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Gesundheitspolitik 29. November 2005

Legale Drogen zerstören oft auch Familien

Zur Familienmedizin gehört auch die ­Betreuung Suchtkranker und deren ­Angehöriger. Dabei könnte das Zusammenspiel von Ärzten und Spezialeinrichtungen noch stärker genutzt werden.

„Wie jede Krankheit verändert Sucht Familien auf substanzielle Weise“, betont Prim. Dr. Felix Fischer, Leiter der Behandlungsanstalt für Alkoholerkrankungen in Traun. Er ist einer der Referenten des heurigen Familienmedizin-Workshops der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Vor allem Alkoholabhängigkeit wirkt sich nicht nur auf den Betroffenen selbst, sondern auch auf alle Familienmitglieder aus. Dadurch werden diese selbst zu einer Risikogruppe für Suchtkrankheiten.„Alkoholkonsum ist gesellschaftlich akzeptiert, auch in großen Mengen. Die Schwelle zum Missbrauch ist oft schwer auf Anhieb wahrnehmbar“, so Fischer. Alarmzeichen, auf die der Hausarzt achten kann, sind unter an-deren ständige kleinere Verletzungen, häufige Alkohol-„Fahne“, auffallende Leberwerte sowie Veränderungen in den unmittelbaren sozialen Systemen. Die involvierten Angehörigen können unter diversen Belastungskrankheiten und psychosomatischen Beschwerden leiden, auch Lern- und Schulschwierigkeiten können Hinweise geben.

Psychosoziale Einrichtungen bei Ärzten zu wenig bekannt

„Der Arzt sollte diese Dinge sachlich und höflich thematisieren – und nicht zu lange damit warten“, betont Fischer. Aus seiner Sicht wissen heimische Ärzte nach wie vor zu wenig über Institutionen, die psychosoziale Unterstützung bzw. Begleitung bei Alkoholproblemen bieten. „Dieses Wissen wäre aber eine entscheidende Grundlage für eine Kooperation“, so der Experte, „gerade Suchtkrankheiten sind klassische Felder einer vernetzten Medizin.“ Alkoholabhängigkeit ist ein Phänomen, das seit nicht einmal zehn Jahren als Krankheit gesehen wird. Nach offiziellen Statistiken sind fünf Prozent der Bevölkerung betroffen. Fischer verweist auf Untersuchungen, wonach z.B. auf internen Spitalsabteilungen bei bis zu einem Drittel der Patienten ein Alkoholproblem mitspielt. Dieses bliebe aber in den meisten Fällen unerkannt oder werde nicht angesprochen. Entgegen der weit verbreiteten Annahme sei Alkohol­abhängigkeit kein schichtspezifisches Problem.

Viel zu salopper Umgang mit Nikotin

Besorgt verfolgt Fischer auch die Entwicklung des Nikotinkonsums: „Meist wird nur von den ‚Rauchern’ gesprochen, tatsächlich geht es hier aber um Nikotinsucht, eine der schwersten Abhängigkeitserkrankungen.“ Es sei „ein Skandal, dass es dazu viel zu wenig statische Erhebungen gibt und die Kasse bei der Behandlung nur Bagatellbeiträge erstattet“. Weder Ärzte noch Psychologen könnten es sich aus wirtschaftlichen Gründen kaum leisten, hier einen Schwerpunkt zu setzen, obwohl das seit langem dringend nötig wäre.„Viele tun so, als wäre intensives Rauchen mit einer Vorliebe, zum Beispiel für Müsli, vergleichbar“, kritisiert Fischer. Rauchen könne in vielerlei Hinsicht massive gesundheitliche Spätfolgen verursachen. Das Problem liege darin, dass – anders als beim Alkoholmissbrauch – Symptome oft erst sichtbar werden, wenn es schon zu spät sei. Deshalb spiele bei Menschen mit Nikotinsucht die Früherkennung eine wichtige Rolle. Gesundheitspolitik und auch viele Ärzte setzen auf Appelle zum Aufhören. Für Fischer geht es eigentlich aber darum, „die Sucht nach Nikotin auch als solche zu definieren, systematisch danach zu fragen, sie zu dokumentieren und entsprechende Schritte in der Behandlung zu setzen.“ Diese Krankheit müsste endlich einen ähnlich fixen „Platz“ im Praxisalltag von Allgemein- und Fachärzten bekommen wie andere Erkrankungen. Fischer: „In jede Ordination gehören Informationen über unterstützende Angebote, um mit dem Rauchen aufzuhören.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 10/2005

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