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Gesundheitspolitik 9. Jänner 2017

Sag niemals Auslaufmodell zu ihm

Hausarzt. Ärztevertreter werden nicht müde, davor zu warnen, dass „er“ durch profitorientierte PHC obsolet gemacht werden soll. Wohnortnahe Versorgung, die freie Arztwahl und das soziale Gesundheitssystem seien in Gefahr.

Ärztemangel ist wie Waldsterben. In den 1970er-Jahren schien das Schicksal des Waldes besiegelt. So wie heute jenes des Hausarztes. Der Slogan „Wenn der Wald stirbt, stirbt der Mensch“ trieb Aktivisten auf die Straße. „Stirbt der Allgemeinmediziner, stirbt der Mensch“, macht ebenfalls mobil. Aktivisten demonstrieren für eine bessere Versorgung und die Rettung der Praxen, die PR-Abteilung der Ärztekammer ist gut vorbereitet.

Das „Hausärztemodell“ wird aus der Schublade geholt, wenn Lösungen für die vernachlässigte extramurale Grundversorgung gesucht werden. Heute kommen neue Konzepte wie PHC oder PVE ins Spiel. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht in die Gänge kommen und wohl keine ernst zu nehmende Lösung für die eigentlichen Sorgen der niedergelassenen Allgemeinmediziner bieten: die mangelnde Anerkennung, die unzureichende Aus- und Weiterbildung, der Entzug von Kompetenzen, die Verbürokratisierung des Berufsstandes. Die Entscheidung, eine eigene Praxis zu führen und damit selbstständig und eigenverantwortlich tätig zu werden, verlangt zudem Mut und unternehmerisches Geschick, was der jungen Generation nicht immer in den Lebensplan passt. Die Forderungen und Visionen der (noch) praktizierenden Generation an Allgemeinmediziner sind nachvollziehbar, wenn auch nicht einfach umsetzbar: eine starke Position im Gesundheitssystem; Anerkennung und Respekt; die Honorierung der Allgemeinmediziner entsprechend ihrer essenziellen Rolle; die Arbeitsbedingungen und Praxisstrukturen den Anforderungen an eine starke Primärversorgung anpassen; eine zeitgemäße und praxisorientierte universitäre Ausbildung für alle Studenten sowie Weiterbildung und Training für geeignete Absolventen.

 

Hausärzte werden aussterben

Wenn sich die politische Richtung nicht ändert, dann ist der der freiberufliche Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag definitiv ein Auslaufmodell. Und dieser Weg wird das Gesundheitssystem sowohl unfinanzierbar machen als auch qualitativ massiv verschlechtern. Wir werden es nicht schaffen, das Interesse der Jungmediziner für diesen Beruf zu wecken. Denn die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sind alles andere als ideal. Um eine positive Richtung einzuschlagen, müsste man an vielen Schräubchen drehen. Die Art. 15a-Vereinbarung geht jedoch komplett in die falsche Richtung. Subventionierte Zentren ohne medizinischen Mehrwert werden dafür sorgen, dass unsere Hausärzte noch mehr in Schwierigkeiten kommen. Sie werden aussterben und die neuen Zentren können und werden einen Teil der Aufgaben der Hausärzteschaft nicht übernehmen. Auf der Strecke bleiben die Patienten. Vor allem auf dem Land und vor allem die älteren und immobilen Patienten.

