindert – aufgrund des ,Züchtungserfolgs’ gefallen ist. Daraus ergibt sich, dass die Konsumenten nicht abschätzen können, wie stark das Cannabis wirklich ist, Wirkung und Nebenwirkungen sind nicht vorhersehbar.“

Ich bin deshalb überzeugt, dass es nur Sinn macht, cannabishaltige Arzneien unter ärztlicher Aufsicht zu verschreiben, denn nur so kann eine exakte Dosierung garantiert werden. Der Joint als Medikament ist eine der Falsch- und Halbwahrheiten, die unreflektiert weitergegeben werden. Zumal bei jedem Medikament, sei es ein Antibiotikum oder Schmerzmittel, der Arzt auf die genaue Dosierung achtet, damit möglichst keine unerwünschten Nebenwirkungen auftreten. Kritisch stehe ich auch manchen Ärzten in den USA gegenüber: Nur weil jemand tonnenweise Cannabis verschreibt, ist er deswegen noch kein Cannabis-Experte. 2014 lagen die Umsätze durch legalen Marihuana-Verkauf in den USA zwischen 2,2 und 2,6 Mrd. Dollar. Für 2018 schätzen Experten einen Anstieg auf ca. 8 Mrd. Dollar. So nahm der Bundesstaat Colorado 2015 ca. 60 Mio. Dollar als Steuern durch den Verkauf von Cannabis ein – ein Jahr davor waren es „nur“ 44 Mio..

Wird Cannabis legalisiert, dann steht die Tabakindustrie bereits in den Startlöchern. Für die großen Konzerne wird sich ein weiterer riesiger Markt öffnen. Sie wissen genau, wie sie Jugendliche als inoffizielle Zielgruppe ansprechen werden. Fest steht auch, dass die Steuereinnahmen steigen würden – folglich eine Lobby – großes Interesse hat, Cannabis zu legalisieren. Schon jetzt ist Cannabis in vielen US-Bundesstaaten aufgrund der Legalisierung ein boomendes Geschäft!“

Dr. Kurosch Yazdi, Leiter des Zentrums für Suchtmedizin am Linzer Kepler Uni-Klinikum

Es braucht Wissen über Nebenwirkungen und Gefahren

„In meiner Schmerzpraxis arbeite ich seit 2001 regelmäßig mit Cannabinoiden – auch begleitet von wissenschaftlichen Studien – und ich konnte so einen genauen Einblick in den oftmals schwierigen Diskurs zum Thema „Cannabis-Medizin“ bekommen. Regelmäßig stellt sich die Frage: Worüber wird überhaupt diskutiert? Es gilt drei Gebiete abzustecken. Der rein medizinische Einsatz von Cannabis bzw. aus der Hanfpflanze gewonnenen oder synthetisch hergestellten Cannabinoiden: Dafür gibt es klare Einsatzgebiete. Eine im Jänner 2017 publizierte Metaanalyse aller englischsprachigen Studien zum Thema Cannabis/Cannabinoide der National Academy of Sciences kommt zum Ergebnis, dass starker, meist chronischer Schmerz als Hauptindikation für eine Cannabinoid-Therapie gelten kann. Auch bei multipler Sklerose, Chemotherapie-induzierter Nausea, posttraumatischen Belastungsstörungen und in der Palliativmedizin können Patienten von dieser Therapie profitieren. Fast alle Staaten in den USA erlauben den medizinischen Einsatz von Cannabinoiden, jedoch haben nur acht eine Freigabe von Cannabis im Sinne eines rekreativen Nutzens ermöglicht. Wird ein Cannabinoid-Präparat in Österreich medizinisch genutzt, handelt es sich meist entweder um ein Extrakt aus der Hanfpflanze, welches THC enthält, oder um ein synthetisch hergestelltes Cannabinoid. In beiden Fällen ist eine ärztliche Therapieeinstellung gut möglich, da die vorgegebene Dosierung aufgrund der bekannten Konzentration der Wirkstoffe im jeweiligen Präparat gut erreicht und gesteuert werden kann. Um eine Cannabinoid-Therapie fachgerecht etablieren zu können, muss ausreichend Wissen über Indikationsgebiete, mögliche unerwünschte Nebenwirkungen und potenzielle Gefahren vorhanden sein. Weder Schwangere noch Kinder und Jugendliche oder psychisch instabile Personen bzw. Patienten mit bekannter Schizophrenie dürfen mit dem jeweiligen Präparat in Kontakt kommen. Die Tatsache, dass Cannabinoiden distanzierende, desynchronisierende Wirkungen aufweisen können, muss bei regelmäßigen Kontrollen Berücksichtigung finden. Cannabis oder Cannabinoide: In Diskussionen wird häufig über den medizinischen Einsatz von Cannabinoiden gesprochen, andererseits über die Legalisierung der Verwendung der Hanfpflanze an sich. Dies führt zu Verwirrung und Missverständnissen. In Ermangelung großer klinischer Studien, welche die unterschiedlichen Applikationsformen der Hanfpflanze, aber auch die verschiedenen Cannabinoide miteinander, verglichen haben, erscheint es schwierig, sich ausschließlich für eine Form der medizinischen Anwendung auszusprechen. Es stellt sich die Frage, wie bei einer Therapie mit Cannabis, also Pflanzenteilen an sich, eine genaue Dosierung erfolgen kann. Wie muss die Pflanze appliziert werden (Rauchen, Inhalieren, Kekse, Tees), um konstant die gewünschte Menge an Wirkstoff zu erhalten? Zu bedenken ist auch der sehr rasche, potenziell gefährliche Wirkungseintritt im Falle des Inhalierens/Rauchens. Der postulierte Vorteil, dass ein Wirkstoffgemisch wie in der Cannabispflanze eine effektivere Therapie darstelle, als ein synthetisch hergestelltes Präparat, kann aufgrund fehlender Datenlage nicht bestätigt werden. Für synthetisch hergestellte Präparate existieren klinische Studien zur Dosis-Wirkungsbeziehung. Dank der Möglichkeit die Wirkstoffe in retardierter Form zu verabreichen, kann ein rasch eintretender, rauschartiger, potenziell gefährlicher Zustand wie beim Rauchen vermieden werden. Der rekreative Einsatz hat mit dem medizinischen Nutzen nichts zu tun. Aus dem Bericht der National Academy of Sciences ist herauszulesen, dass aufgrund fehlender Absehbarkeit von ernst zu nehmenden Langzeitfolgen bei völliger Freigabe von Cannabis große Bedenken aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht bestehen. Jene Personengruppen, die nicht mit Cannabis in Kontakt kommen sollten, wären durch eine Legalisierung einem hohen Risiko ausgesetzt.“

Dr. Martin Pinsger, Schmerzkompetenzzentrum Bad Vöslau

Isabella Csokai, Ärzte Woche 17/2017

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