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Europameister Österreich: Hierzulande gibt es die meisten jungen Raucher
 
Gesundheitspolitik 13. Jänner 2017

Angeheizte Debatte

Expertenbericht. In keinem anderen europäischen Land gibt es so viele jugendliche Raucher und ein so niedriges Mindestalter für den Kauf von Zigaretten wie hierzulande. Internationale Studien zeigen, dass ein Rauchverbot unter 18 wirksam ist.

Wir sind Europameister: Österreich hat die meisten jugendlichen Raucher. Rauchen wird schon lange als „Kinderkrankheit“ angesehen, denn wer nicht schon als Kind damit anfängt, wird später kaum noch zum Raucher. Die Tabakindustrie hat das schon lange erkannt. Bereits 1981 hatte der amerikanische Zigarettenhersteller Philip Morris in einem internen Memo betont „Die Kinder von heute sind die potenziellen Kunden von morgen, und die überwältigende Mehrheit der Raucher beginnt zu rauchen, wenn sie noch Jugendliche sind.“ In Österreich liegt das Einstiegsalter bei 17,3 Jahren und 77 Prozent aller Raucher sind mit 18 Jahren bereits regelmäßige Konsumenten.

Verblüfft war der Kardiologe Stanton Glantz aus Kalifornien, als er bei einem Österreichbesuch feststellte, er fühle sich hier in Wien „wie in einer Zeitmaschine, die mich 30 Jahre zurückversetzt hat“.

Auch der Schutz von Kindern und Jugendlichen wird hierzulande vernachlässigt. Der Grund für die hohe Anzahl an jugendlichen Rauchern liegt (unter anderem) an dem ungewöhnlich niedrigen gesetzlichen Einstiegsalter von 16 Jahren.

In den meisten Regionen der westlichen Welt können Zigaretten hingegen nur an über 18 Jährige (volljährig) verkauft werden. Vielerorts wird derzeit sogar eine Anhebung auf 21 Jahre diskutiert und in New York, Kalifornien, Hawaii und anderen Regionen wurde diese bereits umgesetzt.

Eine Anhebung des gesetzlichen Mindestalters wirkt

Als in den USA in den 1980er-Jahren über eine Anhebung des Mindestalters auf 21 Jahre diskutiert wurde, war sich die Tabakindustrie über die möglichen Folgen bewusst. So meinte Philip Morris in internen Dokumenten, dass „diese Maßnahme] den Schlüsselmarkt der 17- bis 20-Jährigen vernichten könnte, in dem wir etwa 25 Milliarden Zigaretten verkaufen und 70 Prozent Marktanteil genießen“. Wenn sich die Tabakindustrie vor einer Maßnahme zur Tabakprävention fürchtet, dann ist das meist ein Hinweis darauf, dass sie wirkt. International wurden Reformen zur Anhebung des gesetzlichen Mindestalters in folgenden Ländern auf ihre Wirksamkeit hin überprüft.

- England 2007: Anhebung des Mindestalters von 16 auf 18 Jahre. Im Oktober 2007 wurde in Großbritannien das Mindestalter für den Verkauf von Tabakprodukten von 16 auf 18 Jahre erhöht. Eine Studie mit mehr als 50.000 Personen konnte zeigen, dass der Anteil der Raucher unter den 16 und 17-Jährigen um 30 Prozent gesunken (von 23,7 % auf 16,6 %) ist. Im gleichen Zeitraum hat sich der Anteil der älteren Raucher nur minimal reduziert. Eine andere Studie untersuchte in 264 Schulen den Effekt auf 11- bis 15-Jährige und auch hier zeigte sich der Raucheranteils signifikant um 33 Prozent vermindert. Die Steigerung des Mindestalters von 16 auf 18 Jahre hat somit bei den 11- bis 17-jährigen Briten den Raucheranteil reduziert (nicht nur die vom Gesetz direkt betroffenen 16 und 17-Jährigen).

- Schweden 1997: Anhebung des Mindestalters auf 18 Jahre. Im Jahr 1997 wurde nach einigem Zweifel und Widerstand das Rauchverbot für unter 18-Jährige eingeführt. Eine Studie mit über 40.000 Schülern von 12 bis 16 Jahren wurde in drei schwedischen Regionen durchgeführt. Hier zeigte sich erst nach 9 Jahren und nur bei den 15- bis 16-Jährigen in den ländlichen Regionen Värmland und Västernorrland ein signifikant um 35 Prozent reduzierter Raucheranteil. Nicht aber in der Stadt Malmö, den 13- bis 14-Jährigen oder auf kürzere Sicht. Diese Beobachtung lässt sich vor allem durch die zahnlose Umsetzung des Gesetzes erklären. In der Stadt war es leicht auf Umwegen zu Zigaretten zu kommen und 48 Prozent der minderjährigen „Testkäufer“ konnten auch noch im Jahr 2005 mühelos Zigaretten kaufen.

- USA (Needham) 2005: Anhebung des Mindestalters von 18 auf 21 Jahre. Im April 2005 wurde Needham, Massachusetts, die erste amerikanische Stadt, in der das gesetzliche Mindestalter für den Verkauf von Tabakprodukten auf 21 Jahre angehoben wurde. Eine Studie von 16.000 Schülern (14-bis 18-Jährige) aus Needham und 16 angrenzenden Gemeinden zeigte, dass sich in Needham der Raucheranteil um 46 Prozent vermindert (von 13 auf 7%) und in den angrenzenden Gemeinden nur von 15 auf 12 Prozent. Eine aktuelle Studie des „Institute of Medicine“ hat weiters berechnet, dass eine landesweite Anhebung des Mindestalters auf 21 Jahre den Anteil der 15-bis 17-jährigen Raucher in den USA um 25 Prozent absenken könnte.

Es lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen, dass ähnliche Erfolge auch in Österreich auftreten würden, die Ergebnisse der vorgestellten internationalen Reformen sind jedoch vielversprechend. Fazit: Ein „Rauchverbot für unter 18-Jährige“ hat international vielversprechende Erfolge gezeigt.

Dr. Florian Stigler, der korrespondierende Autor, ist am Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung der Med Uni Graz tätig.

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Von F. Stigler, T. Czypionka und A. Siebenhofer-Kroitzsch

, Ärzte Woche 3/2017

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