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© B&K/Nicholas Bettschart
Dr. Tabaré Vázquez
 
Gesundheitspolitik 12. Dezember 2016

Verdächtige Herde

Screening. Trotz aller therapeutischen Fortschritte bleiben Prävention und Früherkennung die wirksamsten Waffen im Kampf gegen die tödliche Krebserkrankung.

Lungenkrebs ist nach wie vor die häufigste Krebserkrankung. Das gilt sowohl für die Zahl der Neuerkrankungen als auch für die daraus resultierenden Todesfälle. Jährlich werden weltweit 1,8 Millionen neue Fälle von Lungenkrebs diagnostiziert, knapp 13 Prozent aller Krebsfälle. 1,6 Millionen Menschen sterben im selben Zeitraum daran, was einer Rate von nahezu 20 Prozent aller durch Krebs verursachten Todesfälle entspricht.

Die Relation zwischen Neuerkrankungen und Todesfällen ist damit beim Lungenkarzinom deutlich ungünstiger als etwa beim zweithäufigsten Krebsleiden, dem Mammakarzinom. Entsprechend hoch sind die Mortalitätszahlen auch für Europa: 353.000 Tote pro Jahr, Tendenz weiter zunehmend. Für Österreich liegen die letzten Zahlen für 2013 vor. In diesem Jahr starben 2.537 Männer und 1.357 Frauen an einem Lungenkarzinom.

Seit 1972 bemüht sich die International Association for the Study of Lung Cancer (IASLC) darum, die Forschung über neue Therapieformen voranzutreiben und die Lungenkrebs-Prävention zu fördern. Aus einer Handvoll Pionieren ist über die vergangenen vier Jahrzehnte eine globale Vereinigung mit 6.000 interdisziplinären Spezialisten und Wissenschaftlern aus mehr als 100 Ländern geworden, erzählt deren CEO Prof. Dr. Fred Hirsch von der University of Colorado School of Medicine, Denver, USA: „Die Mitglieder der IASLC arbeiten heute länderübergreifend und über Kontinente hinweg zusammen, tauschen bahnbrechende Forschungsergebnisse aus und übernehmen ihre Best-Practice-Modelle. Wir erstellen aktuelle Guidelines, beziehen Stellung zu kontroversiellen Themen unseres Fachgebiets und dokumentieren zukunftsweisende Entwicklungen in der Forschung.“

Lungenkrebs-Weltkongress in Wien

Unter dem Motto „Together against Lung Cancer“ traf sich ein Großteil der 6.000 Mitglieder vergangene Woche zur „17th World Conference on Lung Cancer“ (WCLC) in Wien.

„Lungenkrebs ist eine große Tragödie unseres Jahrhunderts“, sagte Kongresspräsident Prof. Dr. Robert Pirker von der Uni-Klinik für Innere Medizin I am Wiener AKH in seiner Begrüßungsrede. Die Tragödie sei umso größer, also sie zum überwiegenden Teil „vermeidbar“ wäre, führte Pirker weiter aus. So sind etwa allein in Zentraleuropa 85 Prozent aller Lungenkrebserkrankungen auf das Rauchen zurückzuführen.

Um auch unter seinen Mediziner-Kollegen das Problembewusstsein dafür zu steigern, widmete sich der Kongress „bei allen Fortschritten, die wir in der Therapie zuletzt erreicht haben“ verstärkt den Themen Prävention und Früherkennung. „Natürlich freuen wir uns als Mediziner über die verbesserten Therapiemöglichkeiten. Allerdings müssen die Fortschritte, die wir damit erzielen, in ein Verhältnis zu den potenziellen enormen Effekten, die durch eine strikte Anti-Tabak-Politik erreichbar wären, setzen“, begründete Pirker seine inhaltliche Schwerpunktsetzung.

In Ländern mit einer strikten Anti-Tabak-Politik gehe die Zahl der Lungenkrebsfälle jedenfalls nachweislich zurück. Daher werde international derzeit versucht, neue Wege für die Eindämmung und Verhinderung des Tabakkonsums zu finden. Einen solchen Weg zeigte Uruguays Staatspräsident Dr. Tabaré Vázquez auf. Der prominente Gastredner, selbst ausgebildeter Onkologe, hat gegen den erbitterten Widerstand der Tabaklobby eine äußerst strenge Tabakgesetzgebung für das lateinamerikanische Land durchgesetzt und erst vor Kurzem auch einen vom Philip Morris angestrengten Prozess um Schadenersatz vor einem internationalen Schiedsgericht für sich entschieden. Dabei konnte Vázquez seinerseits auf finanzkräftige Unterstützung – unter anderem der Bill & Melinda Gates Foundation – zählen, um diese jahrelange juristische Auseinandersetzung überhaupt durchzustehen. „Was in Uruguay möglich ist, muss auch in Zentraleuropa möglich sein“, hofft Pirker nun auf einen entsprechenden Domino-Effekt. (Mehr zum Thema s. S. 2)

