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© Herbert Neubauer / dpa
Prof. Dr. Hans-Peter Hutter Institut für Umwelthygiene, Zentrum für Public Health, MedUni Wien.
 
Gesundheitspolitik 27. Jänner 2017

„Das ist sehr, sehr außergewöhnlich und eigentlich sensationell“

3 Fragen, 3 Antworten

Die wissenschaftliche Arbeit zur Festlegung der HCB-Grenzwerte gestaltete sich äußerst schwierig, nicht nur, weil die Daten selbst erhoben werden mussten, sondern auch das HCB komplex metabolisiert.

Kann man von einer umweltpolitischen bzw. umweltmedizinischen Sensation sprechen?

Hutter: Gerade in den derzeitigen Verhältnissen – Rufe nach Deregulierung, freies Spiel der Kräfte – ist es sowohl umweltmedizinisch als auch umweltpolitisch gesehen, sicher sehr, sehr außergewöhnlich und eigentlich sensationell, dass verbindliche Grenzwerte abgesenkt werden – das kommt praktisch kaum vor. Im Gegenteil: Zumeist wird versucht, die Grenzwerte raufzusetzen – wie beispielsweise zuletzt die Grenzwerte für Mobilfunkanlagen in der Schweiz im Rahmen des Telekommunikationsgesetzes.

Wie schwierig wird die Umsetzung der neuen Grenzwerte in der Praxis?

Hutter: HCB wurde von den 1940er- bis 1960er-Jahren verbreitet als Fungizid eingesetzt. Es wurde erst im Anschluss an die Stockholmer Konvention 2001, die 2004 in 151 Staaten in Kraft trat, verboten.

Das Verbot gründet sich auf die sehr starke Anreicherung von HCB in der Umwelt und in der Nahrungskette – von Biokonzentrationsfaktoren von über 35.000 wurde berichtet. HCB ist in der Umwelt also äußerst langlebig und kaum zu eliminieren. Unsere Richtwerte sind an die heutige Belastungssituation der Bevölkerung angepasst, es kann für die mehr belasteten Menschen eine höhere Ausscheidung erzielt werden, sofern diese Werte eingehalten werden. Das heißt: Der Gesundheitsschutz ist damit deutlich verbessert.

Und ja, keine Frage, die Lebensmittelbrache wird einige Aufgaben erledigen müssen, etwa was die Fleisch und Milchproduktion – Stichwort Futtermittel – anlangt. Aber die gute Nachricht: Man hat gesehen, es ist machbar. Das haben die Landwirte im Görtschitztal bereits gezeigt.

Wie hart war der Weg bzw. die Arbeit an den Grenzwerten?

Hutter: Sehr hart, da wir völliges Neuland betraten. Wir – Prof. Michael Kundi und ich – mussten uns überhaupt erst einen gangbaren Weg überlegen. Wie kann die Balance zwischen Ausscheidung und Aufnahme von HCB dorthin gebracht werden, sodass mehr ausgeschieden wird als aufgenommen?

Das größte Aufgabe war, die Toxikokinetik und Toxikodynamik des HCB im Organismus aufzuschlüsseln und daraus einen Algorithmus zu entwickeln. Da kann man nicht einfach hergehen, ein Buch aufschlagen und das abschreiben. Es musste also alles entwickelt werden.

Was den Stoffwechsel betrifft, muss aus verschiedenen Quellen die verschiedene Werte herausgefiltert werden, etwa wie HCB bei welchem Fettgehalt im Darm resorbiert wird, dann wieder ausgeschieden wird und so weiter.

Leider sind die HCB-Stoffwechselprozesse sehr komplex. Letztlich haben wir alle Details zusammengetragen und miteinander in ein Modell gegossen. Nicht zu vergessen: Zusätzlich gab es einen enormen Zeitdruck, da die Bevölkerung rasch effiziente Maßnahmen zum Schutz ihrer Gesundheit bzw. Abhilfe ihrer Belastung erwartete.

 

Martin Krenek-Burger, Ärzte Woche 5/2017

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