Eine sinnvolle Alternative wäre ein Hausarztmodell, wie es die Österreichische Ärztekammer schon seit Langem fordert. Es basiert auf der freiwilligen Teilnahme des Arztes und der freiwilligen Bindung des Patienten an den Arzt seiner Wahl. Die teilnehmenden Ärzte bekommen mehr Zeit und Honorar, um sich mit den Patienten zu beschäftigen. Diese Hausarztmodelle verbessern die Arbeitssituation, das Einkommen und nachweislich auch die Gesundheit der Patienten, was sich volkswirtschaftlich enorm auszahlt. Und zwar in Kombination mit neuen Leistungsangeboten, die für alle Anbieter identisch zur Verfügung stehen. Wenn dann noch die ärztlichen Gesellschaftsformen und Anstellungsverhältnisse möglich werden, bilden sich dort Zentren, wo sie Sinn machen, ohne wettbewerbswidrige Konkurrenz zu den Einzelpraxen. Gleiche Leistung muss aber auch gleich honoriert werden und von jedem Anbieter erbracht werden können, der die Voraussetzung dafür hat. Eine Abweichung von diesem Grundsatz ist problematisch. Denn subventionierte Zentren werden natürlich ein anderes Spektrum anbieten können als Einzelpraxen, weil einfach deutlich mehr Geld ins System kommt. Und das wird die Einzelpraxen wirtschaftlich zerstören, weil sie mit Kassentarifen leben müssen, die sehr knapp kalkuliert sind und sich rechnerisch nur dann halten lassen, wenn die Auslastung gemäß Stellenplan stimmt. Mit einer Überarbeitung der Leistungskataloge und der ärztlichen Kooperationsmöglichkeiten könnte auf Basis der bestehenden Struktur problemlos dafür gesorgt werden, dass die bestehende niedergelassene Ärzteschaft einen Großteil der unnötigen Ambulanzbesuche abfängt.

Dr. Martina Hasenhündl, Allgemeinmedizinerin, Stetten, 1. Kurienobmann-Stellvertreterin der niedergelassenen ÄK NÖ

Honorar heißt Ehre und nicht Geld!

Der Hausarzt hätte Zukunft, aber nur in der Form, wie er vor rund 25 Jahren noch existiert hat. Damals hatte der Hausarzt noch Perspektiven, wurde respektiert und seine Arbeit wurde „standesgemäß“ honoriert. Es gab noch keine überladene Bürokratie, keine Kontrollen und Zertifizierungen, die ein „hausärztliches Gesamtkunstwerk“ praktisch unmöglich machen. Ich denke, dass die Politik zur Rettung der Hausärzte nur Lippenbekenntnisse abgibt und die Aktivitäten eher darauf abzielen, den Hausarzt als Einzelordination komplett abzuschaffen. Wir brauchen dringend eine Einschränkung der Gesetzesflut, um die ärztliche Kunst wieder ausüben zu können. Ärztliche Kunst heißt auch, dass sich diese Tätigkeit nicht normieren, quantifizieren und in Qualitätssysteme pressen lässt. Jeder Hausarzt ist bis zu einem gewissen Grad auch Seelsorger. Seine große Stärke ist die langjährige Nähe zum Patienten und dessen sozialer Umgebung. Mein Fazit ist, dass die Politik keine patientennahen Hausärzte will, ja schon fast auf die Nähe der Hausärzte zu „ihren“ Patienten eifersüchtig ist.

Honorar bedeutet im ursprünglichen Sinn „Ehre“ und nicht Geld! Und es bedeutet einen ehrenhaften Umgang miteinander. Ich erlebe als Landarzt die Wertschätzung der Bevölkerung, die ich versuche durch meine Arbeit mit großer Demut zurückzugeben. Das Leistungsspektrum eines Hausarztes ist auf dem Land ein größeres als in der Stadt. Damit das aber so bleiben kann, muss die Ausbildung auch entsprechend qualitativ hochwertig sein. Auch hier zeigt sich wieder das Lippenbekenntnis der Politik, denn die Kosten für die Lehrpraxis sind ein Pappenstiel gemessen an den verpulverten Kosten im Gesamtsystem.

Eine profunde Ausbildung wäre wichtig und niemand kann das besser als die jahrzehntelang tätigen Hausärzte. Ich sehe die Zukunft der Hausärzte auch als eine kostengünstige Versorgungsmöglichkeit, denn wer Tag und Nacht als selbstständiger Arzt im Einsatz ist, wird dem System weniger Kosten verursachen als Ärzte, die in einem Angestelltenverhältnis Dienst nach Vorschrift machen. Landarzt sein ist kein Job, sondern eine Berufung und auch eine Lebensform, die mit der Familie in Einklang gebracht werden muss und kann. Es sollen auch nur jene Hausärzte werden, die bereit sind, ihr Leben in den Dienst der Patienten zu stellen. Wer Teilzeitarzt sein will, ist eben nur ein Teil-Arzt und geht besser in ein Angestelltenverhältnis. Ärztlichkeit definiert sich für mich über Menschlichkeit und nicht über ein abgeschlossenes Studium oder eine gelungene Work-Life-Balance. Ich bin seit 35 Jahren Hausarzt und sehe, dass die Patienten keine Teams an Teilzeitärzten benötigen, sondern Begleiter durch ihr Leben und das kann niemand besser als der Hausarzt mit entsprechender Wertschätzung auf beiden Seiten!

