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Dr. Vera da Costa e Silva
(c) B&K/Nicholas Bettschart (3)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Gesundheitspolitik 12. Dezember 2016

Die Lunte brennt

Kampfmaßnahmen. Nichtraucherschutz und rigorose Tabakkontrolle sind wirksame Maßnahmen gegen Lungenkrebs. Was die heimische Politik von anderen Ländern lernen kann und welche Rolle die Mediziner spielen sollten.

„4.400 Todesfälle jeden Tag – das ist, als würden täglich zehn voll besetzte Jumbojets vom Himmel fallen.“ Das sagt Prof. Dr. Robert Pirker, Präsident des Wiener Lungenkrebs-Weltkongresses. Für ihn sei es angesichts solcher Zahlen „nur schwer nachzuvollziehen, mit welcher Gelassenheit die Gesellschaft und politische Repräsentanten diese Tragödie unseres Jahrhunderts hinzunehmen scheinen“. Pirker bezieht sich auf den aus seiner Sicht laschen Umgang der Entscheidungsträger mit dem Thema Nichtraucherschutz und Tabakkontrolle. Ein Großteil dieser 4.400 weltweiten Todesfälle als Folge einer Lungenkrebserkrankung ist auf den Tabakkonsum zurückzuführen. In Zentraleuropa betreffen 85 Prozent aller Lungenkrebsfälle Raucher oder ehemalige Raucher.

Die Kritik Pirkers gilt für Österreich „in besonderem Maß“. Während sich andere zum politischen Ziel gesetzt hätten, bis 2025 eine „rauchfreie Gesellschaft“ zu werden, rangiere Österreich in einem zuletzt 2013 durchgeführten europaweiten Ranking über die Tabakkontrollmaßnahmen bereits zum dritten Mal in Folge an letzter Stelle. Es sei daher „völlig unverständlich, dass wir so halbherzig agieren“, sagt Prof. Pirker. „Es gibt keine andere Krankheit, die sich durch einfache gesetzliche Rahmenbedingungen so dramatisch eindämmen ließe.“ Aber nicht nur Politik und Öffentlichkeit, auch die Ärzte selbst sind laut Pirker gefordert, einen Beitrag zu leisten. Leider fehle diese Einsicht aber immer noch vielen, kritisierte Pirker auch seine eigene Kollegenschaft.

Das hätte sich auch wieder im Rahmen des Kongresses gezeigt: „Viele interessieren sich für innovative Therapieformen wie die Immuntherapie, aber leider kaum jemand für die Prävention.“

Volkmar Weilguni

Österreich kann es schaffen!

Ich bin Präsident Pirker dankbar, dass er Prävention zu einem zentralen Thema des Kongresses gemacht hat. Nur im koordinierten Zusammenspiel unterschiedlicher Player, politischer Entscheidungsträger, Zivilgesellschaft und Ärzteschaft, kann effektive Tabakkontrolle gelingen. Denn die finanziellen und ökonomischen Interessen sind groß, die Tabakindustrie entsprechend stark. Je engagierter wir sind, desto aggressiver agiert sie und versucht mit massivem Lobbying alles, um entsprechende Gesetzentwürfe zu verhindern, abzuschwächen oder zumindest zu verzögern.

Das ist überall auf der Welt so – und es macht die Aufgabe schwierig. Wir dürfen uns aber trotzdem nicht davor fürchten und vor der Tabakindustrie in die Knie gehen. Andere Länder haben gezeigt, dass eine restriktive Tabakkontrolle möglich ist. Und was Australien gelingt, kann Österreich auch gelingen. Wenn es Ungarn schafft, kann es Österreich auch schaffen.

In Österreich wurden in den vergangenen Jahren erfreuliche Schritte gesetzt. Aber man könnte mehr tun. Ich denke nur daran, als ich gestern in Wien in die Hotellobby kam, wo es nach Zigarettenrauch stank. Das gefährdet nicht nur die Gäste, sondern auch die Menschen, die dort täglich arbeiten. Ich war überrascht, dass so etwas im 21. Jahrhundert noch möglich ist.

