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Dr. Dieter Eschberger ist als Facharzt für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie sowie als Chefarzt der AUVA, Landesstelle Wien, tätig.
© Inga Kjer / picture alliance

Der Anteil der Arbeitsunfälle in AUVA-Einrichtungen ist mit 15 Prozent seit Jahren stabil.

 
Gesundheitspolitik 28. November 2016

Böhler hatte ja so recht

Expertenbericht. Die gesetzliche Unfallversicherung wurde 1889 als Arbeiter Unfallversicherung zur Haftungsablöse nach Arbeitsunfällen gegründet und wird bis heute von den Arbeitgebern finanziert. Lorenz Böhlers Argument ist heute noch gültig: Behandlungen auf hohem Niveau rechnen sich volkswirtschaftlich.

Die Grundidee hinter der AUVA war, dass die Ansprüche der Arbeitnehmer ungeachtet eines allfälligen Verschuldens von der Versicherung abgedeckt werden, dafür ist es ihnen versagt, den Arbeitgeber nach einem Arbeitsunfall auf Entschädigung zu klagen.

Die Arbeitswelt des Gründungsjahrs 1889 war allerdings eine völlig andere als die heutige. Sie war geprägt durch billige Arbeitskräfte, hohen Anteil an manueller Tätigkeit und die Industrialisierung hatte gerade begonnen.

Die moderne Arbeitswelt ist demgegenüber gekennzeichnet durch einen hohen Grad an Automatisierung. Der Warentransport ist billig und nimmt nur wenig Zeit in Anspruch, personalintensive Fertigungsschritte oder umweltbelastende Industrieprozesse werden daher oftmals in Billiglohnländer beziehungsweise Länder der Dritten Welt verschoben.

Schwere Unfälle an Maschinen sind in Österreich selten geworden. Unfallträchtig sind nach wie vor Arbeiten am Bau, wobei der Beachtung der Sicherheitsvorschriften hohe präventive Bedeutung zukommt. Auch bei den Arbeitswegunfällen sind dank der modernen Technik schwere Verletzungen nicht häufig.

Versichert sind Arbeiter, Angestellte, Selbstständige, Schüler, Studenten. In den vergangenen Jahren sind Unfälle der sogenannten „Neuen Selbstständigen“ sowie von Kindergartenkindern und von Schwerbehinderten in anerkannten Einrichtungen dazugekommen.

Die Welt ist klein geworden

Die Übersendung einer Nachricht oder einer Information über mittlere und größere Entfernungen war 1889 viel schwieriger als heute. Die Informationskanäle waren schmal und langsam und es wurden daher nur wichtige Informationen per Telegramm oder Boten übermittelt.

In der heutigen Zeit sind dank Mobiltelefon, SMS und digitalen Datenautobahnen die Informationswege sehr breit und selbst völlig unbedeutende Botschaften können sofort und überall hin übermittelt werden. Die Anteilnahme z. B. an einem Eisenbahn- oder Grubenunglück im Fernen Osten ist trotz der großen Entfernung hoch.

Kommunikationswege führen auch dazu, dass sich Menschen aus Ländern mit schlechtem sozialem Status, niedriger Lebenserwartung, Krieg, Hunger und Not bei gleichzeitigem Kinderreichtum dorthin auf den Weg machen, wo sie erfahren haben, dass es ihnen besser gehen wird. Länder wie Österreich oder Deutschland haben sinkende Bevölkerungszahlen. Die Finanzierung der Sozialsysteme wird von Menschen einer bestimmten Altersgruppe getragen. Überalterung der Bevölkerung führt als direkte Folge davon zum Zusammenbrechen dieser Systeme. Diese Länder sind daher auf Zuwanderung angewiesen. Die Sozialsysteme werden von Migranten aber nur dann unterstützt, wenn es gelingt, diese Menschen im Land zu integrieren, andernfalls zusätzlich belastet.

Für die gesetzliche Unfallversicherung entstehen daraus beträchtliche Herausforderungen. Migranten müssen sozial abgesichert werden, insbesondere dann, wenn sie in den österreichischen Arbeitsmarkt integriert werden sollen. Das Problem dabei ist, dass sie oftmals für Arbeiten herangezogen werden, für die sie nicht geeignet und nicht ausgebildet sind, was das Verletzungs- und Unfallrisiko steigert. Die mangelnde Kenntnis der Landessprache macht Unterweisungen schwierig. Sie übernehmen auch Arbeiten, die fachkundige Arbeiter als zu gefährlich ablehnen würden, da der Verlust des Arbeitsplatzes für sie lebensgefährlich sein kann.

Kommt es zu einer Invalidität und die AUVA wird leistungspflichtig, kann genau dies verhindern dass die Betroffenen sich weiter integrieren, da sie meinen, durch die Rentenleistung wirtschaftlich ausreichend abgesichert zu sein. Es gilt daher Modelle auszuarbeiten, die Migranten gemäß ihrer persönlichen Fähigkeiten und ihrer Ausbildung einzusetzen, und im Schadensfall sozial ausreichend, aber nicht in einem Ausmaß, das ihrer Integration hinderlich wäre, abzusichern.

