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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Orthopäden sagen: „Haltung bewahren!“

Eine Studie der Grazer Universitätsklinik für Orthopädie zeigt, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter ständigen Problemen am Bewegungsapparat leidet. Tendenz steigend. Vorbeugend hilft kontinuierliche Bewegung, bei Erkrankung möglichst frühe Diagnose.

Schon heute ist die Hälfte aller chronischen Erkrankung älterer Menschen auf Gelenkskrankheiten zurückzuführen, und die demographische Entwicklung spiegelt sich in der Patientenstatistik wider: Die Zahl der ambulant versorgten Patienten an der Grazer Universitätsklinik stieg in den letzten fünf Jahren von 835 auf 1.431, jene der stationär betreuten Klientel von 8.629 auf 11.711. Tendenz steigend. Die Ursachen liegen in veränderten Lebensgewohnheiten, Bewegungsmangel, falscher Ernährung und einer demografischen Entwicklung, die quasi zwangsläufig schmerzhafte Verschleißerscheinungen mit sich bringt. Demgegenüber stehen wachsende Möglichkeiten in Diagnostik und Therapie. Eine Trendumkehr verspricht sich Prof. Dr. Reinhard Windhager, Univ.-Klinik für Orthopädie in Graz, von breit angelegter Bewusstseinsbildung. „Haltung bewahren – beweglich bleiben.“ Dieser Titel der in einem Pressegespräch kürzlich präsentierten Studie der Grazer Klinik begleitet programmatisch auch andereöffentlichkeitswirksame Aktivitäten, mit denen die Grazer Orthopäden vorbeugende Bewegung bewerben, ob am „Tag der offenen Tür“ oder mittels „Gesundheitscheck Orthopädie“.

Zehn-Punkte-Test zur Ermittlung der Mobilität

Mit diesem 10-Punkte-Test lässt sich die individuelle Mobilität leicht feststellen. Im Pressegespräch wünschte sich Windhager, dass orthopädische Untersuchungen künftig auch Bestandteil der Gesundenuntersuchung werden, weil früh einsetzende Therapie die Chancen auf Beschwerdefreiheit und vollständige Wiederherstellung nachweislich erhöht.„Gezielte Bewegung reduziert nicht nur körperliche Beschwerden, sondern auch das psychische Wohlbefinden“, plädiert Windhager für mehr Gesundheitsbewusstsein. Dies gelte für die Situation von Ortho-pädiepatientinnen und -patienten ebenso wie für die steigende Anzahl jener, die latent unter Beschwerden an Wirbelsäule und Gelenken laborieren. Eine Gruppe, zu der sich bereits 55 Prozent der Bevölkerung zählen, wie die in Graz vorgestellte Studie zeigt.

Ergebnisse der Grazer Studie

Zwei Monate lang wurde die Lebensqualität von 372 Patientinnen und Patienten der Ambulanz für Orthopädie am LKH Graz nach einem international standardisierten Fragebogen erhoben. Zugleich wurden 393 Personen, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt waren, ebenfalls nach Gelenksbeschwerden, Operationen, Verletzungen am Bewegungsapparats sowie Geschlecht und Alter befragt. Fazit: Mehr als die Hälfte der sich gesund wähnenden Bevölkerung hat’s mit dem Kreuz, 40 Prozent leidet an Gelenksschmerzen und 10 Prozent der Befragten leben mit Beschwerden im Hand- und Fußbereich. Daraus lässt sich ableiten, dass der Großteil der Bevölkerung chronische physische Beschwerden hat, die zudem eine psychische Belastung mit sich bringen. „Beide Faktoren“, so Windhager, „nehmen mit dem Alter zu, wobei Frauen stärker unter den psychischen Belastungen leiden als Männer.“ Wie aus der Studie hervorgeht, müssten neue Ansätze zur Gewährleistung der Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems medizinisch an drei Punkten ansetzen: Verbesserte Frühdiagnostik, differenzierte Diagnostik und eine maßgeschneiderte Behandlung, die aus gezielter Bewegungstherapie, konservativer Therapie und nötigenfalls Operation besteht.

Ruf nach mehr Facharztstellen

Weniger konkret sieht die Finanzierung der wachsenden Infrastruktur aus, wenngleich für Windhager und den verantwortlichen Landesrat Mag. Wolfgang Erlitz feststeht, dass die Versorgungssituation sich rapide ändern muss. Soll die Versorgung in den nächsten fünf Jahren gesichert sein – derzeit beträgt die Wartezeit auf eine Operation an der Grazer Klinik sechs Monate –, muss die Bettenzahl massiv ausgeweitet, die Zahl der Facharztstellen um das Vierfache aufgestockt und die Operationskapazitäten in Graz, Radkersburg und Stolzalpe erweitert werden. Um ein relativ rasche Ausweitung bestehender Kapazitäten zu erreichen, hat die Gesellschaft für Orthopädie ein Modell der Doppeldepartements ausgearbeitet, das bei unabhängiger fachlicher Führung die Nutzung gemeinsamer Ressourcen vorsieht. Synergien verspricht sich Windhager außerdem von intensiverer Kooperation mit niedergelassenen Fachärzten und praktischen Ärzten, traditionellerweise die erste Anlaufstelle von Schmerzpatienten.

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