Rauchen hat nichts mit persönlicher Freiheit zu tun, auch wenn uns das die Industrie einreden will. Menschen, die rauchen, werden süchtig. Sie haben somit keine Freiheit der Entscheidung mehr. Rauchen bedeutet nicht Freiheit, sondern ist eine todbringende Sucht. Das müssen wir den Menschen vermitteln: den jungen Menschen, damit sie erst gar nicht beginnen, aber auch den Erwachsenen, die sich die Jungen zum Vorbild nehmen, von denen sie lernen, was gesellschaftsfähig ist und was nicht. Im Rahmen dieser Vermittlung und Aufklärung kommt den Ärzten und Mitarbeitern in den Gesundheitsberufen eine Schlüsselrolle zu. Sie erreichen viele Menschen, sie besitzen als Gesundheitsexperten eine hohe Glaubwürdigkeit und verfügen über die notwendigen Fakten und Informationen, um das Gesundheitsrisiko deutlich zu machen. Die Zeit drängt. Täglich sterben Menschen an den Folgen des Rauchens. Wir müssen handeln, we must act!

Dr. Vera da Costa e Silva, WHO Framework Convention on Tobacco Control (WHO FCTC)

Andere sind schon viel weiter

In Österreich ist die Rate der Raucher unter den 15-Jährigen extrem hoch. Sie werden an den Points of Sale beworben, können unkontrolliert in den Trafiken oder an den Automaten Zigaretten kaufen. Das ist möglich, weil unsere Gesetze nach wie vor stark von der Tabakindustrie beeinflusst sind. Jede ernsthafte Diskussion über Änderungen wird von ihrer Lobby schon im Ansatz verhindert. Daher können wir von einer effektiven Tabakkontrolle wie etwa in Westeuropa, Skandinavien oder Australien nur träumen, die sind viel weiter als wir.

Das gilt auch für Italien. Nicht die Italiener sind die Undisziplinierten, wo Gesetze nicht exekutiert werden. Das sind wir. So war es etwa bei uns – im Gegensatz zu Italien – nicht durchzusetzen, dass wenigstens im ersten Jahr das Rauchverbot in der Gastronomie durch die Polizei kontrolliert wird. Da wird lieber das Gespenst eines „Verbotsstaates“ an die Wand gemalt.

Die deutschsprachigen Länder sind also insgesamt rückständig, was die Tabakkontrolle betrifft. Dennoch hat es die Schweiz zumindest schon vor Jahren geschafft, durch einen kleinen Aufschlag auf die Tabaksteuer (2,6 Rappen pro Packung) einen Tabakpräventionsfonds einzurichten. Daraus wird die Tabakprävention ebenso finanziert wie die Schmuggelbekämpfung und die Rauchertherapie. So wird Betroffenen in der Schweiz die Rauchertherapie von der Krankenkasse rückerstattet, die Ausbildung zum Rauchertherapeuten ist kostenlos. Bei uns war bisher kein Finanzminister dazu zu bewegen, auch nur einen einzigen Cent auf die Tabaksteuer aufzuschlagen. Wir fordern daher als sofort umsetzbare Maßnahmen unter anderem eine Erhöhung der Tabaksteuer um 5 Cent pro Packung, zweckgewidmet für Tabakprävention (3 Cent), Rauchertherapie und Schmuggelbekämpfung (je ein Cent); ausnahmslos rauchfreie Schulen, Arbeitsplätze und Lokale (unterstützt durch die Exekutive), Geschäfte inklusive Trafiken und Gesundheitseinrichtungen sowie eine Anhebung der Altersgrenze für alle Zigaretten und Tabakwaren auf 18 Jahre. Mittelfristig sollte Tabakprävention und Rauchertherapie in die Curricula von Gesundheitsberufen ebenso aufgenommen werden wie die Raucherberatung in den Leistungskatalog der Krankenkassen.

Prof. Dr. Manfred Neuberger, Initiative Ärzte gegen Raucherschäden

Die Bevölkerung ist klüger

In Deutschland haben wir die bizarre Situation, dass ein von einem CSU-Minister geschriebener, mit dem Gesundheitsminister, dem Kabinett und dem Bundesrat bereits abgestimmter Gesetzesentwurf zum strikten Verbot von Außenwerbung für Tabakwaren von der CDU-CSU-Koalition derzeit blockiert wird, indem sie den Entwurf nicht zur Beschlussfassung an das Parlament weitergibt. Die Argumente dafür liefert die Tabakindustrie, wonach für legale Produkte auch Werbung erlaubt sein müsse.