Verbesserte Früherkennung

Neben der Prävention wurde am Kongress auch intensiv über neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Früherkennung des Lungenkarzinoms diskutiert. Hierin scheint besonders viel Potenzial zu stecken, um die Mortalitätsraten signifikant zu reduzieren, wenn man bedenkt, dass derzeit nur rund 20 Prozent der Lungenkarzinome in einem frühen, gut heilbaren Stadium entdeckt werden. „Leider gehört es zu den Charakteristiken dieser Krankheit, dass es erst sehr spät in ihrem Verlauf zu Symptomen kommt“, erläutert Dr. Helmut Prosch von der Uni-Klinik für Radiodiagnostik am AKH Wien die Gründe für diese ungünstige Relation. Hoffnung auf eine deutliche Verbesserung kommt aus den USA. Die „National Lung Screening Trials“ (NLST) konnten vor einigen Jahren erstmals nachweisen, dass sich durch ein Niedrig-Dosis-Spiral-CT bei starken Rauchern mit einem Alter von über 55 Jahren die Lungenkrebsmortalität um 20 Prozent senken lässt. Daraufhin empfahlen die großen amerikanischen wissenschaftlichen Gesellschaften ein solches Lungenkarzinom-Screening. Andere internationale Gesellschaften schlossen sich an.

Am Kongress wurde nun darüber diskutiert, ob und unter welchen Voraussetzungen sich die US-Ergebnisse auf Europa übertragen lassen. Hier gibt es solche systematischen Screening-Programme noch nicht, weil die Evidenz dafür fehlt. Für das kommende Jahr hat die deutsche Fachgesellschaft eine Empfehlung in ihren Guidelines angekündigt.

Das Problem bei solchen Screenings sei, erklärt Prosch, dass bei jedem vierten Untersuchten „verdächtige Rundherde im Lungengewebe gefunden werden. Bei den nachfolgenden Untersuchungen stellt sich allerdings in mehr als 96 von 100 Fällen heraus, dass diese gutartig waren.“ Eine so hohe Anzahl falsch positiver Verdachtsdiagnosen würde für die Betroffenen nicht nur eine hohe psychische Belastung darstellen, sondern auch medizinische Risiken bergen, da die Biopsie in der Lunge diffiziler und riskanter ist als etwa beim Mammakarzinom.

Um nicht mehr Patienten zu schaden als zu helfen, ist es daher erforderlich, ein solches Screening auf die Hochrisikopatienten zu beschränken. Wie diese definiert werden und ob beispielsweise Biomarker dazu beitragen könnten, das Screening zukünftig noch effizienter zu machen, darüber wird aktuell in Fachkreisen nachgedacht und diskutiert. Nach derzeitigem Wissensstand sollten nur Raucher über 55 Jahre mit mindestens „30 Packungsjahren“ sowie ehemalige Raucher, die innerhalb der vergangenen 15 Jahre aufgehört haben, untersucht werden, meint Prosch.

Was will die Politik?

Für Österreich ist ein solches Screening derzeit noch nicht in konkreter Planung. Zum einen wolle man noch die Ergebnisse von derzeit laufenden europäischen Nachfolgestudien abwarten (die allerdings demnächst vorliegen sollten), erläutert Prosch, zum anderen müssten dafür erst die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden. Das hänge weniger vom medizinischen als vom „politischen Willen“ ab, weil dafür in den vorhandenen Lungenkrebs-Zentren entsprechende Ressourcen und zusätzliche Kapazitäten aufgebaut werden müssten. Außerdem gelte es, „sehr genaue Qualitätsstandards“ festzulegen sowie eine bessere Anbindung des niedergelassenen Bereichs mit den Zentren anzustreben, um eine „umfassende, interdisziplinäre Erfahrung im Management der Erkrankung“ sicherzustellen. Zudem muss auch in die Weiterbildung der Mediziner investiert werden. „Die Expertise ist in Österreich zwar durchaus vorhanden“, sagt Prosch, „sie muss aber flächendeckend ausgebaut werden, um die notwendigen hohen Qualitätsstandards sicherstellen zu können. An Bereitschaft und am Interesse der Mediziner soll es jedenfalls nicht liegen, sagt Pirker. Das habe das enorme Interesse an den Screening-Workshops gezeigt, die auf dem Lungenkrebs-Weltkongress angeboten wurden. Ein flächendeckendes, systematisches Screening hält Pirker hierzulande für Zukunftsmusik. In den vorhandenen Zentren könnte man dennoch beginnen und sich „dann Schritt für Schritt vorwärtstasten“.

Volkmar Weilguni

, Ärzte Woche 50/52/2016

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