zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 29. November 2005

„O-card ist uns Ärzten nicht zumutbar“

Die vom Hauptverband zwingend für jeden niedergelassenen Kassenarzt vorgesehene Ordinationskarte o-card stößt auf heftigen Widerstand. „Es ist völlig indiskutabel, dass der Hauptverband dadurch weiß, wann ich in die Ordination komme und wann ich gehe“, schimpft Dr. Wolfgang Werner.

Nach Ansicht des Praktikers sollen sich die niedergelassenen Ärzte als freier Berufsstand diese Bevormundung nicht widerstandslos gefallen lassen. Deshalb informiert Werner bei Ärzteveranstaltungen und lässt eine Unterschriftenliste in der Kollegenschaft kreisen. Im Interview mit der ÄRZTE WOCHE begründet er seine Empörung.

Was verärgert Sie im Zusammenhang mit der o-card so dermaßen?
Werner: Wir wurden im Vorfeld überhaupt nicht über die Ordinationskarte, die o-Card, informiert und erst kürzlich auf der Innomed-Veranstaltung quasi vor vollendete Tatsachen gestellt. Diese o-card muss am Beginn jedes Ordinationstages gesteckt und am Abend wieder entfernt werden. Das ist vielleicht für einen Akkordarbeiter zumutbar, aber nicht für einen freien Beruf. Ich finde das absolut indiskutabel. Noch dazu, wo der Hauptverband ständig dahinter ist, unsere Ordinationszeiten aufzuweichen.
Ein Beispiel: Ich habe, wie viele meiner Kollegen, noch einen alten Vertrag mit 15 Wochenstunden. Ich arbeite aber natürlich viel mehr, rund 60 Stunden pro Woche, aber auf freiwilliger Basis. Ich habe also die 15 Wochenstunden angegeben und arbeite viel länger vorher und viel länger nachher. Ich könnte theoretisch jederzeit, ohne eine Genehmigung einholen zu müssen, meine Ordinationszeiten verändern, solange ich die 15 Wochenstunden erbringe. Wenn aber die Kasse nun sieht, dass ich jeden Tag von sechs bis 21 Uhr abends in der Ordination bin, dann könnte die Kasse auf die Idee kommen zu sagen: ‚Wir machen das jetzt fix, Sie sind ja eh den ganzen Tag da.“ Und wenn ich dann etwas geändert haben will, kann ich zehnmal fragen und um Bewilligung ansuchen, und dann bewilligen sie es vielleicht nicht.

Empfinden Sie die o-card in der vorgesehenen Form als einen Akt der Überwachung?
Werner: So ist es. Hier kann eine zentrale Stelle genau überprüfen und dokumentieren, wann die Ordinationszeit anfängt und endet. Obwohl uns gesagt wurde, die Zeit würde nicht dokumentiert. Aber das ist ein Witz. Das glaubt kein Mensch, natürlich wird das dokumentiert. Ich finde das schlimm, weil das mit einem freien Beruf – und wir sind ja eigentlich freie Unternehmer – überhaupt nicht vereinbar ist. Welche Firma würde sich das gefallen lassen, von einem Auftraggeber dermaßen kontrolliert zu werden? Rechtsanwälten würde man ja auch nicht zumuten, über einen Peering Point (Späh-Knoten) mit der Staatsanwaltschaft verbunden zu sein!
Wir subventionieren die Sozialversicherung über unsere äußerst sozialen Honorare, die in keiner Weise auch nur annähernd unserer Leistung entsprechen. Und dann können wir uns auch noch das bieten lassen? Man könnte noch darüber reden, wenn wir Geld dafür kriegen würden, aber für dieses schwache Honorar sollen wir uns auch noch die o-card aufoktroyieren lassen?

Was wollen Sie gegen diese Situation unternehmen?
Werner: Ich würde mir wünschen, dass die o-Card für jeden Arzt ausschließlich intern quasi als Schlüssel zum Computer dient, als mein Berechtigungsnachweis, dass ich autorisiert bin, Rezepte und alle Vertragsleistungen etc. auf Kasse auszustellen. Die Kosten dafür muss natürlich der Hauptverband tragen, denn uns bringt das nichts. Ja im Gegenteil, wir müssen dafür bezahlt werden, dass wir das überhaupt machen. Der Großteil der Kollegenschaft war bisher lethargisch und wollte das hinnehmen. Viele haben gar nicht gewusst, welche Gefahren hier drohen. Ich habe daher eine Unterschriftenliste initiiert und sehe jetzt, dass beim Einholen der Unterstützungsunterschriften die Emotionen hoch gehen. Es ist nicht mehr so wie früher, dass man bei Ärztetreffen nach Abreaktion des Ärgers zum Schnitzel übergeht – das Volk ist jetzt wütend und bereit aufzubegehren! Die Unterschriften werden gerne und vorbehaltlos gegeben!
In meiner Unterschriftenliste heißt es wörtlich: Die untenstehend unterzeichneten, freiberuflich tätigen Kassenärzte lehnen die zwangsweise Einführung des Datenaustausches zwischen Hauptverband und Ordinationen über den geplanten Peering Point, sowie die Verpflichtung zur Online-Autorisierung über die „o-card“ als unvereinbar mit der Unabhängigkeit des freien Arztberufes ab und fordern eine Modifikation des geplanten Vorgehens und eine nachfolgende Abstimmung unter der betroffenen Kollegenschaft.

Welche potenziellen Gefahren drohen denn Ihrer Meinung noch von der o-card?
Werner: Die Firma Medical Net zum Beispiel überträgt für die meisten Ärzte die medizinischen Daten. Wenn ich Blutproben an ein Labor schicke, kriege ich die Befunde per E-Mail verschlüsselt dem entsprechenden Patienten zugeordnet. Und das Medical Net müsste sich nun ja auch über den Peering Point einwählen. Und die Peering Point Gesellschaft verlangt Geld dafür. Das schlägt sich natürlich sofort bei uns nieder, weil dadurch die Wartungskosten für das ganze System teurer werden. Die Wartungssysteme von den Arzt-Software-Herstellern müssen sich auch über den Peering Point einwählen und dürften nicht mehr einen normalen E-Mail-Zugang für die Fernwartung nutzen. Das heißt, die Besitzer dieses Peering Points beherrschen uns total und wir zahlen alles. Beispielsweise werden die bestehenden ADSL-Anschlüsse deaktiviert und wir müssen alles über den Peering Point laufen lassen. Das bedeutet, sie können im Hauptverband sogar unsere privaten E-Mails lesen.
Und ich sehe noch eine Gefahr: Gesetzt den Fall, es wäre ein vertragsloser Zustand, dann ist natürlich nicht auszuschließen, dass sie uns das E-Mail und die Befundübertragung abdrehen. Und dann können wir nicht einmal miteinander kommunizieren, außer über das Telefon. Einige Kollegen haben gesagt, da gibt es ein Gesetz, dass das nicht geschehen darf, aber na bitte: Wenn sie es abdrehen, dann drehen sie es ab. Und die Verhandlungen bei Gericht sind ein halbes Jahr später, der Schaden ist aber sofort da.

Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 17/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben