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© simpson33 / Getty Images / iStock
 
Gesundheitspolitik 20. Jänner 2017

Und: Action!

EU-Initiative. Mediziner und Patienten stehen am Ufer des digitalen Jordan. Aus Brüssel kommt nun ein Vorstoß, der vor allem auf Einsparungen abzielt.

Wer die letzten Jahren nicht gerade knochenkauend in einer zugigen Eremitenhöhle verbracht hat, war mit hoher Wahrscheinlichkeit Nutznießer einer oder mehrerer Auswüchse der elektronischen Gesundheitsversorgung, auf gut Neu-Deutsch auch „E-Health“ genannt: eine App zum Zählen des täglichen Schrittepensums, ein online ausgemachter Arzttermin und natürlich die elektronische Gesundheitsakte ELGA zählen dazu.

Brüchige Gesundheitssysteme

E-Health soll allerdings nicht nur das Leben vereinfachen und die Gesundheit der Menschen verbessern, sondern ist laut EU-Kommission zu weit Höherem berufen, nämlich zum Kostensparen. Denn die Europäer werden älter, der Anteil der berufsfähigen Bevölkerung nimmt ab und die wirtschaftliche Belastung durch Gesundheits- und Pflegedienste steigen. Das heißt: „Europas Gesundheitssysteme sind noch nicht gebrochen, aber die Risse sind unübersehbar“, erklärte vor Kurzem in Brüssel Nellie Kroes, Vizepräsidentin für die Digitale Agenda der EU-Kommission.

Und als Risse-Kitt soll der „eHealth Action Plan“ herhalten: Dieser sieht vor, europaweit standardisierte IT-Systeme einzuführen, auf dass die Gesundheitsdienstleistungen „intelligenter“, sicherer, patientenzentrierter und vor allem kosteneffektiver sein mögen.

Aktionsplan 1

Der erste derartige Aktionsplan der EU lief bereits von 2004 bis 2011 und deckte elektronische Verschreibungen und E-Cards, mit dem hehren Ziel, Wartezeiten und Verschreibungsfehler möglichst zu verringern. Zusätzlich hat seit Einführung dieses ersten Plans jedes EU-Mitgliedsland eine „E-Health Strategie“, die laut Kommission bereits Erfolge zeigte:

- In Dänemark hat ein elektronisch abgespecktes Gesundheitsdaten-Netzwerk zwischen Patienten, Allgemeinmedizinern und Sozialarbeitern zu Einsparungen in Höhe von 120 Millionen Euro pro Jahr geführt; dänische Ärzte sparen nun durchschnittlich 50 Minuten pro Tag ein, die sie früher mit den allseits beliebten administrativen Tätigkeiten verbracht hätten;

- Italien gibt an, alleine aufgrund der elektronischen Verschreibungen zwei Milliarden Euro pro Jahr einzusparen;

- In Estland haben Patienten seit 2009 einen online Zugang zu ihren medizinischen Daten und damit die Möglichkeit, Dokumente herunterladen und einen Überblick über bislang verschriebene Medikamente zu erhalten; 47 Prozent der Bevölkerung und 95 Prozent der Ärzte nutzen diesen Service. 80 Prozent der Verschreibungen werden seither elektronisch gestellt, Papierverbrauch (no na) und Fehlerquote sind stark gesunken.

Für eine effektive EU-weite IT-Gesundheitsfürsorge müssen allerdings noch jede Menge Elektronen den digitalen Jordan hinunterfließen. Am meisten Sorge bereitet den EU-Denkern das immer noch mit „mangelhaft“ benotete Bewusstsein für E-Health bei Bürgern und Angehörigen der Gesundheitsberufe (abgesehen von der Begeisterung für Gesundheits-Apps), aber auch die derzeit noch ausstehenden harten Beweisdaten für eine Kosteneffektivität elektronischer Dienste, die mangelnde rechtliche Klarheit sowie die hohen Anfangskosten bei der Einrichtung dieser Dienste. Diese „Luft-nach-oben“-Situation spiegelt sich auch an Europas Krankenhäusern wider:

