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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Gesundheitsförderung macht auch im Alter Sinn

In einem langfristig angelegten steirischen Projekt steht die Lebensqualität und Gesundheit von Menschen über 60 im Vordergrund. Der Mitarbeit von Allgemeinmedizinern kommt dabei große Bedeutung zu.

Im europäischen Vergleich ist die Steiermark eine Region mit einer überdurchschnittlich hohen Prävalenz chronischer Krankheiten. Sie hat die höchste Sterblichkeit infolge Suizid und Erkrankungen der Verdauungsorgane sowie die dritthöchste Sterblichkeitsrate infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Schlaganfall und Unfällen.

Über 60-Jährige vernachlässigt

Im Gegensatz dazu bewerten die SteirerInnen ihren Gesundheitszustand im EU-Vergleich unverhältnismäßig gut. Dies gilt allerdings nicht für Menschen im sechsten Lebensjahrzehnt; von diesen fühlt sich nur ein Fünftel „sehr gesund“. „Leider gibt es kaum Projekte zum Themenfeld Gesundheitsförderung, die explizit Menschen ab 60 als Zielgruppe haben“, bedauert Dr. Martin Sprenger. Der Allgemeinmediziner ist Koordinator eines Lehrgangs Public Health an der Universität Graz. Er leitet auch ein aktuelles Pilotprojekt in der Steiermark, „dessen Ziele unter anderen die Senkung der Pflegebedürftigkeit und die Förderung eines möglichst selbst bestimmten Lebens bei Menschen über 60 sind.“ Dieses von der EU geförderte Pilotprojekt wurde bereits in der Schweiz, in Hamburg und in London umgesetzt. In Österreich ist es eingebunden in das vom Fonds gesundes Österreich geförderte Projekt „Lebenswerte Lebenswelten“ (Informationen unter http://lebenswelten.meduni-graz.at). Primäres Ziel ist die Gesundheitsförderung für ältere Menschen zwischen 60 und 75 Jahren. Das Projekt läuft seit 2003, ist auf drei Jahre angelegt und wird in den Bezirken Graz-Umgebung und ­Voitsberg durchgeführt. In vielen Gemeinden werden derzeit Seminare, Kurse und Workshops zu Gesundheitsthemen vorbereitet bzw. umgesetzt sowie Gesundheitsprojekte, wie das von Sprenger geleitete, unterstützt. Parallel entstehen regionale Strukturen, welche die Nachhaltigkeit der Investition sichern sollen: ein SeniorInnen-Netz aus Organisationen und Personen, die mit bzw. für ältere Menschen arbeiten, wird gegründet; eine SeniorInnen-Initiative aus interessierten Personen der Zielgruppe wird angeregt, welche die Organisation des Projektes vor Ort übernimmt und längerfristig etabliert. Aktiv angesprochen werden sollen dafür auch Ärzte.

Vernetzung als ein Baustein

„Bei den Hausärzten sind im Durchschnitt über zwei Drittel der Patienten älter als 60 Jahre“, berichtet Sprenger. „Schon durch die bisherigen Maßnahmen des Projekts ist in der Kollegenschaft mehr Aufmerksamkeit für diese Zielgruppe zu beobachten“, freut sich der Allgemeinmediziner. Nun würde es noch stärker um die konkrete Umsetzung gehen. Ein wesentlicher Baustein dabei ist für Sprenger die Vernetzung von Ärzten mit Personen, die in den Bereichen Pflege, Ergo-, Physiotherapie und Logopädie sowie Sozialarbeit bzw. Gesundheitsförderung tätig sind. Es geht dabei um den Ansatz der Primary Health Care, einer menschen- und gemeindenahen, umfassenden sowie vernetzten Versorgung unter der Devise: „Weg von der Versorgung in zentralen Spitälern“. „Bei diesem weltweiten Trend ist Österreich teils noch ein Entwicklungsland“, meint Sprenger. Die Zeiten der isolierten und daher auch überforderten Einzelkämpfer müssten aus seiner Sicht längst der Vergangenheit angehören; dies gelte auch in ökonomischer Hinsicht sowie im Hinblick auf die Lebensqualität der Menschen und die Arbeitsqualität aller involvierten Berufe. Ein zentraler Aspekt ist für Sprenger dabei das Weggehen vom Ansatz der reinen Reparaturmedizin: „Gerade im extramuralen Bereich sind Befindlichkeitsstörungen häufig. Dabei geht es um die Wahrnehmung des Menschen in seiner konkreten Lebensumwelt und um Unterstützung, damit er oder sie dort auf eine möglichst gesunde Art leben kann.“ Gesundheitsförderung wäre eine zentrale Aufgabe des Allgemeinmediziners, die aber ebenfalls nur in vernetzter Vorgangsweise sinnvoll angegangen werden kann.

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