Kernaufgaben der AUVA sind Prävention, Unfallheilbehandlung, Rehabilitation und Entschädigung sowie Forschung zur Verhinderung von Unfällen und Berufskrankheiten sowie deren Heilungsmöglichkeiten. Maßgeblich für ihr Wirken ist die österreichische Sozialversicherungsgesetzgebung, ein nicht gerade übersichtliches und bereits oftmals novelliertes Werk. Es gilt daneben auch das EU-Recht, da auch Rechtsnormen für Fälle erforderlich sind, wo Fremdarbeiter, die in ihrer Heimat leben aber in Österreich einen Arbeitsunfall erlitten haben, sowie für Österreicher, die im EU-Ausland verunfallt sind, erfasst werden.

Die ohnehin schon komplexe Rechtsmaterie wird dadurch nicht gerade übersichtlicher, da die Sozialgesetze gegenseitig gelten aber nicht aneinander angepasst wurden. Das kann dazu führen, dass die AUVA Leistungen erbringen muss, die z. B. nach deutscher Norm gelten, in Österreich aber nicht zuzuerkennen wären. Andererseits stehen z. B. einem Ausländer nach einem Arbeitsunfall in Österreich orthopädische Schuhe nur mehr in dem Ausmaß zu, das die ausländische Versicherung auch bezahlen würde.

Die AUVA hat das Recht, Unfallkrankenhäuser zu betreiben. Zu dem Stammhaus in der Webergasse, das in den siebziger Jahren in das Gebäude des heutigen Lorenz Böhler Krankenhauses übersiedelt ist, sind weitere sechs UKH sowie vier Rehazentren dazugekommen. Gemäß den heute nach wie vor gültigen Vorgaben von Lorenz Böhler einer Unfallheilbehandlung auf höchstem Niveau zur Senkung der Folgekosten müssen diese Einrichtungen auch auf höchstem medizinischem Niveau betrieben werden. Damit sind beträchtliche Kosten verbunden, die von den Geldern der Wirtschaft als Geldgeber der AUVA beglichen werden müssen.

Der Anteil der in diesen Einrichtungen behandelten Arbeitsunfälle ist über die Jahre mit ca. 15 Prozent ziemlich gleich geblieben. Wenig verwunderlich, dass die Wirtschaft als Geldgeber hinterfragt, weshalb sie für die 85 Prozent Freizeitunfälle aufkommen soll. Beantworten lässt sich diese Frage damit, dass medizinische Behandlungen auf hohem Niveau sich volkswirtschaftliche rechnen, wie Lorenz Böhler bereits 1926 nachgewiesen hat, als sich seine neu gegründete Unfallabteilung nach nur einem Jahr für den Betreiber AUVA durch deutliche Reduktion der Rentenleistungen gerechnet hatte.

Eine der wichtigsten Herausforderungen für die Zukunft ist daher, die Unfallheilbehandlung wissenschaftlich evidenzbasiert weiterzuentwickeln und einen gesamteuropäischen Rahmen zu etablieren. Es gilt dabei, die wesentlichen Fortschritte zu erkennen und von Entwicklungen zu unterscheiden, die nur kommerzielle Ziele oder politische Interessen verfolgen und medizinisch in die Irre führen. Dazu wird es notwendig sein, die eigenen Einrichtungen, gleichermaßen UKH und Reha-Zentren, auf dem Stand der Technik auszustatten und mit gut geschultem Personal in ausreichender Zahl zu betreiben. Zukunftssicher sind nur Lösungen in einem gesamteuropäischen Kontext.

Wirtschaft zahlt für Freizeitunfälle

Erste Ansätze in der Bildung eines europäischen Trauma-Netzwerks gemeinsam mit Einrichtungen aus Deutschland führen in die richtige Richtung, da damit Synergien genützt werden und die vorhandenen Mittel sinnvoll eingesetzt werden. Die Grundidee dabei ist, dass nicht jedes Krankenhaus auf höchstem Level betrieben werden muss, wenn sichergestellt werden kann, dass der Verunfallte in eine Einrichtung gebracht wird, die mit der Schwere der Verletzung zurechtkommt.

Das UKH Salzburg kooperiert mit Kliniken in Deutschland, Verhandlungen mit den beiden Wiener UKH laufen. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass es in Österreich in der Vergangenheit schon schwierig war, Patienten nach Unfall in einem anderen Bundesland zu behandeln, obwohl dort die besser geeignete Einrichtung zur Verfügung stand. Die AUVA wird sich in Zukunft von politischen Einflussnahmen emanzipieren müssen, um ihre Aufgaben mit wissenschaftlich basierter Planung gemäß den medizinischen Anforderungen eines geeinten Europa wahrnehmen zu können. Man kann das bisher Gesagte auch so sagen: „Labitur occulte fallitque volatilis aetas“ – unbemerkt entgleitet und täuscht uns die flüchtige Zeit (Ovid, Metamorphosen).

Dieter Eschberger

, Ärzte Woche 48/2016

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