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© Hans Ringhofer / picture alliance
Ein Pavillon im Otto-Wagner-Spital, Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe.

Hönigsberger G. & Karlsson I.

Verwaltete Kindheit

Kral Verlag 2013, 300 S., Hardcover 19,90 Euro

ISBN 978-3-99024-189-9

 
Gesundheitspolitik 27. März 2017

Eine verstörende Geschichte

Gewalt gegen Kinder. Im Kinderpavillon „Am Steinhof“ herrschten menschenunwürdige Versorgungs- und Betreuungsverhältnisse. Die„Rett-Klinik“ am Rosenhügel war zwar fortschrittlicher, doch wurden hier Zwangssterilisierungen und Schwangerschaftsabbrüche an jungen Frauen durchgeführt. Das ist das Ergebnis einer Studie über den Umgang mit Kindern in der Nachkriegszeit in Wien.

Der Auftrag für die Recherchen kam vom Wiener Krankenanstaltenverbund: Das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie wurde um eine zeithistorisch-sozialwissenschaftliche Erforschung zweier Stationen ersucht: der Pavillon 15 „Am Steinhof“ und die vom Neuropädiater Andreas Rett gegründete Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am Rosenhügel.

Vorwürfen wurde nachgegangen

Behauptungen über Missstände im Pflege- und Betreuungsbereich waren Ausgangspunkt der Untersuchung. Die Vorwürfe, so hat sich gezeigt, waren alles andere als falsch. Die Betreuungsverhältnisse von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung waren durchwegs nicht adäquat. Das sagt eine der Autorinnen der Studie, Hemma Mayrhofer. Wobei man schon seit den 1950-er-Jahren gewusst habe, dass die Situation nicht den gängigen Standards entspreche, meinte sie. Für ihre Arbeit haben die Wissenschafter nicht nur Akten gesichtet. Insgesamt wurden auch rund 100 Interviews mit Betroffenen, Angehörigen und ehemaligen Mitarbeitern der beiden Anstalten geführt.

Sozialstadträtin Sandra Frauenberger von der SPÖ nannte die personelle Kontinuität in der Psychiatrie nach 1945 einem „ungenügenden Bruch“ mit der NS-Zeit. Personal, das schon damals in der Anstalt am Steinhof im Einsatz war, wurde zum überwiegenden Teil weiter beschäftigt. Der Pavillon 15 war während der Nazi-Diktatur auch Teil der Tötungsanstalt „Am Spiegelgrund“. Das Gebäude blieb ein Ort der Gewalt: Laut Mayrhofer stellte der Pavillon auch nach dem Krieg „die Endstation“ für die betroffenen Menschen dar, die oft aus Kinderheimen oder anderen Krankenanstalten kamen.

Es gab dort wenig ärztliches Personal. Die von den offenbar häufig überforderten Pflegern gesetzten Maßnahmen sollten in erster Linie den Betreuungsaufwand reduzieren. Netzbetten und Zwangsjacken schränkten den Bewegungsspielraum oft massiv ein. Die jungen Patienten wurden sediert, häufig wurden diese Medikamente auch ins Essen gemischt – das bei Personen mit Schluckbeschwerden mitunter gewaltsam verabreicht wurde. Laut der Medizinhistorikerin Katja Geiger dürfte diese Praxis bei der Essensausgabe immer wieder zu Lungenentzündungen geführt haben, an denen zahlreiche der jungen Patienten auch gestorben sind.

„Das Umfeld war absolut nicht kindgerecht“

Freiheitsentzug stand für Fehlverhalten auf der Tagesordnung. Laut Mayrhofer reichte dafür schon, wenn Kinder aus der Toilette tranken – was sie bei Durst anscheinend tun mussten, da offenbar die Wasserversorgung in den Zimmern unterbunden war. „Das Umfeld war absolut nicht kindgerecht“, stellt die Studienautorin klar. Pädagogische oder soziale Zuwendung gab es kaum. Während des Untersuchungszeitraums 1945 bis 1989 dürften sich rund 600 bis 700 Kinder im Pavillon 15 aufgehalten haben, der in dieser Form bis 1984 in Betrieb war. Vergleichbare Einrichtungen gibt es in Wien nicht mehr. Wohngemeinschaften haben derartige Anstalten ersetzt, wird versichert.

Die 1956 gegründete „RettKlinik“ war laut Studie als Alternative zur Unterbringung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen gedacht. Dass dort versucht wurde, statt der reinen Verwahrung auf Förderung und Rehabilitation zu setzen, wird in der Untersuchung anerkannt. Jedoch: Laut Mayrhofer war die Einrichtung intransparent – nämlich nach außen hin abgeschottet. Intern hingegen ging es offenbar informell zu, die Forscher orteten „hohes Willkürpotenzial“. So soll die Chefsekretärin Retts jahrelang Entscheidungen auch in medizinischen Belangen getroffen haben.

Laut Studie wurden in der Klinik Psychopharmaka verabreicht, die nicht für den Handel zugelassen waren. Auch Medikamente zur Dämpfung des Sexualtriebs wurden über Jahrzehnte hinweg eingesetzt. Zudem war die Einrichtung in „bedeutendem Ausmaß“ bei Schwangerschaftsabbrüchen und unfreiwilligen Sterilisationen involviert.

