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© Wolf Steinle
Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts
 
Gesundheitspolitik 5. Dezember 2016

Stresst ruhig ohne mich weiter

Zeitgeist. Das von Matthias Horx gegründete Zukunftsinstitut widmet sich in seiner jüngsten Studie dem „Megatrend Gesundheit“. Die Autoren prognostizieren einen Perspektivenwechsel von der individuellen Gesundheitsbetrachtung in Richtung Umwelt- und Umgebungsgesundheit.

Dem Zukunftsinstitut geht es in seinen regelmäßig publizierten Trendstudien weniger um konkrete Prognosen, Zahlenspiele oder kurzfristige Entwicklungen als vielmehr um einen aufschlussreichen Blick durch das Zukunftsfernrohr. In welche Richtung könnte das Pendel ausschlagen? Welche Themenfelder, die wir heute vielleicht noch gar nicht im Blick haben, werden an Bedeutung gewinnen und welche von der Bildfläche gänzlich verschwinden, überholt von einer ständig Fahrt aufnehmenden Realität? Evidenzbasierte, wissenschaftliche Daten bilden die Grundlage der Antwortversuche der Zukunftsforscher auf solche Fragen. Darauf errichten sie vor dem Hintergrund der großen aktuellen Forschungs- und Entwicklungsfelder sowie unter Bedachtnahme der bestimmenden gesellschaftlichen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen ihre Zukunftsvisionen zum Thema Gesundheit.

Nicht die Vorhersage ist das Ziel, was, wann genau passieren wird. Es geht vielmehr um das Entwickeln einer „feinen Nase“ für absehbare Trends, damit die Verantwortlichen möglichst früh und möglichst zielgerichtet reagieren können, damit sie adäquate gesundheitspolitische Angebote entwickeln und gesellschaftpolitische Weichenstellungen vornehmen können, damit sie Handlungsfelder neu definieren oder zumindest gewichten können, um am Ende von den tatsächlichen Entwicklungen nicht überrollt zu werden.

Vom Ich zum Wir

Warum gerade Gesundheit in den Mittelpunkt der aktuellen Trendstudie gerückt sei, wollten wir von Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, wissen. „Der Megatrend Gesundheit hat sich in der Gesellschaft etabliert – politisch, ökonomisch wie privat“, sagt Gatterer. Er sei mittlerweile „in sämtliche Lebensbereiche vorgedrungen, fest im Bewusstsein der Menschen und Organisationen verankert. Gesundheit ist zum Lebenssinn und Lebensziel geworden“. Wer gesund lebt – so laute der gesellschaftliche Tenor –, der „lebt ein gutes Leben“.

Gesund zu leben liegt aber nicht ausschließlich in der Selbstverantwortung des Individuums, sondern müsse ganzheitlich gedacht werden. Künftig werde daher „die Vielzahl der gesundheitswirksamen Faktoren weiter in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken“, beschreiben die Studienautoren einen gerade stattfindenden Perspektivenwechsel. Viele dieser Faktoren liegen eben nicht in der Macht des Individuums, werden vielmehr von den Lebens- und Umgebungsbedingungen gesteuert. Gesundheit dürfe daher als komplexe Angelegenheit auch künftig nicht „unterkomplex auf das Individuum abgeladen, auf seine Konstitution und Verhaltensweisen reduziert werden“.

Das individuelle Gesundverhalten ist damit bei Weitem nicht der einzige Risikofaktor für Krankheiten, fasst Verena Muntschik, Herausgeberin der Studie „Health Trends – Gesundes Leben in der Zukunft“ nochmals zusammen: „Wer und was uns umgibt, hat Impact auf unsere Gesundheit.“ Spätestens dort, wo das Individuum mit seiner Verhaltensabsicht „Sisyphos-gleich gegen konträre Einflussfaktoren aus der Umwelt ankämpfen muss“, greife Eigenverantwortung als Gesundheitskonzept damit zu kurz. Gesellschaft, Staat und Unternehmen müssten daher – zukünftig noch stärker als bisher – die Verantwortung für die Gesundheit der Individuen in Form von verhältnisbezogenen statt verhaltensbezogen Maßnahmen entsprechend mittragen.

Eine wesentliche Determinante für Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und Lebensqualität sind gute soziale Kontakte, funktionierende soziale Netzwerke, weiß die Kulturanthropologin Lena Papasabbas. Sie würden sich nachweislich positiv auf die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten von Menschen auswirken. Es sei daher kein Zufall, dass sich als Gegentrend zur fortschreitenden Anonymisierung gerade in den wachsenden Städten eine „neue Wir-Kultur entwickelt, ein Trend zur Gemeinschaftsbildung im unmittelbaren lokalen Lebensumfeld, der den Wunsch nach Zugehörigkeit, Identität und Begegnung erfüllt“. Solche Gemeinschaften zeichnen sich durch lose Organisationsformen aus, die jeden zur Partizipation einladen, aber niemanden verpflichten.

