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Gesundheitspolitik 20. Februar 2017

Das kannst du überleben

Krebsforschung. Mehr Geld schafft höhere Überlebenschancen und Rauchen ist gefährlich. Das sind die Outcomes einer Studie über die onkologische Versorgung in Europa. Und: An teuren Theapien führt kein Weg vorbei.

Der schwedische „Comparator Report on Patient Access to Cancer Medicines in Europe Revisited“ ( bit.ly/2liCwbR ), gibt einen Überblick über die Versorgungslage von Krebspatienten im europaweiten Vergleich. Nach wie vor ist Krebs eine altersbedingte Erkrankung: Ab 40 steigt die Zahl der Neuerkrankungen stark an, etwa ein Drittel aller Betroffenen in Europa ist älter als 75. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei den Todesfällen. Nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist Krebs die zweithäufigste Todesursache in Europa. Pro Jahr werden hierzulande rund 39.000 Neuerkrankungen diagnostiziert, statistisch gesehen trifft es jeden dritten Österreicher im Laufe seines Lebens. Im europäischen Schnitt sind die Neuerkrankungen in den Jahren 1995 bis 2012 um 30 Prozent gestiegen. Gründe dafür: Die alternde und wachsende Bevölkerung, Screeningprogramme sorgen für mehr Früherkennung, und schließlich spielt der Lebensstil den Neuerkrankungen in die Hände.

Nichtsdestotrotz hat der Bericht erfreuliche Ergebnisse zutage gebracht: Heimische Krebspatienten sind besser versorgt als im europäischen Durchschnitt. Europaweit steigen zwar die Kosten für die Versorgung onkologischer Patienten, gleichzeitig sinkt der sterblichkeitsbedingte Produktivitätsverlust. Österreich weist gute Zahlen bei der 5-Jahres-Überlebensrate aus. Das heißt: Es leben heute deutlich mehr Krebspatienten fünf Jahre nach ihrer Diagnose als noch vor 20 Jahren. Erklärbar ist dieser Umstand durch die Fortschritte in der Medizin und die hochwertige Versorgung mit innovativen medikamentösen Therapien. Eine niedrigere Sterblichkeit und die Verfügbarkeit moderner Medikamente sind aber eben nicht in jedem Gesundheitssystem vorhanden.

 

Schweden ist anders

Europaweit zeigt sich ein einheitliches Bild, was Krebsneuerkrankungen, die Krebssterblichkeit und die Überlebensrate betrifft. Im Jahr 2012 gab es um 30 Prozent mehr Krebserkrankungen als 1995. Etwa ein Viertel aller Todesfälle ist auf Krebs zurückzuführen. Heute leben 50 Prozent der Patienten fünf Jahre nach der Diagnosestellung und Österreich liegt gerade bei der Überlebensrate im europäischen Spitzenfeld auf Rang vier, hinter Finnland, Island und dem Tabellenführer Schweden. Das zeigt, dass die Krebspatienten in Österreich medizinisch sehr gut versorgt sind. Die Zahlen sind ein Beleg dafür, dass Länder mit höheren Ausgaben höhere Überlebensraten aufweisen.

Schweden gibt zwar weniger aus und weist eine höhere Überlebensrate aus als Österreich, das ist aber darauf zurückzuführen, dass Schweden den geringsten Anteil von Rauchern hat. Daher ist hier als einziges von 40 europäischen Ländern nicht Lungen-, sondern Prostatakrebs die häufigste Todesursache bei den Männern. Unter den Top 5-Krebsarten bei Männern mit Lunge, Dickdarm, Prostata, Magen und Bauchspeicheldrüse hat sich zwischen 1995 und 2012 nicht viel verändert. Brustkrebs war belegte immer den Spitzenplatz bei Frauen, doch an zweiter Stelle wurde der Dickdarmkrebs mittlerweile auch hier vom Lungenkrebs abgelöst. Die Erklärung dafür ist einfach: Immer mehr Frauen rauchen und der Zusammenhang mit der Zunahme von Lungenkrebs ist mehr als eindeutig belegt. Der Anteil an den Gesundheitsausgaben, der auf die Diagnose und Therapie von Krebs entfällt, ist im Zeitraum zwischen 2010 und 2014 in Europa ebenfalls stabil geblieben – er lag 2010 bei 53 Milliarden Euro und 2014 bei 88 Milliarden Euro. Wenn man die Entwicklung von Preisniveau und die Zahl der Neuerkrankungen mitberücksichtigt, sind die Ausgaben in etwa gleichgeblieben. 23 Prozent der Ausgaben für Krebs entfallen europaweit auf medikamentöse Behandlungen, was einer Verdoppelung gegenüber 2005 entspricht. Dabei darf man nicht außer Acht lassen, dass heute dank moderner Medikamente und zunehmender Screeningprogramme mehr Patienten eine Therapie als noch vor 10 Jahren erhalten. Zudem stehen für Krebsarten, die lange als nicht behandelbar galten, adäquate Therapien zur Verfügung, wie beim Prostatakarzinom. Die Studie zeigt, dass 50 Prozent der Kosten für Krebsbehandlungen im stationären Setting anfallen, jedoch seit dem Jahr 2000 eine deutliche Verlagerung in Richtung ambulanten Bereich zu verzeichnen ist und vermutlich in den kommenden Jahren dieser Trend weiter anhalten wird.

