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Gesundheitspolitik 29. November 2005

Wie viel Stillen ist genug?

Die Weltgesundheitsorganisation hat vor zwei Jahren die Empfehlung für ausschließliches Stillen auf die Dauer von sechs Monaten angehoben. Jetzt diskutieren Fachleute darüber, ob dies auch für Europa Gültigkeit hat.

In einem aktuellen Artikel einer Fachzeitschrift für Gynäkologen wird durch die geforderte Verschiebung der Beikosteinführung von „nach dem 4. Lebensmonat“ auf „nach dem 6. Monat“ eine Nährstoffversorgung mit eventuell folgenden Wachstums- und Entwicklungsverzögerungen befürchtet. Diese Ansicht vertritt auch die anerkannte Amerikanische Gesellschaft für Pädiatrie (AAP). In „Entwicklungsländern“ wäre hingegen eine lange Stilldauer aufgrund schlechter hygienischer Bedingungen für die Zubereitung von Muttermilchersatzprodukten wichtig – aber in Europa?

Keine Mangelerscheinungen

„Ich habe in den zehn Jahren meiner Tätigkeit bei einem bis zum 6. Lebensmonat voll gestillten Kind niemals eine Mangelerscheinung oder Entwicklungsverzögerung wegen Nährstoffmangels gesehen“, berichtet Dr. Katharina Reschen, Ärztin für Allgemeinmedizin in Salzburg und IBCLC (ein international hoch geschätztes Zertifikat für eine Zusatzqualifikation als Still- und Laktationsberaterin). „Nährstoffgehalt und Inhaltsstoffe der Muttermilch sind in jeder Entwicklungsphase physiologisch optimal angepasst.“ Dies sei durch zahlreiche Studien belegt. Ebenso gebe es entsprechende Evidenz für die langfristigen positiven Auswirkungen des Stillens auf die Gesundheit von Baby und Mutter, z.B. selteneres Auftreten von Otitis media und anderen Infektionserkrankungen, weniger Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes und der Atemwege. Bei gestillten Kindern kämen auch Diabetes und Allergien seltener vor, so Reschen. Aktuelle Daten zeigen langfristige Effekt e im Umgang mit dem Körpergewicht und der Ernährung sowie bei der Entwicklung der Intelligenz. Positive Auswirkungen seien auch auf die Entwicklung des Kausystems und der Sprache bekannt. Wird sechs Monate ausschließlich und dann nach Bedarf weiter gestillt, fallen diese Effekte besonders deutlich aus.„Leider wählen viele Kolleginnen und Kollegen den ‚einfacheren’ Weg“, bedauert Dr. Anni Trinkl, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde am LKH Leoben und IBCLC. „Oft wird der Mutter Formula-Nahrung empfohlen, vielfach aus Nichtwissen!“ Trinkl selbst empfiehlt nach wie vor, Kinder in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen. Dabei sollten die Mütter von zum Thema Stillen gut ausgebildeten Personen begleitet werden.

„Gesunde“ Gewichtszunahme

Bislang eher unbeachtet von der heimischen Fachwelt blieb eine aktuelle WHO-Studie, deren Ergebnisse im Februar veröffentlicht wurden. Demnach sind die Wachstumsperzentilen, nach denen heute die „gesunde“ Gewichtszunahme von Säuglingen bewertet wird, um bis zu 15 bis 20 Prozent zu hoch formuliert. Die bisherigen Gewichtskurven wurden vor mehr als 30 Jahren an amerikanischen, formulaernährten Babys erhoben. Die neuen Referenzwerte gehen von Untersuchungen an 8.440 Babys in sechs Ländern während einer siebenjährigen Forschungsarbeit aus. Auch diese neuen Werte lassen Befürchtungen in Bezug auf Gewichtsverlust in einem neuen Licht erscheinen.

Vorteile auch für die Mütter

Studien belegen, dass stillende Frauen weniger postpartale Blutungen und eine raschere Rückbildung der Gebärmutter haben. „Stillen vermindert das Risiko einer Eisenmangelanämie“, betont Dr. Ingrid Zittera, Fachärztin für Gynäkologie aus Lienz ind IBCLC. „Zudem trägt sechs Monate ausschließliches Stillen zu schnellerem Gewichtsverlust bei, da Frauen während des Stillens zusätzlich 500 bis 640 kcal pro Tag verbrauchen.“ Neben gesunder Ernährung und ausreichender Bewegung ist Stillen auch ein wichtiger Beitrag zur Prävention von Osteoporose. Vor allem trägt langfristiges Stillen auch deutlich zur Verringerung des Brustkrebsrisikos bei – „ein gut belegtes Faktum, das in Fachkreisen viel zu wenig bekannt ist“, so Zittera. „Studien und die Erfahrung zeigen: Ärzte, Krankenpflegepersonal und Hebammen haben großen Einfluss auf Stillraten und –dauer, sind sich aber ihrer Schlüsselpositionen oft gar nicht bewusst“. Für Spitäler gebe es von der WHO klare Richtlinien, wie Stillen gefördert werden kann, viele dieser Ansätze ließen sich auch bei niedergelassenen Ärzten umsetzen.

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