Andreas Rett habe damit das Problem sexueller Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit Behinderung auf die Frage der Fortpflanzung reduziert, lautet die Kritik. Der inzwischen verstorbene, 1989 in Pension gegangene Gründer der Klinik habe sich zu diesen Maßnahmen aber stets bekannt.

Strafrechtlich Relevantes ist längst verjährt

Mitautor Walter Hammerschick kam zu dem Schluss: Es lassen sich durchaus strafrechtlich relevante Tatbestände erkennen. Jedoch handle es sich durchwegs um Delikte, die bereits verjährt seien. Abgesehen vom Strafrecht hätten die damaligen Gesetze nur wenig Schutz geboten. Einrichtungen wie die Patientenanwaltschaft habe es noch nicht gegeben. Die Einstufung als selbst- oder fremdgefährdend sei oft rasch erfolgt, nur um die Patienten unterbringen zu können.

Die Stadt hat laut Frauenberger vor, Opfer zu entschädigen. Sollten Betroffene Schadenersatz beantragen, werde der Fall geprüft. „Wenn Ansprüche entstehen, dann sind sie zu gewähren“, versicherte sie. Die Entschädigungsabsicht griff die Rathaus-FPÖ auf. Bei der nächsten Gemeinderatssitzung im April werde die FPÖ verschiedene Anträge zum Thema einbringen, kündigte Klubchef Dominik Nepp an. Neben der Errichtung einer Gedenktafel am Wilhelminenberg und einer offiziellen Gedenkveranstaltung im Rathaus, bei der sich die Stadt bei den Opfern entschuldigt, fordert die Wiener FPÖ, dass die Stadt Wien den Betroffenen eine Opferrente zuerkennt. Die vom Bund beschlossene Opferrente für frühere Heimkinder, die Opfer von Gewalt wurden, in Höhe von 300 Euro müsse von der Stadt Wien zumindest verdoppelt werden, fordert Nepp.

„Allen Betroffenen gleichermaßen helfen“

Der Journalist und Autor Georg Hönigsberger, durch dessen Berichte in der Tageszeitung Kurier die menschlichen Tragödien im Kinderheim Wilhelminenberg bekannt wurden (in der Zeit von 1970 bis 1980, Anm.), sieht die blaue Forderung nach einer Verdoppelung kritisch. „Es braucht eine bundesweite Regelung, die allen Betroffenen in Österreich gleichermaßen hilft. Es darf nicht schon wieder zu einer Schieflage kommen, dass Vergewaltigungen und brutale Gewalt in Wien besser abgegolten werden als in Klosterneuburg, Neusiedl am See oder im Bregenzerwald.“

Ein Interview, das Hönigsberger im Oktober 2011 geführt hatte, zeigte weitreichende Folgen. Der schändliche Umgang mit Kindern in den ersten Jahrzehnten der Zweiten Republik wurde daraufhin von einer Kommission unter Richterin Barbara Helige aufgearbeitet. Zwei Schwestern hatten in dem Kurier-Interview Erlebnisse aus den 1970er-Jahren geschildert: Essen von Erbrochenem, schwere Prügel durch einige Erzieherinnen, systematische Demütigungen und sexuellen Missbrauch.

Hönigsberger erinnert sich: „Ich ging zu dem Interview, um eine G’schicht (einen Bericht, Anm.) zu machen. Ich kam verstört in die Redaktion zurück und sagte zu meinem Chef: Das ist keine G’schicht, das ist größer. Ich brauche Zeit. Drei Monate später war der Wilhelminenberg-Skandal da“ (siehe auch S. 6).

Gewalt gegen Kinder in kirchlichen Einrichtungen, in Erziehungsheimen der Stadt Wien, Grausamkeiten gegen behinderte Kinder am Steinhof und am Rosenhügel – war es das jetzt,? Da kommt noch was, sagt Hönigsberger. Die Frage sei nur, ob es noch jemand hören wolle.

„Es gibt eine gesellschaftliche Gerechtigkeit, die definiert werden muss“, so Hönigsberger. „Es gibt aber auch ein individuelles Gerechtigkeitsempfinden der Betroffenen. Hier wird es diffizil. Es gibt Proteste von ehemaligen Heimkindern, die sagen, 300 Euro seien zu wenig. Es gibt aus deren Reihen auch Proteste, dass der Steuerzahler für die Millionenkosten aufkommen muss. Aber wer, wenn nicht wir als Gemeinschaft soll dafür aufkommen? Schließlich war es diese Gesellschaft, die die himmelschreienden Zustände in den Einrichtungen zugelassen hat.“

Die Hotline des KAV ist unter der Wiener Nummer 40409-60030 erreichbar.

Die Studie „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Wiener Psychiatrie von 1945 bis 1989. Stationäre Unterbringung am Steinhof und Rosenhügel“ kann unter www.wienkav.at/studie-kinderpsychiatrieheruntergeladen werden.

 

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 13/2017

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