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Der Hölle von Aleppo sind sie entkommen, nun wartet ein Winter im Zeltlager auf diese Syrer.

© Philipp Horak
Margaretha Maleh

 
Gesundheitspolitik 9. Jänner 2017

„Es ist schwer aushaltbar“

Interview. Ärzte ohne Grenzen Österreich nimmt sich der syrischen Flüchtlinge schon in den Lagern an. Präsidentin Margaretha Maleh und ihr Berater für humanitäre Angelegenheiten, Franz Luef, über Selbstheilungskräfte, Willkommenskultur und Psychotherapie unterm Tannenbaum.

Der deutsche MSF-Präsident Volker Westerbarkey hat Mitte November gesagt, das Ende der Humanität sei in Aleppo erreicht. Wo stehen wir jetzt?

Maleh: Ich hoffe, dass durch die Aussiedelung und notdürftigste Versorgung der Bevölkerung Ost-Aleppos doch nicht das Ende der Humanität erreicht ist, dass das Ende nie erreicht wird. Die Konsequenzen der heftigen Bombardements sind furchtbar, die Menschen, die in die Camps außerhalb Aleppos gebracht wurden, das sind nur noch Überlebende, aber eigentlich keine Lebenden mehr.

Wie geht es weiter für diese Menschen?

Maleh: Im ersten Moment sind alle froh, dass sie in Sicherheit sind. Sie bekommen etwas zu essen, ein Dach überm Kopf, ein Eck, in das sie ihre Habseligkeiten schlichten können. Aber dann, wenn sie den ersten Schock überwunden haben, überfällt sie wieder die grausame Hoffnungslosigkeit über den nicht enden wollenden Bürgerkrieg (seit 2011, Anm.).

Wie sieht psychologische Hilfestellung vor Ort aus?

Maleh: Der Bedarf ist enorm. Wir von Ärzte ohne Grenzen Österreich stellen arabisch und Englisch sprechende Psychologen oder Sozialarbeiter an, die wir trainieren und supervidieren. Wir helfen den Lehrern in den großen Flüchtlingscamps, die Symptome der traumatisierten Kinder zu verstehen und erklären ihnen, wie sie damit besser umgehen können. Ein Drittel der Bevölkerung in Flüchtlingslagern sind Kinder, darunter sind naturgemäß auch behinderte Kinder und Jugendliche. Als ich im Flüchtlingslager im Nordirak auf Einsatz war, kam eine Mutter mit ihrem behinderten 18-jährigen Sohn zu mir und beklagte sich, dass er den ganzen Tag unglücklich im kalten Matsch vor dem Zelt auf der Straße sitzt, weil ihm so langweilig ist. Ich habe ihm angeboten, auf der Straße Infofolder von Ärzte ohne Grenzen an Schwangere und Mütter mit Kindern zu verteilen. Damit er nicht am Boden sitzen musste, gab ich ihm einen Plastiksessel, den er sich in der Früh freudestrahlend bei mir abgeholt und jeden Abend zurückgebracht hat. Die Mutter war dankbar und glücklich. Auch für junge Männer – viele von ihnen sind desertierte Soldaten, die haben Angst vor Vergeltungsmaßnahmen und politischer Verfolgung – versuchten wir psychologische Hilfe anzubieten.

In manchen Kulturen ist es wichtig, den Kontakt zu den traditionellen Heilern zu suchen und sensibel die Zuständigkeiten abzustecken. Da kann es mitunter zu Spannungen und Konkurrenzdenken kommen, weil die Patienten bei uns die Behandlung und Medikamente gratis bekommen und die Heiler dadurch weniger Geschäft machen.

Die siebenjährige Bana aus Aleppo ist als Twitter-Mädchen bekannt geworden, die über den Krieg in ihrer Heimatstadt berichtet hat. Sie kam heil aus der Stadt raus und wurde sogar vom türkischen Präsidenten empfangen, sie wirkt unbeschadet, kann das sein?

Maleh: Wenn man durch die ein Flüchtlingslager geht, sieht man natürlich auch lachende, spielende Kinder. Sie können das Gottseidank durch Spielen ausleben und zwischendurch vergessen. Insofern ist das Lächeln von Bana stimmig. Oft erzählen Kinder von schrecklichen Dingen, weinen und schreien, manche sind aggressiv, dann wieder in sich zurückgezogen. Kinder leiden nicht durchgehend 24 Stunden am Tag.