Deutschland ist somit heute das letzte Land in der gesamten EU, das eine Tabak-Außenwerbung erlaubt, obwohl die Fakten klar für ein Verbot sprechen. Wir haben seitens der Ärzteschaft und der Wissenschaft diese Fakten auch auf den Tisch gelegt und alle Abgeordneten des Bundestages ausführlich darüber informiert: Tabak-Außenwerbung beeinflusst das Rauchverhalten Jugendlicher massiv, noch viel stärker als jenes Erwachsener. Es ist eindeutig nachgewiesen, dass mit der Anzahl der Kontakte zur Tabakwerbung die Wahrscheinlichkeit Jugendlicher steigt, zu Rauchern zu werden. Aber ganz offensichtlich werden in Deutschland noch immer die Interessen der Tabakindustrie vor die Gesundheitsinteressen der Bevölkerung gestellt – und das gegen den eindeutigen Willen der Bevölkerung. Diese hat sich nämlich mit einer überwältigenden Mehrheit von 75 Prozent für ein solches gesetzliches Verbot von Außenwerbung ausgesprochen. Selten zuvor gab es für ein Gesetz eine so breite Zustimmung der Bevölkerung. Diese ist augenscheinlich klüger als die Politik.

Für uns ist es ebenso unbegreiflich wie unerträglich, dass die Regierung trotzdem weiter blockiert. Leider hat das in Deutschland Tradition. Hier standen die Verantwortlichen schon immer auf der Bremse, schon bei der damaligen Entwicklung des internationalen Rahmenabkommens zur Tabakkontrolle. Dieses Bremsen setzt sich nun trotz der späteren Ratifizierung des Abkommens bei der Umsetzung der Maßnahmen im eigenen Land auf tragische Weise fort. Wir von den Ärzte- und Präventionsorganisationen sind fassungslos über das Blockieren eines Gesetzes, welches nachweisbar der Gesundheit unserer Bevölkerung dient, insbesondere der Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen.

Dr. Martina Pötschke-Langer, Vorsitzende des Aktionsbündnisses Nichtraucher, Leiterin a. D. der Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum

  • Herr Richard Hagenauer, 18.12.2016 um 00:33:

    „Da hilft auch keine Weihnachten. Die Mächtigen mit dem großen Geld
    erheben sich über Gott und dessen Gesetze. Der Mensch, das kostbarste Wesen, ist nur noch ein Spielball der Drogenbosse die es
    verstehen, den Menschen in die Sucht zu treiben und damit Ihrer
    Selbstbestimmung zu berauben. Politiker, bis in die höchsten Ämter, m.E. durch Bestechung willfährig gewordenen Helfer der s.g. Tabakmafia, wie nicht nur ich das sehe, gehen bereitwillig in die Niederungen des Sumpfes von Verletzungen der Menschenrechte bis hin zum Massenmord. Keine Jugendliche und keine Kinder werden davon ausgenommen! 240 hochgiftige Substanzen wie Nikotin, Teer, Quecksilber, Nitrosamine, Polonium 210, Formaldehyd, Blei, Akrolein,
    Kohlenmonoxid, Blausäure, Ammoniak, Benzol, Cyanid, nur um ein paar Wenige zu nennen, verursachen schwere Krankheiten und Krebs, bis hin zum jährlich 140 000-fachen Tod in Deutschland!
    Dieses makabre Inferno übergehen die Verantwortlichen geflissentlich! Die Rechtssprechungen der Gerichtsbarkeit gehen
    zu Gunsten der Täter (s. Friedhelm Adolfs), die Medien dürfen ungehindert Werbung für dieses Teufelszeug betreiben, und die Kirchen schweigen dazu wie ein Grab bis hin zum Papst! Ich solle beten, meinte er lapidar! Das Tabakverbot durch das GG, dem StGB und dem LFGB § 30 wird missachtet! Wer spricht bei dieser Menschenvernichtung noch von einem demokratischen Rechtsstaat??“

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