Thomas Hofmarcher, MSc, Research Manager, Swedish Institute for Health Economics

Dunkle Wolken ziehen auf

Wir freuen uns, dass Österreich im Hinblick auf die Krebsbehandlungen auf einem derart guten Ranking-Platz liegt. Allerdings ist die eine oder andere dunkle Wolke am Horizont zu erkennen, denn der Zusammenhang zwischen niedriger Sterblichkeit und der Verfügbarkeit moderner Medikamente für die Krebstherapie zwingt unweigerlich dazu, die Frage nach der Finanzierbarkeit zu stellen. Ich arbeite an einem Projekt mit der europäischen Onkologengesellschaft ESMO, die Medikamente in Abhängigkeit von ihrer klinischen Wertigkeit aufgelistet hat. Daraus sind jene zu entnehmen, die einen besonders hohen Stellenwert haben und dementsprechend als klinisch bedeutsam eingestuft werden. So kann eine Brücke zwischen der Verfügbarkeit modernster Medikamente, ihrer klinischen Wertigkeit und schließlich der Übersetzung dieser Ergebnisse auf die Überlebensstatistik an Krebs innerhalb eines Landes konstruiert werden. Und wir sind überzeugt, dass Medikamente mit einer hohen klinischen Wertigkeit den Patienten nicht vorenthalten werden dürfen.

Die Daten der schwedischen Studie sind wertvoll für uns, zeigen sich doch in ihrer Unaufgeregtheit und Analyse, dass wir die Kritiker teurer Therapien jetzt auf ihren Platz verweisen können. Ja, Therapien kosten Geld, aber sie sichern immer mehr Menschen das Überleben. Wir haben in Österreich etwa 330.000 Betroffene, gemeinsam mit den Lebenspartnern und Kindern, also den engsten Angehörigen, betrifft das Leben mit Krebs direkt oder indirekt knapp eine Million Menschen. Diese Zahl hat Gewicht. Diese Menschen zahlen Steuern und Versicherungen und haben einen Anspruch darauf, soziale Leistungen zu erhalten. Wir dürfen Kranke und sozial Bedürftige keinesfalls zu Bittstellern degradieren, indem wir dann den Rotstift ansetzen, wenn sie am dringendsten Hilfe benötigen. Die hohe Überlebensrate spiegelt auch die rasanten klinischen Fortschritte aus den letzten Jahren wider, wo etwa 70 neue Krebstherapien eine Zulassung erhalten haben. Eine Reihe davon betreffen Krebsarten, die bisher auch als nicht therapierbar angesehen wurden wie Nierenkrebs, chronische lymphatische Leukämie oder das Prostatakarzinom. Alle diese neuen Substanzen zeigen einen Niederschlag in der Überlebensrate. Das maligne Melanom war bis vor Kurzem noch ein Todesurteil, heute haben wir zwei Drittel Erkrankte, die sogar mit Metastasen noch am Leben sind!

Prof. Dr. Christoph Zielinski, Leiter der Univ. Klinik für Innere Medizin I der Klinischen Abteilung für Onkologie und des Comprehensive Cancer Center der MedUni Wien

Innovationen in der Pipeline

Nach wie vor werden Innovationen in der pharmazeutischen Industrie ausschließlich auf ihre Kosten und Preise reduziert. Dass Patienten von Krankheiten geheilt werden, schwerwiegende Eingriffe erspart bleiben und die Lebensqualität verbessert wird, wird in den Diskussionen konsequent ausgespart. Egal, ob es sich um bewährte oder innovative Therapien handelt. Hier fehlt eine gesamthafte Sichtweise im Gesundheitswesen. Gerade in der Onkologie konnten in den vergangenen Jahren medizinische Durchbrüche erzielt werden. Krebs ist heute in vielen Fällen kein Todesurteil mehr, Patienten mit Hepatitis C können erstmals geheilt werden. Was diese Krankheiten gemeinsam haben, ist ein immenser Forschungsaufwand für Unternehmen, die an Behandlungs- und Heilungsmethoden forschen. Die Entwicklung entsprechender, hochkomplexer Medikamente ist enorm ressourcen- und zeitintensiv. Dies schlägt sich natürlich auch im Preis nieder. Lediglich 0,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes werden in Österreich für Krebsmedikamente im Krankenhaus aufgewendet. 12,2 Prozent beträgt der Anteil der Ausgaben für Arzneimittel an den gesamten Gesundheitsausgaben. Dieser Wert ist seit Jahren konstant. Ausgaben für den stationären und ambulanten Bereich betragen dagegen ein Vielfaches. Es ist aber natürlich leichter, auf jemand anderen mit dem Finger zu zeigen, als längst fällige, grundlegende Strukturanpassungen im eigenen Bereich anzugehen.

Bis 2020 werden voraussichtlich 225 neue Wirkstoffe auf den Markt gebracht. Im Zeitraum 2011 bis 2015 waren es 184. Das beweist, wie innovativ unsere Branche ist und dass mit Hochdruck an neuen Therapien, speziell in der Onkologie, geforscht wird. Gemäß einer Umfrage unter den Pharmig-Mitgliedsunternehmen läuft allein ein Drittel aller klinischen Prüfungen in Österreich in der Onkologie, nämlich 186 von insgesamt 469. Damit ist die Onkologie das meist beforschte Gebiet der Pharmaindustrie. Gerade Patienten, die in Studien eingebunden sind, haben oft früh Zugang zu Medikamenten mit modernsten Wirkstoffen.

Die pharmazeutische Industrie zeigt sich natürlich im Hinblick auf die Frage der Leistbarkeit verantwortlich. Der europäische Dachverband efpia hat eine Initiative gestartet, um die Herausforderungen im Zusammenhang mit Krebs in Kooperation von Industrie, Politik, Behörden, Fachkreisen, Selbsthilfegruppen etc. anzugehen. Dieser Ansatz ist vorbildlich, denn wir können heute nur gemeinsam die Versorgung der Patienten verbessern, egal um welche Krankheiten es geht.

Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig – Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs

Renate Haiden , Ärzte Woche 8/2017

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