Eigenverantwortung wird zur Norm

Die zunehmende Übergabe der Gesundheitsverantwortung in die Hände des Individuums hat laut Papasabbas in der Vergangenheit einen großen sozialen Druck erzeugt: „Selbstverantwortliches gesundes Verhalten ist nicht nur ein gesellschaftlicher Wert, sondern eine geforderte Norm geworden, nicht zuletzt als Verpflichtung der Solidargemeinschaft gegenüber.“ Paradox daran sei jedoch, dass trotz dieses hohen sozialen Drucks das Verhalten der Menschen nicht zwangsweise gesünder geworden sei. Weltweit sind laut WHO immer weniger Menschen körperlich ausreichend aktiv. Sie verhalten sich konträr zu gesellschaftlichen Erwartungen und auch oft gegenüber den eigenen Wünschen nach einer gesunden Lebensweise.

Der bislang erwarteten Selbstoptimierung stellt sich zunehmend ein Trend entgegen, den Papasabbas „Gesundheitszufriedenheit“ nennt. Darunter sei ein „achtsamer und zugleich gelassener Zugang zur eigenen Gesundheit“ zu verstehen, wobei Gelassenheit aber nicht mit Nachlässigkeit verwechselt werden dürfe, sondern die Tugend beschreibt, den „rein leistungsorientierten Selbstoptimierungsgedanken loslassen zu können“. Diese Trendumkehr werde nicht zuletzt im sportlichen Verhalten besonders gut sichtbar. Sport als disziplinierte Leistungssteigerung verliere zunehmend an Bedeutung, werde ersetzt durch die Suche nach dem Wohlfühlen im eigenen Körper, durch die Lust nach freier Bewegung.

Führungskräfte sind gefordert

Wie schon ausgeführt, entwickelt sich Gesundheit nach Ansicht des Zukunftsinstituts also verstärkt von der Selbstverantwortung des Einzelnen in Richtung gemeinsame Verantwortung von Menschen und Organisationen. Damit kommen auch den Arbeitsbedingungen sowie der Ausgestaltung der Arbeitsumgebung essenzielle Bedeutungen zu. Welche Rolle also spielt Arbeit in Zukunft, wenn immer mehr Menschen ihre Gesundheit, Lebensqualität und Freiheit davon bedroht sehen?

Zukünftig würden Individuen immer stärker Umgebungsbedingungen bei ihren Arbeitgebern einfordern, die ihnen „ein gesundzufriedenes Leben ermöglichen“, ist Jeanette Huber, Mitautorin der Studie, überzeugt. Im Zeitalter des Megatrends Gesundheit gehe es somit nicht nur um eine umweltfreundliche, sondern immer stärker auch um eine „menschenfreundliche Wirtschaft“.

Kernelement einer menschenfreundlichen Arbeitswelt ist nach Meinung vieler die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Obwohl viel diskutiert, sei diese Problematik bislang „weitgehend ungelöst“, mutmaßt Huber. Entscheidender Erfolgsfaktor ist dabei der Faktor Zeit. Laut einer KPMG-Studie ist der Wunsch nach mehr freier Zeit vor allem bei der jüngeren Generation und in der Zeit zwischen 30 und 39 Jahren besonders hoch – die Phase, in der gewöhnlich die Familienplanung beginnt. In diesem Sinn scheinen Jungmediziner also durchaus in guter, jedenfalls in großer Gesellschaft.

Nicht die vielzitierte Work-Life-Balance stehe dabei im Mittelpunkt, meint Huber, sondern ein „besseres Management von Zeit über den gesamten Lebenslauf hinweg“. Gute Freunde haben, enge Beziehungen zu anderen Menschen, für die Familie da sein und eine glückliche Partnerschaft rangieren als Werte im Leben der Menschen viel weiter oben als beruflicher Erfolg und hohes Einkommen.

Happy Work

Während im Arbeitsalltag heute noch viele an den eigenen Ansprüchen scheitern, werde die kommende Generation hier konsequenter und auch kompromissloser agieren, davon ist Huber überzeugt. „Ohne Urlaub durcharbeiten oder trotz Krankheit am Schreibtisch sitzen – das ist das hartnäckige Überbleibsel einer Arbeitswelt, mit der die Generation Y nichts zu tun haben will.“ Und sie wird auch Dauerstress nicht mehr als Selbstverständlichkeit akzeptieren. Stress werde zukünftig „nicht mehr als Zeichen gedeutet, dass jemand viel leistet, sondern als Unvermögen oder Unmöglichkeit, eine Balance herzustellen“, glaubt Huber. Demzufolge werden immer weniger Menschen dazu bereit sind, einem Job nachzugehen, der sie krank macht, oder sich in eine Arbeitskultur zu begeben, die selbst auferlegte ungesunde Verhaltensweisen und Stress fördert.

Innovative Unternehmen haben die Zeichen der Zeit längt erkannt und ihr Angebot entsprechend angepasst. So bietet etwa der Social-Media-Gigant Twitter in San Francisco seinen Mitarbeitern das volle Wellness- und Fitnessprogramm an, von Yoga über Pilates bis zu Wing Chun und Kung Fu. Gestresste Mitarbeiter können sich im vielseitigen Kursangebot fit halten, aber auch zwischendurch bei einer Massage- oder Akupunktursitzung entspannen.

