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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Jetzt muss drauf steh'n, was drin ist!

Eine kleine Revolution sorgt im Praxis-alltag für stilles Aufatmen. Die „anonyme Salbe“ gehört der Vergangenheit an. Genaue Angaben zu den Inhaltsstoffen müssen nun verwechslungssicher auf den Behältnissen magistraler Rezepturen angebracht werden.

Der Wunsch des Patienten an seinen Hausarzt klingt erfüllbar: Diese „besondere Salbe“, das einzig effiziente Mittel beim chronischen Ekzem, hätte er gerne nochmals verordnet. Er habe sogar das alte Behältnis mitgebracht. Der lokale Augenschein des Hausarztes verläuft jedoch unbefriedigend: Eine weiße Dose mit Resten der Mixtur, am Deckel der kryptische Vermerk „Salbe“. Der verschreibende Dermatologe ist bereits in Pension, geschmacklich lässt sich keine chemische Analyse aus den Salbenresten durchführen. Magistrale Rezepturen nehmen, wohl zu Recht, einen besonderen Stellenwert unter den verschriebenen Arzneien ein. Zeigen sie doch ein redliches Bemühen um eine individuelle, für den Patienten maßgeschneiderte Therapie. Speziell angefertigte Präparate bringen auch eine hohe Compliance mit sich. Vergleichsweise selten wird über Nebenwirkungen berichtet – wohl auch aufgrund des mangelnden Begleittextes und der fehlenden Auflistung der unerwünschten Effekte. Auch der Apotheker ist magistralen Rezepturen nicht abgeneigt. Schließlich gehört die Herstellung von Arzneien zu den ureigensten Aufgaben der Pharmazeuten. Die Hitliste führen die halbfesten Arzneiformen an, gefolgt von Lösungen und Teemischungen. Mit 45 Prozent aller verordneten Magistralrezepturen rangieren die Dermatologen vor den Pädiatern (35%) und den Augenärzten (14%). Die restlichen 6 Prozent teilen sich alle anderen Fachrichtungen. Generell entfallen in den Apotheken wertmäßig lediglich 2,4 Prozent auf magistrale Rezepturen.

Kein gutes Geschäft für die Pharmazeuten

„Die Anfertigung von Arzneien in der Apotheke ist naturgemäß mit einer hohen Eigenverantwortung verbunden. Betriebswirtschaftlich rechnen sich die magistralen Rezepturen für die Pharmazeuten allerdings nicht“, erklärte Mag.pharm. Dr. Wolfgang Jasek von der Österreichischen Apothekerkammer bei der 9. Jahrestagung der Gesellschaft für Dermopharmazie Mitte März 2005 in Wien. Schließlich könne sich dieser Geschäftszweig durch die Arbeitsleistung, die apparative und räumliche Ausstattung oder den vergrößerten Beratungsaufwand für Patienten nicht rechnen. Aufgrund des solidarischen Modells wird durch die Spannenregelung in der Arzneitaxe die Anfertigung magistraler Rezepturen ermöglicht. Jasek: „Pharmazeutisch-technologisches Wissen und gut ausgestattete Labors sind dafür unbedingt notwendig. Alle Anforderungen und Vorschriften für die einzelnen Zubereitungen sind im Europäischen Arzneibuch definiert.“

Vorgaben für qualitätsgesicherte Herstellung

Mit 9. März 2005 trat formell die neue Apothekenbetriebsordnung (ABO) in Kraft und ist somit legitimer Nachfolger der Apothekenbetriebsordnung von 1934. So wurden die Vorgaben für die qualitätsgesicherte Herstellung von Zubereitungen modifiziert. Der für Ärzte und Patienten gleichermaßen erfreuliche Paragraph 22 betrifft die Behältnisaufschrift magistraler Rezepturen (siehe Kasten): Ab sofort muss drauf stehen, was drin ist!„Diese Neuerung wurde nicht ohne Widerstand einiger Pharmazeuten akzeptiert“, berichtete Jasek. „Nun müssen alle wirksamen Bestandteile nach Art und Menge angegeben werden. Und dies ist für mich der einzig gangbare Weg. Die Patienten haben schließlich ein Recht darauf zu wissen, welches Präparat sie anwenden.“ Neben den Inhaltsstoffen müssen Hinweise zur Haltbarkeit und besondere Lagerungsbedingungen vermerkt sein. Zudem dürfen die Beschriftungen, um der Verwechslungsgefahr vorzubeugen, nur mehr direkt an den Behältnissen, nicht am Deckel, angebracht werden. Obwohl für die ABO 2005 keine Übergangsfristen gesetzt wurden, wird es wohl noch etwas dauern, bis alle Apotheken den neuen Richtlinien gerecht werden können. Außerdem wird – abgesehen von an medizin-historischen Kuriositäten interessierten Menschen – wohl kaum jemand die namenlosen Salben vermissen.

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