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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Die Seele ist nicht teilbar, der Leib schon

1954 wurde zum ersten Mal eine Niere von einem Lebendspender verpflanzt. Das war der Beginn einer neuen Ära in der Medizin: Aus der dualen Beziehung zwischen Arzt und Patient wurde eine Dreiecksbeziehung, mit einer weiteren involvierten Person, dem Organspender. Welche Grundsätze bei der Lebendspende zu beachten sind, wurde beim Symposium „Transplantation“ in Goldegg diskutiert.

Die Seele eines Menschen ist nicht teilbar, sein Leib aber schon. Auf diesem Prinzip beruht, wie der Wiener Philosoph Prof. Dr. Peter Kampits in seinem Vortrag auf dem Goldegger Transplantations-Symposium (Veranstalter: Österreichisches Grünes Kreuz) ausführte, die Organtransplantation von Lebendspendern. Ein Mensch braucht zum Leben nicht unbedingt zwei Nieren, in der Regel kommt er auch mit einer aus, die andere kann er einem schwer Nierenkranken spenden. Obwohl der Eingriff an dem Nierenspender in der Regel ohne weitere Komplikationen verläuft, bleibt doch immer ein Restrisiko. Es kommt hinzu, dass der behandelnde Chirurg sich in der eigentümlichen Situation befindet, dass er eine Operation, also eine Körperverletzung vornimmt, die gar nicht dem Behandelten zugute kommt. Das widerspricht im Grunde seinem ärztlichen Ethos, gerechtfertigt wird der Eingriff damit, dass er sehr wohl Heilzwecken dient, wenngleich auch denen einer anderen Person. Diese Konstellation, die über die traditionelle Arzt-Patienten-Beziehung hinausreicht, verlangt von dem behandelnden Arzt ein besonders verantwortungsvolles Vorgehen.

Ethische Absicherung

Er muss ich vor allem an folgenden Prinzipien orientieren, wie Dr. Susanne Rasoul-Rockenschaub, Transplantationsmedizinerin am AKH Wien, ausführte: Die Lebendspende muss freiwillig sein, es darf keinen Druck geben und es dürfen keine finanziellen Interessen verfolgt werden. Minderjährige sind ausgeschlossen, und Ärzte können auch nicht von einem potenziellen Spender zu dem Eingriff gezwungen werden. Das sind auch die Leitsätze, die letztes Jahr in Amsterdam auf einem internationalen Treffen von Transplantationsmedizinern in einem Konsensuspapier festgehalten wurden. Zentral ist also die autonome Entscheidung des Spenders. Klingt gut, doch im Einzelfall könnte, wie Rasoul-Rockenschaub einräumte, nicht immer ausgeschlossen werden, dass doch Druck ausgeübt wird, sei es direkt oder indirekt. Welche Eltern könnten sich etwa der gesellschaftlichen Erwartungshaltung entziehen und ihrem kranken Kind eine ihrer Niere vorenthalten? Die Statistik zeigt, dass mehr Frauen als Männer Organe spenden, was psychosoziale Gründe hat, aber auch biologische – der Transfer von Frau zu Mann ist einfacher als umgekehrt, so Prof. Dr. Bernd Grabensee, Düsseldorf. Der große Vorteil gegenüber der Kadaverspende besteht darin, dass bei der Lebendspende die Voruntersuchung in Ruhe durchgeführt und der ideale Zeitpunkt für die Transplantation festgelegt werden kann. In diesem Fall liegt auch das eindeutige Einverständnis des Spenders vor, bei der Kadaverspende wird es dagegen oft nur vermutet und die Explantation teils auch gegen den erklärten Willen von Angehörigen durchgeführt. Die Lebendspende ist aus diesem Grund nicht zuletzt auch in ethischer Hinsicht besser abgesichert. Kein Wunder also, dass deren Langzeitprognosen besser sind als die der Kadaverspende.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 10/2005

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