Dr. Googles wachsender Einfluss

„Digital Health“, der die Studie ein ganzes Kapitel widmet, ist demnach zwar „weit mehr als Dr. Google“, dennoch übt gerade dieser einen nachhaltigen Einfluss auf die Arzt-Patienten-Beziehung aus – und damit auch auf den Arztberuf selbst.

70 Prozent der Internetnutzer informieren sich heute im Internet über gesundheitsrelevante Themen. Das Internet trage somit wesentlich zum „Wandel vom unwissenden, sein Leid erduldenden Patienten hin zum ermächtigten, informierten Gesundheitskonsumenten bei“, sagt der Kommunikationswirtschaftler und Wissensmanager Florian Kondert: „Consumer Empowerment im Netz erfordert eine Neuinterpretation des Arztberufs. Ärzte verlieren damit zwar ihren Halbgötterstatus, aber nicht ihre Verantwortung.“ Selbstverständlich ließe sich über die Qualität der Informationen aus dem Netz diskutieren, räumt der Digital-Experte des Zukunftsinstituts ein, das würde letztendlich aber nichts daran ändern, dass sie „das Selbstbewusstsein des Patienten gegenüber dem Arzt stärken“.

Ärzte stehen dieser Entwicklung ambivalent gegenüber. Laut einer Befragung der Bertelsmann-Stiftung sagt nur knapp die Hälfte der 800 befragten Ärzte in Deutschland, dass die Selbstinformation der Patienten eine Chance für eine positive Veränderung der Arzt-Patienten-Beziehung darstellt. Demgegenüber fürchten 45 Prozent „unangemessene Erwartungen und Ansprüche“, die ihre Arbeit „nur belasten“. Immerhin jeder dritte Arzt meint hingegen, er könne aufgrund der Vorinformation den Patienten besser an Entscheidungen für seine Gesundheit beteiligen. „Der Empowered Health Consumer sorgt für eine Neuausrichtung der Arzt-Patienten-Kommunikation, die von Ärzten erst erlernt werden muss“, sagt Kondert.

Künftig müsse es wohl zur Kompetenz eines Mediziners gehören, „das Wissen, das der Gesundheitskonsument mitbringt, zu bewerten und ihm ebenfalls adäquate Infoquellen und -materialien mit auf den Weg zu geben“.

Was folgt nun aus dem bisher Gesagten? Die wichtigsten Zukunftspotenziale zum Thema Gesundheit in 20 Trendprognosen konkretisiert das Zukunftsinstitut in in vier Unterkapiteln:

- Environmental Health: healthy habitat. das Bewusstsein für globale Gesundheitsverantwortung setzt sich durch; Gesundheitsraum Stadt, neue Stadtplanung nimmt menschliche Gesundheit zum Maß; healing architecture, gesundes Bauen leistet einen Beitrag zur Gesundheit der Menschen; caring communities, lokale, soziale Netzwerke fördern Lebensqualität und Gesundheitszufriedenheit am Wohnort.

- Corporate Health: healthy workspace, Infrastruktur für einen physisch gesunden Arbeitsplatz; happy work, Arbeitszeit wird Bestandteil eines ganzheitlichen Gesundheitskonzeptes; healthy leadership, Verhalten von Führungskräften ist der Schlüssel zu einer gesunden Arbeitskultur; Work-Life-Integration, die Rolle von Arbeit im Leben wird unter gesundheitlichen Aspekten neu definiert.

- Individual Health: health literacy, Gesundheitskompetenz wird zum Soft Skill des 21. Jahrhunderts; movement culture, Bewegung mit Spaß löst leistungsorientierten Sporttrend ab; self- configuration, Körper und Geist als modifizierbare Systeme; mind balancing, Gelassenheit ist der neue Trend für mehr gesundheitliche Zufriedenheit; conscious eating, Gesund essen bedeutet bewusst essen; healthy youth, die junge Generation treibt den Megatrend Gesundheit voran.

- Digital Health: Digividuum, gesundheitsfördernde Verschmelzung von Mensch und digitaler Technologie; health tracking, individuelle Messung von Gesundheitsdaten schreitet voran; predictive health, Datenanalyse als Medizin der Zukunft; smart health consumer, Empowerment im Netz erfordert Neuinterpretation der Arztberufs; virtual medicine, virtuelle medizinische Betreuung wird zur Komfortleistung; automated healthcare, Automatisierung hebt die Versorgungsqualität auf eine neue Stufe.

Literaturempfehlung

Health Trends – Gesundes Leben in der Zukunft, Herausgeberin: Verena Muntschick, Oktober 2016, ISBN 978-3-945647-34-9,

Verlag Zukunftsinstitut, Softcover 209,10 EUR zzgl. MwSt. Bestellungen: bit.ly/2gpvaRe

Volkmar Weilguni

, Ärzte Woche 49/2016

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