- 81 Prozent der Krankenhäuser in Europa haben mittlerweile elektronische Patientenaktensysteme eingeführt, doch nur bei vier Prozent können Patienten online ihre Information einsehen;

- 71 Prozent benützen E-Booking Systeme für das Buchen von Patiententerminen bei Ärzten, doch nur acht Prozent bieten umgekehrt Patienten die Möglichkeit, online Termine zu buchen;

- Nur acht Prozent der Krankenhäuser setzen Tele-Überwachung für Patienten zu Hause ein;

- Nur fünf Prozent tauschen elektronische Informationen mit Gesundheitseinrichtungen in anderen EU Ländern aus;

- Radiologen scheinen übrigens technologisch die Nase vorn zu haben: Diese Abteilungen verschicken am häufigsten hausintern elektronische Patientenakten.

Aktionsplan 2

Doch was ein Aktionsplan nicht schafft, das bekommen vielleicht zwei hin, und daher wurde von der Kommission mittlerweile der zweite E-Health Aktionsplan ausgerufen, dessen zeitlicher Rahmen sich von 2012 bis 2020 erstreckt. Der Fokus liegt einerseits auf der ‚mobilen Gesundheit‘, die selbstverständlich mit Mobilität im klassischen Sinn überhaupt nichts zu tun hat, sondern ganz im Gegenteil die steigende Zahl der Tablet- und Smartphone-Besitzer in der EU ausnützen soll und mit „mHealth“ abgekürzt wird. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Förderung einer breiter angelegten „Interoperabilität“ der E-Health Services. Soll heißen: bessere elektronische Koordination von Dienstleistungen, sowohl innerhalb eines Landes als auch innerhalb der EU (beispielsweise wäre der aktuelle Patientenstatus europaweit abrufbar). Natürlich ist auch hier der Endzweck die Kosteneinsparung – ein häufig genanntes Beispiel ist die eine einzige MRT-Aufnahme für alle Ärzte und Strukturen, ohne unnötig wiederholte Untersuchungen. Außerdem sollen für medizinische und auch wissenschaftliche Fachkräfte Leitlinien für den Einsatz der Telemedizin in der klinischen Praxis erstellt werden.

Der EU sind bei der Durchführung eines europaweiten E-Health-Systems natürlich Grenzen gesetzt, sind doch sämtliche Aspekte der Gesundheitsversorgung Ländersache, erklärte der für eHealth zuständige Referatsleiter der EU Kommission, Gérald Cultot. Die Hauptaufgabe der EU für die nächsten Jahre sieht der Belgier in der Förderung von Programmen wie dem CEF („Connecting Europe Facility“). CEF stellt die Grundlage für Mitgliedstaaten dar, medizinische Daten auszutauschen. Die Mitgliedstaaten können dazu Ideen vorschlagen, die dann von der EU gefördert werden. Ziel ist die Implementierung der ersten Dienste bis Ende 2018. Gefördert werden Krankenhäuser oder Krankenhausgruppen, die in E-Health-Lösungen investieren wollen; für diese Ideen übernimmt die EU bis zu 35 Prozent der Kosten.Zusätzlich sollen bis 2020 zwei weitere Dienste aufgebaut werden: das „European Reference Network“ (ERNs) und die „Interoperable Patient Registers“ (ohne Abkürzung). Damit soll der Zugang zu einer EU-weiten Diagnose und Behandlung erleichtert werden, eine digitale Service-Infrastruktur (DSI) für eHealth, die bis 2020 einsatzbereit sein soll.

Ob im Jahr 2017 viel weitergehen wird, darf angezweifelt werden: Wer im offiziellen Arbeitsprogramm der Europäischen Kommission 2017 nach dem Wörtchen „health“ sucht, wird gerade einmal fündig: Unter dem Absatz: „Ein fairerer Binnenmarkt mit einer gestärkten industriellen Basis“ findet sich der Satz: „Wir werden zudem eine Initiative für die koordinierte Bewertung medizinischer Technologie einführen.“

Lydia Unger-Hunt

, Ärzte Woche 4/2017

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