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Mag. Sylvia Hofinger
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Dr. Artur Wechselberger
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Karin Kadenbach
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Gesundheitspolitik 17. März 2017

Die Preis- Frage

Teure Medikamente. Hauptverband und Ministerium wollen ein Gesetz gegen hochpreisige Medikamente. Eine Einigung im Gesundheitsausschuss des Parlaments steht noch aus. Pharmaindustrie und Ärztekammer protestieren.

Eine gesetzliche Regelung für hochpreisige Medikamente, die mehr als 700 Euro pro Packung kosten, wie Onkologika oder die neuen Hepatitis-C-Präparate, könnte demnächst im Nationalrat beschlossen werden. Das Gesundheitsministerium begründet die Vorlage eines entsprechenden Gesetzesentwurfs damit, dass die Verhandlungen zwischen dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger und der Pharmaindustrie seit mehr als einem Jahr ohne Ergebnis geblieben sind. Was ist zu erwarten? Eine Preiskommission soll den EU-Durchschnittspreis für Arzneimittel, die sich nicht im Erstattungskodex befinden, ermitteln. Die Pharmafirmen dürften diesen dann nicht überschreiten, in gewissen Fällen soll sogar ein um fünf Prozent niedrigerer Preis gelten. Auch Abschläge für Generika und Biosimilars sind vorgesehen, wobei die politischen Gespräche im Gesundheitsausschuss noch laufen.

Strikt abgelehnt wird ein Gesetz gegen teure Medikamente von der Pharmawirtschaft. Die Ärztekammer warnt vor Versorgungsengpässen, wenn die Preise „von oben“ diktiert werden. Seitens des Hauptverbands will man wegen der noch laufenden Verhandlungen vorerst keine Stellungnahme abgeben. Und doch ist klar, dass eine gesetzliche Regelung begrüßt würde. Generaldirektor Dr. Josef Probst hat sich zuletzt beim Europäischen Forum Gastein für eine Regeländerung ausgesprochen und untermauerte die „Bedrohung für das Gesundheitssystem“ mit konkreten Zahlen: Im Jahr 2015 seien 29 Prozent der Ausgaben für Arzneimittel der österreichischen Sozialversicherung für hochpreisige Medikamente (über 700 Euro/Packung) ausgegeben worden, obwohl sie nur etwa 0,4 Prozent der 125 Millionen Rezepte bilden.

 

Überschießende Eingriffe ins Erstattungssystem

„Seit Jahren liegt der Anteil der Ausgaben für Medikamente an den gesamten Gesundheitsausgaben in Österreich konstant bei 12 Prozent. Dieser Prozentsatz hat sich auch durch die Einführung innovativer neuer Arzneimittel nicht verändert, die schwere Erkrankungen deutlich lindern oder sogar heilen können. Trotz dieser Tatsache sind die Arzneimittelpreise für den Hauptverband der Sozialversicherungen regelmäßig ein Beschwerdepunkt. Der aktuelle Gesetzesentwurf des Gesundheitsministeriums zur ASVG-Novelle sieht vor, dass für No-Box-Medikamente maximal der EU-Durchschnittspreis bezahlt wird – und das obwohl Österreich gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf das viertreichste Land der EU ist und schon jetzt laut einer Studie des Instituts für Pharmaökonomische Forschung (IPF) bei den Kosten der heimischen Arzneimittel pro Packung deutlich unter dem EU-15 Schnitt liegt. Es werden völlig überschießende Eingriffe ins Erstattungssystem vorgesehen. Dies könnte zur Folge haben, dass innovative Arzneimittel nicht mehr unmittelbar nach deren Zulassung am österreichischen Markt eingeführt werden. Österreich gehörte bisher zu den Erstländern bei der Einführung von modernen Medikamenten und nahm damit einen Spitzenplatz bei der Versorgung der Patienten mit innovativen Therapien ein. Mit dem neuen Gesetz könnte diese Versorgung gefährdet werden.Bei der Diskussion über die Kosten von Arzneimitteln wird gerne die kosten- und zeitintensive Entwicklung ebendieser außer Acht gelassen. Der Prozess von der Idee des Medikaments zum fertigen und zugelassenen Produkt dauert im Durchschnitt zehn Jahre. Von 10.000 Wirkstoffkandidaten im Labor schafft es letztlich gerade einmal einer bis zum Patienten. Die Kosten in Milliardenhöhe fallen für die Gesamtzahl der Wirkstoffe im Forschungsprozess an. Weiters darf man auch die Kosteneinsparungen nicht vergessen, die neue, innovative Therapien unserem Sozialversicherungssystem bringen – etwa durch verkürzte Krankenstandzeiten und weniger gesundheitsbedingte Frühpension. Die Kosten von heute sind die Einsparungen von morgen. Statt die Pharmaindustrie schlechtzureden, der wir letztendlich den gesundheitlichen Fortschritt in unserer Gesellschaft verdanken, sollten die Krankenkassen einen Aktionsplan erstellen, der den Patienten im Fokus hat und ihm nachhaltig den Zugang zu innovativen Arzneimitteln garantiert.“

Mag. Sylvia Hofinger, Geschäftsführerin des Fachverbandes der chemischen Industrie