Dr. Günter Loewit, Allgemeinmediziner, Marchegg

Hausarzt ist kein einfältiger Beruf

So wie es aussieht, wird es den Hausarzt, der seit Jahrzehnten die Primärversorgung sicherstellt, bald nicht mehr geben. Das erfüllt mich mit Trauer, weil ich selbst den Beruf seit rund 30 Jahren ausübe und sehr gerne Landarzt bin. Die Umstände, warum die Tätigkeit als niedergelassener Allgemeinmediziner nicht mehr attraktiv genug ist, um den Nachwuchs anzulocken, sind vielfältig. An vorderster Stelle möchte ich erwähnen, dass der Landarzt bzw. der Hausarzt als Einzelkämpfer totgeredet wurden. Seit Jahrzehnten hat die Politik gefordert, die Hausärzte zu fördern. „Weniger Spital, mehr ambulant“ war ein Slogan, doch passiert ist nie etwas in dieser Richtung. Im Gegenteil, wir Hausärzte wurden systematisch ausgehungert. Weniger verrechenbare Leistungen, mehr Bürokratie, Wochen- und Nachdienste, die nicht familien- oder frauenfreundlich sind und die fehlende Ausbildung bzw. Lehrpraxisfinanzierung haben dazu beigetragen, dass der Beruf unattraktiv geworden ist.

Ob die Primärversorgungseinheiten diese Lücke füllen werden können, ist nicht sicher, wir wissen nicht, ob es genug Pflegekräfte und andere Gesundheitsdienstleister gibt, die in diesen Versorgungseinheiten zu den Bedingungen der Kassen arbeiten wollen. Hausärzte könnten die Spitäler entlasten, doch fehlt eine passende Struktur, um die wohnortnahe Versorgung sicherzustellen. Das liegt nicht nur an den Hausärzten, denn wir haben nicht genug diplomiertes Personal für die medizinische Hauskrankenpflege oder Physiotherapeuten, die Patienten zu Hause mobilisieren könnten. Hausarzt zu sein ist eine erfüllende Tätigkeit mit viel Freiraum. Der Beruf ist keineswegs einfältig, sondern vielfältig, setzt aber die freiwillige Übernahme von Verantwortung voraus. Für junge Mediziner ist Hausarzt eine „terra incognita“, sie lernen in ihrer Ausbildung nichts über das Kassensystem, die Freiberuflichkeit und entscheiden sich für die Sicherheit einer Anstellung im Spital, wo sie keine unmittelbare Verantwortung haben, sowie ein geregeltes Einkommen mit Urlaub, Krankenstand und Sozialversicherung. Nachdem die Finanzierung für die Lehrpraxis fehlt, wird es den Jungen schwer gemacht, sich dieses Berufsfeld anzuschauen und die vielen Vorteile kennenzulernen. Zum Vergleich: in den nordischen Ländern gibt es bis zu 36 Monate Lehrpraxis! Diese Chance haben wir nicht und das halte ich für ein Versäumnis der Politik. Da wird einerseits eine ärztliche Ausbildungsordnung erlassen, wo die Lehrpraxis verpflichtend vorgeschrieben ist, dann sind die Stellen nicht finanziert. Das halte ich für einen absichtlichen Flaschenhals, um sagen zu können, es gibt ja ohnehin nicht genug Nachwuchs, daher braucht es Primärversorgungseinheiten.

Dr. Gert Wiegele, Allgemeinmediziner, Weißenstein, Obmann der Bundessektion Ärzte für Allgemeinmedizin, ÖÄK

Renate Haiden, Ärzte Woche 1/2/2017

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