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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Reformen zum Schaden der Patienten

Dr. Hans Walek, Vizepräsident des Berufsverbandes Österreichischer Internisten und Fachgruppen-Obmann für Wien, geht mit den „im Eiltempo verordneten Reformen“ hart ins Gericht: „Dilettantismus und programmierte Pannen“.

„Reformen implizieren oft etwas Positives: Althergebrachtes, Verstaubtes wird durch etwas Neues, Lebendiges ersetzt. Dagegen kann man als konstruktiv denkender, moderner Mensch und Akademiker kaum einen Einwand haben“, betonte Walek im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Was sich seit Monaten als übel riechendes Mon-strum über Österreich wälzt und vorschützt, eine Reform des Gesundheitssystems zu sein, hat damit aber nichts zu tun. Dafür passt vielmehr der vor Jahrzehnten geprägte Begriff der Kulturrevolution im negativsten Sinn – der Unterschied ist, dass es vor Dilettantismus und programmierten Pannen nur so strotzt.“

Sie sehen auch Gefahren für eine adäquate Versorgung der Patienten?
Walek: Ja. Wenn man die im Eiltempo verordneten Verfügungen, die jeden Funken an Hausverstand entbehren, in die Realität umsetzen würde, kämen tausende Patienten zu Schaden. Es ist ein großer Unsinn, Medikamente in bunte Laden zu verfrachten – als ob wir Ärzte des Lesens unkundig wären und eine biblia pauperorum benötigen würden, um teure von billigen Präparaten unterscheiden zu können. Abgesehen davon, drückt man uns jede erdenkliche Art von Verwaltungsaufwand aufs Auge, als hätten die Verantwortlichen erkannt, uns wäre ohnehin langweilig bei der Ausübung unserer ärztlichen Tätigkeit. Ministerium und Hauptverband skotomisieren den Umstand, dass die Kosten für die Sozialversicherungen durch die Krankheiten der uns anvertrauten und Schutz befohlenen Patienten entstehen. Wir Ärzte konsumieren weder die teuren Medikamente noch die noch teureren Untersuchungen selbst, sondern behandeln die Krankheiten und Auswüchse der Industriegesellschaft mit Nikotin- und Alkoholmissbrauch, Überernährung, Bewegungsarmut und Vereinsamung durch einen unphysiologischen Lebensstil.

Wird die eigentliche Aufgabe der Ärzte politisch nicht mehr ernst genommen?
Walek: Die Perversion dieser Gesellschaft liegt in der Kaltschnäuzigkeit, die die ohnehin schon politisch und nicht betriebswirtschaftlich errechneten, überwiegend zu niedrigen Honorare der Ärzte in Frage stellen. Wir sollen für die Inkompetenz der für die medizinische Versorgung Verantwortlichen, Minis-terium und Hauptverband, zur Rechenschaft gezogen werden – so als wären wir die Verursacher! Könnten Sie sich eine Autowerkstatt vorstellen, in der die Mechaniker bestraft werden, weil sie Autos reparieren?
In vielen Ländern der Dritten Welt werden die Schuldigen für die eigene Misere und Armut in Nachbarländern und bei so genannten imperialistischen Mächten gesucht, nur nicht im eigenen Land. In Österreich schiebt man die Verantwortung für das Versagen der Gesundheitspolitik, die eine sinnvolle Sozialmedizin garantieren sollte, den Ärzten zu.

Fehlt nicht eine entsprechende Gegenwehr von Seiten der Ärzteschaft?
Walek: Erstaunlich und erschreckend zugleich ist aus Sicht des Berufsverbandes, dass sich die Österreichische Ärztekammer als unsere Standesvertretung nicht laut aufschreiend an die Öffentlichkeit wendet, um das drohende Unheil von Patienten und Ärzten abzuwenden. Eines liegt klar auf der Hand: Wenn wir unter dem Druck einer überbordenden Bürokratie zur Verwaltungsarbeit verurteilt werden – und das bewirkt das Ministerium mit seinen Erlässen letztendlich –, dann haben wir für unsere eigentliche Aufgabe, für die wir jahrelang studiert und Ausbildungen absolviert haben, keine Zeit. Auf der Strecke bleiben unsere Patienten. Es ist höchst an der Zeit, dass wieder Vernunft und Augenmaß in den Disput über die Gesundheitsreform Einzug halten und über die Profilierungssucht von medizinisch völlig Inkompetenten siegen.

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