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Gesundheitspolitik 24. August 2005

„Dieses System macht uns Ärzte krank!“

Dr. Günter Überegger, Arzt für Allgemeinmedizin in Oberösterreich, fordert mehr Handlungsfreiheit für Ärzte, eine Informationspolitik, die ihren Namen verdient, und ein Ende ständiger bürokratischer Belastungen sowie von Einmischungen in die ärztliche Arbeit.

Dem Arzt für Allgemeinmedizin in Waldburg reicht‘s! Er hat sich dazu entschlossen, in einem offenen Brief an die Ärztekammer, die Kassen, das Gesundheitsministerium und verschiedene Medien seinem Ärger Luft zu machen. „Der Druck auf uns Ärzte wird immer stärker. Seit Jahresbeginn kriechen viele Kollegen – ich inklusive – nur mehr auf allen Vieren und hoffen gnädig und geduldig auf Besserung. Aber diese kommt nicht! Es ist höchste Zeit für gewaltfreien Widerstand zum Wohle der Patienten“, begründet Überegger seine Aktion. Ein aktueller Anlass dafür war die Ankündigung, dass es fürÄrzte mit Hausapotheke künftig vorgeschrieben sein soll, einmal monatlich 10 Schachteln wahllos herauszunehmen, zu prüfen und dies penibel zu dokumentieren. „Das ist Unsinn ohne Grenzen, der nichts mit Qualität zu tun hat“,ärgert sich Überegger, „aber es ist ein Symptom dafür, wie das ganze System läuft.“

Welche Belastungen meinen Sie konkret?
Überegger: Als ich vor 18 Jahren den Kassenvertrag bekam, freute ich mich noch sehr darüber. Ich war mit meiner Tätigkeit sehr zufrieden und offenbar auch meine Patienten; die Frequenz steigt nach wie vor. Das Arbeiten wird aber zunehmend mühsamer. Immer intensiver und in knapperen Abständen gibt es Auseinandersetzungen in Bezug auf die Ökonomie, dazu kommen die absurden Entwicklungen rund um die Chefarztpflicht sowie der von zu vielen heruntergespielte Aufwand rund um die e-card. Ähnlich wie viele andere Ärzte, die ich kenne, habe ich zudem ständig EDV-Probleme. Ich möchte aber ein Arzt mit Herz und Hirn und kein Computerfreak sein.

Sie sprechen in Ihrem Brief auch die Hauskrankenpflege an. Wie geht es Ihnen und anderen Ärzten in diesem Bereich?
Überegger: Es gab dazu Zeiten intensiver Diskussion, aber die sind scheinbar vorbei, auch von der Ärztekammer kommen keine Vorschläge, Forderungen oder gar Konzepte. Das ist ein gesundheitspolitischer Skandal! Dabei gäbe es viele Möglichkeiten, um den Alltag der Ärzte hier zu erleichtern. Ich meine damit die freie Verschreibbarkeit für Infusionen, Abschaffung der Limitierungen bei Visiten sowie die Abrechnung der gefahrenen Strecken und eine bessere Honorierung der Visiten. So würden sich wieder mehr Ärzte engagieren und nicht alle(s) an das nächste Spital delegieren.

Ihre Kritik richtet sich auch gegen die Informationsarbeit rund um Chefarztpflicht und e-card …
Überegger: Von „Informationsarbeit“ zu reden, ist eigentlich zynisch. Von mir als Arzt wird erwartet, dass ich Patienten erklären muss, warum sie Medikamente nicht mehr bezahlt bekommen, obwohl dies jahrelang der Fall war und ihre Wirksamkeit deutlich sicht- und spürbar war. Ich kann und will das nicht erklären. Und niemand hat einen wirklichen Überblick über das Chaos, wo heute nicht mehr gilt, was gestern noch stimmte und morgen wieder ganz anders ist. Bei der e-card geht es vor allem um uns Ärzte. Es ist eine Informationsflut, ein „Roll over“ und kein „Roll out“! So bleibt etwa völlig unklar, wer die Kosten übernimmt, wenn das viel gepriesene System nicht funktioniert. Aber auch bei den Patienten gibt es viele Fragen rund um die e-card – und woher soll ich die Antworten nehmen? Das alles hat absolut nichts mit meinem Arztsein zu tun. Dieses ganze System macht Ärzte, macht mich krank. Ich entdecke bei vielen Ärzten und auch bei mir ständig wiederkehrende Unlust und mangelnde Motivation, eine ohnmächtige Wut über das Nichts-machen-Können, gelegentliche Schlafstörungen und depressive Verstimmungen. Das Burn-out breitet sich rasend schnell aus.

Wo liegen Unklarheiten in Bezug auf die e-card?
Überegger: Eine Frage ist, wie ich an mein Honorar komme, wenn in der Datenübertragung Fehler auftreten. Wie sehen direkte Verrechnungsmöglichkeiten mit den Kassen aus? Wie können Wahlärzte mit weniger als 150 Untersuchungen im Jahr mit der Kasse abrechnen, wenn sie nicht von der Möglichkeit Gebrauch machen wollen, sich das gesamte System anzuschaffen? Wie sieht die Vorgangsweise bei den „kleinen Kassen“ aus, und warum muss sich hier unbedingt etwas ändern? Die Defizite sehen hier ganz anders aus und auch die Umgangsweisen von Arzt und Patient. Dazu kommt noch die ganz große Gefahr von EDV-Problemen und die Frage der Datensicherheit. Ich bin mir bei den Ankündigungen zur „größten Innovation im österreichischen Gesundheitswesen“ mit der „modernsten Gesundheitskarte in Europa“ sehr unsicher und will an diesem System eigentlich nicht teilnehmen.

Wie sehen Ihre Forderungen aus?
Überegger: Die ständigen Einmischungen in unsere Arbeit müssen aufhören. Ich kann und will entscheiden, wer zuhause, wer ambulant oder wer stationär zu behandeln ist, vor allem wenn es um die letzte Lebensphase geht. Ich fordere Freiheit für meine Entscheidung der medikamentösen Therapie unter den Ökonomierichtlinien. Die Chefarztpflicht muss weg und klare Spielregeln her, was verschrieben werden darf. Nötig wäre auch die Einführung einer Befundmappe für Patienten. Diese müssen für ihre Befunde selbst verantwortlich sein und sollten die Kosten tragen müssen, wenn Befunde verloren gehen. Wir Ärzte sind doch keine Archivare für Befunde! Ich fordere die Kontrolle des Arztes durch seine Patienten: Wenn Fehler geschehen, muss möglichst direkt miteinander darüber gesprochen werden. Ich fordere mehr Zeit für Patienten, vor allem auch durch entsprechende Bezahlung. Die Mittel dafür müssen nötigenfalls aus Selbstbehalten kommen. Außerdem träume ich davon, mit Patienten Intensivseminare zu wichtigen Themen durchführen zu können. Dazu zählen Hypertonie und Herz-Kreislauferkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, Umgang mit Diabetes und Allergie sowie generell das Thema Salutogenese. Dies alles wäre letztlich leicht umsetzbar, auch im Hinblick auf die Kosten.

Was erwarten Sie sich vom offenen Brief?
Überegger: Ich fordere von den Zuständigen eine Antwort auf meinen offenen Brief. Es kann nicht länger so sein, dass wir Ärzte von allen Seiten ständig ignoriert oder nicht ernst genommen werden! Ich bin mir sicher, dass dies viele meiner Kollegen ähnlich erleben und sich meinen Forderungen anschließen.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 19/2005

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