Luef: Man darf nicht vergessen, dass jeder, ob als Individuum oder im Familienverband, Bewältigungsstrategien entwickelt hat, um mit der Situation umzugehen. Als ich 2012 im Norden Aleppos war, um ein Spital zu eröffnen, hat uns das Dorfoberhaupt gefragt, ob wir nicht etwas für die Kinder machen können, um sie von dem Gräuel, das sie umgibt, abzulenken. Wir haben dann einen Kinoabend veranstaltet und den Kindern einen Zeichentrickfilm gezeigt.

Ein Trauma aufarbeiten, kann sehr lange dauern, wie viel können sie in den Camps erreichen?

Maleh: Als Psychotherapeutin bei einem Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen würde ich nicht davon sprechen, dass wir mit den Menschen primär ein Trauma aufarbeiten. Es geht einfach vielmehr darum, den Menschen einfühlsam zuzuhören und zu helfen, wieder ihre Kraft und ihre Fähigkeiten zu mobilisieren, um den Alltag zu bewältigen, ohne permanent von Zweifeln und Ängsten und somatischen Beschwerden geplagt zu werden. Es geht meistens um Krisenintervention. Ich möchte aber auch sagen, dass vieles die Zeit heilt. Das ist in der Medizin ja auch oft so: manchmal muss man nur geduldig abwarten. Aber meistens trägt professionelle Hilfe dazu bei, diesen Heilungsprozess zu beschleunigen. Bei psychischen Erkrankungen wie PTBS, Depression oder Angststörungen versorgen wir die Menschen zusätzlich mit Medikamenten.

Lässt das Setting Zeltlager ohne Privatsphäre überhaupt psychotherapeutisches Arbeiten zu?

Maleh: Ich kann auch unter einem Tannenbaum arbeiten, das Setting ist meistens egal, wenn das Leiden so groß ist. Wirklich schwierig ist die Situation für die Menschen in den beengten Zelten: auf Dauer ist das Leben schwer aushaltbar, die kriegen von ihren Nachbarn alles mit, und selbst haben sie auch keine Privatsphäre. Das geht eine Zeit lang gut, aber der Stress nimmt zu – und damit leider auch die Gewalt.

Und der Zweifel, dass es je wieder aufwärts geht?

Luef: Das ist ein ständiges Auf und Ab. Der Kriegsverlauf hat einen direkten Einfluss auf das Wohlbefinden. Sehr viele Flüchtlinge haben Familienmitglieder und Freunde verloren oder einen großen Teil ihrer Lieben zurückgelassen. Wenn sie es bis in die EU geschafft haben, kommt die Ungewissheit über den Ausgang ihres Asylverfahrens hinzu. Da genügt dann manchmal schon ein nicht sensibel geführtes Gespräch eines Behördenvertreters und die Angst und Ohnmacht sind wieder da. Es ist sehr schwierig, einen ständigen Fortschritt im Sinne eines Heilungsprozesses aufrechtzuerhalten.

Maleh: Nicht zu vergessen das schlechte Gewissen, das viele Flüchtlinge plagt. Das schlechte Gewissen, hier zu sein, in Sicherheit, während andere auf der Flucht umgekommen sind. Das ist eine Hochschaubahn der Emotionen.

Teile der Politik und des Boulevards rufen das Ende der Willkommenskultur aus, mit der Solidarität mit den Flüchtlingen, wie konnte das passieren?

Luef: Von Seiten der Politik wird den Österreichern eingeredet, dass wir nicht mehr solidarisch sind. Dann erlebt man am Westbahnhof aber genau das Gegenteil. Die Österreicher, quer durch alle Berufs- und Einkommensschichten sind solidarisch, waren es immer schon, sei es während der Balkankriege oder zu Zeiten der Ostöffnung. Dann steht man mit diesen ehrenamtlichen Helfern in Nickelsdorf oder Spielfeld und in den Nachrichten sagt ein Politiker, das Boot sei voll.

Maleh: Das ist Meinungsmache, die sicher der Solidarität nicht dienlich ist. Anfangs hat die Politik die Zivilgesellschaft gerade ziemlich im Stich gelassen, da kam die Unterstützung nur sehr schleppend. Polarisierung und ideologische Miesmache sind kontraproduktiv.

Wenn Sie an die Überbelegung des Lagers Traiskirchen im Sommer 2015 zurückdenken, sind wir hierzulande heute besser aufgestellt?

Maleh: Das müssen sie die Politiker fragen. Ich glaube aber schon, dass man daraus gelernt hat. Ich glaube und hoffe, es sollte eigentlich keine zweite derartige Situation geben, ansonsten wäre ich noch mehr verwundert über die Überforderung und schleppend anlaufende Unterstützung staatlicherseits als ich es damals war.


Martin Křenek-Burger im Gespräch mit Margaretha Maleh und Franz Luef

, Ärzte Woche 1/2/2017

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