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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Auch für Burschen gibt's ein erstes Mal

Wenn es um das Thema Verhütung geht, werden vor allem Mädchen und junge Frauen angesprochen. Burschen werden weithin vernachlässigt. Jugendberater vermissen unter anderem Angebote von ärztlicher Seite.

Sexualität in allen (un)vorstellbaren Schattierungen scheint inzwischen ein normales Alltagsthema zu sein. So lassen es jedenfalls die einschlägigen Artikel in Lifestyle-Magazinen und Themen in Talkshows erscheinen. „In vielen Familien und Klassenzimmern ist Sexualität aber nach wie vor ein Tabuthema, vor allem das explizite Aussprechen der Bezeichnungen für Geschlechtsteile oder das Gespräch über sexuelle Erfahrungen“, berichtet DSA Rudolf Roithmaier, Geschäftsführer von Bily. Der Verein Bily bietet in Linz Jugend-, Familien- und Sexualberatung an (Homepage: www.bily.info).

Gründe für Verunsicherung

Dass Jugendliche immer früher erste sexuelle Erfahrungen machen, ist nicht neu. „Bei vielen Mädchen hat sich sicher ihr Selbstbewusstsein verändert: Sie sprechen aus, was sie wollen und was nicht“, sagt Roithmaier. Burschen würde dies oft verunsichern, denn nach wie vor existiere das Bild des Mannes, der beim Sex alles bestimmt und nicht die geringsten Probleme mit dem „Stehvermögen“ hat. Doch gerade Burschen würden sich nach den ersten sexuellen Kontakten als Versager fühlen. Mehr Selbstbewusstsein bei den Mädchen bedeutet nicht automatisch mehr Wissen über Verhütung. Nach aktuellen Erhebungen ist die Zahl „junger Mütter“ stark im steigen. Auch AIDS wird von Burschen und Mädchen nicht mehr als unmittelbare Bedrohung erlebt. Die neuen Dreifachtherapien lassen eine HIV-Infektion bei Jugendlichen als bewältigbare Krankheit und keineswegs als Todesurteil erscheinen. Wenn es um Verhütung oder Schutz vor Geschlechtskrankheiten geht, werden meist ausschließlich Mädchen angesprochen. Doch eine aktuelle Studie machtdeutlich: Je mehr Burschen über diese Themen Bescheid wissen bzw. auch Gelegenheit haben, Erfahrungen darüber auszutauschen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Schutz bei sexuellen Kontakten als partnerschaftliche Angelegenheit wahrnehmen. Mädchen kommen mit diesem Thema meist beim ersten Besuch beim Gynäkologen in Berührung. Burschen gehen heute zwar öfter als früher zum Urologen, unter anderem weil sie meinen, ihre Geschlechtsteile würden nicht den „natürlichen Normen“ entsprechen. „Ein wichtiger Gesprächspartner zum Thema Sexualität kann für Burschen also der Hausarzt sein“, ist Roithmaier überzeugt. Ein erster Schritt sei das Auflegen von Informationen, die auch Kondome beinhalten könnten. „Wichtig ist das Signalisieren von Offenheit“, empfiehlt Roithmaier. „Die Dinge von Anfang an beim Namen zu nennen, vermittelt Kompetenz."

Aufklärung auf Alter abstimmen

Darüber hinaus könnten Eltern motiviert werden, Sexualität mit Heranwachsenden anzusprechen. „Aufklärung ist keine einmalige Aktion, die in einer Stunde ab-laufen kann, sondern ein auf das jeweilige Alter abgestimmter Prozess, in dem verschiedene Menschen eine Rolle spielen“, sagt Roithmaier. Dabei sei es auch wichtig, über positive und negative Erfahrungen zu sprechen und nicht über „Bienen und Blumen“. Der Bily-Geschäftsführer sieht zahlreiche Möglichkeiten für ärztliches Engagement: Sie könnten ihr medizinisches Wissen auch Jugendorganisationen anbieten, wie dies in der AIDS-Prävention öfters der Fall ist. Sinnvoll wären außerdem Vorträge an Schulen oder Abende zum Thema Sexualität für Burschen. „Wenn ein Arzt in einer Schule tätig ist, sollte Sexualität nicht nur in Bezug auf Krankheiten thematisiert werden, sondern als wichtiger Bereich, der von Burschen und Mädchen unterschiedlich erlebt wird“, regt Roithmaier an. Biologische oder biomechanische Fakten seien zu wenig. Es gehe vielmehr um den „vorangehenden und begleitenden Dialog zwischen Sexualpartnern, um das Gespräch über Emotionen und den Umgang mit Ammenmärchen, z.B. dass Mädchen höchstens viermal im Jahr fruchtbar sind bzw. die Länge des Penis das einzig entscheidende Kriterium für ein lustvolles Sexualleben ist“.

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