Es kommt zu Lieferengpässen bei Medikamenten

„Die Bundesregierung plant eine Gesetzesinitiative, um teuren Medikamenten einen Riegel vorzuschieben. Damit schließt sie nahtlos an die Gesetzesflut und Gedankenwelt der Vergangenheit an. Ein trauriges Beispiel nicht nachvollziehbarer Vorschläge war etwa die Intention, sogar Wartezeiten per Gesetz regeln zu wollen! Eine festgeschriebene Preisregelung für teure und meist innovative, hochwirksame Medikamente würde zu einer weiteren Verzerrung des Marktes und zu einer Verschlechterung der Versorgungslage führen. Schließlich werden neben den in Österreich hergestellten Arzneimitteln auch Medikamente importiert, parallel importiert und manchmal auch exportiert und wieder re-importiert. Dennoch kommt es jetzt schon immer wieder zu Lieferengpässen bei bestimmten Medikamenten. Eine restriktivere und vom Gesetzgeber diktierte Preispolitik wäre hier sicherlich nicht hilfreich. An sich sollten die derzeitigen Regelungen für die Zulassung und Preisbildung für Medikamente völlig ausreichend sein.Die Politik liefert erneut ein Beispiel unreflektierten Sparens. Wie schon so oft, versucht im Hintergrund der Hauptverband der Sozialversicherungsträger eigene Unzulänglichkeiten und Strukturprobleme durch neue Gesetzeswünsche zu überdecken, ohne das Gesamtbild eines modernen Gesundheitsversorgungssystems im Auge zu haben. In der Realität werden innovative Medikamente von nationalen und internationalen Konzernen entwickelt und angeboten. Fachkompetente und verantwortungsvolle Ärzte entscheiden dann zum Wohle ihrer Patienten über deren Anwendung. Jede marktfeindliche Sonderregelung für das kleine Österreich birgt die Gefahr in sich, dass unser Land noch mehr die Garantie einer ungestörten Belieferung verliert. Neben dem individuellen Nutzen für den einzelnen Patienten wird ein hochpreisiges Medikament auch seine Umweg-Rentabilität entwickeln. So werden bei sachgerechtem Einsatz stationäre Aufenthalte verkürzt oder unnötig. Auch die Vermeidung von Krankenständen und Invalidisierung lassen hohe volkswirtschaftliche Gesamteffekte erwarten, die den Medikamentenpreis häufig mehr als egalisieren. Deshalb muss der medizinische Nutzen eines Medikaments im Vordergrund stehen, und nicht sein einseitig bewerteter Preis. Zu glauben, dass gesetzliche Preisregelungen in Zeiten globaler Märkte Finanzierungs- und Versorgungssicherheit herstellen, ist illusorisch.“

Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Tiroler und der Österreichischen Ärztekammer

Jeder hat das Recht auf eine gute Gesundheitsfürsorge

„Die Gesundheitssysteme in Europa sind in den vergangenen Jahren zunehmend unter Druck geraten. In einigen Fällen wurde diesen Herausforderungen durch die Verringerung der Erstattung von Medikamenten und die Erhöhungen des Selbstbehaltes entgegengewirkt. Allerdings können sich in der EU viele Menschen Arzneimittel nicht mehr leisten, weil die Preise in den letzten Jahren stark angestiegen sind. Doch jeder hat das Recht auf eine gute Gesundheitsfürsorge. Die Verfügbarkeit und die Leistbarkeit von hochwertigen und effektiven Therapien müssen für alle EU-Bürgerinnen und Bürger, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten gewährleistet sein. Im europäischen Vergleich liegen in Österreich die Preise für Medikamente über dem Durchschnitt. 2014 gaben die Österreicherinnen und Österreicher pro Kopf im Jahr 443 Euro für Medikamente aus. Damit lag Österreich bei den Ausgaben für Arzneimittel auf Platz sechs aller EU-Mitgliedsstaaten. Außerdem wird erwartet, dass die Ausgaben im Gesundheitswesen in der EU von 8,7 Prozent des BIPs auf etwa 10 Prozent im Jahr 2050 steigen werden. Wir sind mit einer immer älter werdenden Bevölkerung konfrontiert, und somit steigt auch die Nachfrage nach sicheren und effektiven Behandlungen. Die Entwicklung innovativer Behandlungen bietet Patienten neue Möglichkeiten – vorausgesetzt, dass alle Zugang zu diesen erhalten. Auf sozialdemokratische Initiative hat das Europaparlament eine Empfehlung verabschiedet, um Hürden und Ungleichheiten im Zugang zu Medikamenten abzubauen. Es ist mir ein besonderes Anliegen, für die Behandlung von seltenen Krankheiten innovative und erschwingliche Medikamente schneller auf den Markt zu bringen. Betroffene hätten in Zukunft besseren Zugang zu vielversprechenden Medikamenten, die unter strengsten Auflagen getestet und kontrolliert werden. Die EU-Kommission hebt den Zugang zum Gesundheitssystem in Österreich positiv hervor, allerdings fehle es an Kostentransparenz. Wir dürfen uns auf den hohen Standards nicht ausruhen. Transparenz ist zentral. Durch die Monopole der Pharmaunternehmen auf Langzeitpatente fehlt es oft an notwendiger Transparenz bei den Herstellungskosten. Gemeinsame Preisverhandlungen der Mitgliedstaaten würden unsere Verhandlungsmacht stärken und es der EU ermöglichen, eine Führungsrolle zu übernehmen.“

Karin Kadenbach, SPÖ-Gesundheitssprecherin im EU-Parlament

Isabella Csokai , Ärzte Woche 12/2017

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