zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 24. August 2005

„Chefarztpflicht macht keinen Sinn!“

82 Prozent der Ärzte in Österreich sehen die Chefarztpflicht neu negativ. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die das Linzer Market Institut im Auftrag der Pharmig, der Vereinigung pharmazeutischer Unternehmen in Österreich, durchgeführt hat.

„Die Funktion des Chefarztes zur Kontrolle der Medikamentenkosten ist überflüssig“, hält der Generalsekretär der Pharmig, Dr. Jan Oliver Huber, fest. Er sieht die Umfrage unter 200 Ärzten, von denen rund zwei Drittel für eine ersatzlose Streichung der Chefarztpflicht votierten, als eine Bestätigung für die bereits mehrmals von der Pharmig geäußerte Forderung. Dies bedeute allerdings keineswegs eine Absage an eine ökonomische Verschreibung: „Wir sind selbstverständlich nicht für eine schrankenlose Ausweitung der Medikamentenkosten“, will Huber richtig verstanden sein. „Aber wir denken, dass eine ausführliche Dokumentation durch den verschreibenden Arzt eine mehr als ausreichende Kontrollfunktion für die Verschreibung darstellt.“ Huber beruft sich dabei auch auf die Richtlinie zur ökonomischen Verschreibung, die sehr genau festlege, welches Medikament unter welchen Umständen verschrieben werden darf.

Situation hat sich eher verschlechtert

Rund fünf Prozent aller Medikamente sind chefarztpflichtig. Daran hat auch der neue Erstattungskodex nichts geändert. Die Chefarztpflicht neu hätte jedenfalls gegenüber dem ursprünglichen Bewilligungsverfahren nicht nur nichts verbessert, sondern die Situation eher noch verschlimmert. Diese Ansicht spiegelt sich auch im Umfrageergebnis wider: 54 Prozent der befragten Ärzte sehen die Chefarztpflicht neu „sehr negativ“, 28 Prozent immerhin noch „eher negativ“. „Vor der Einführung des neuen Erstattungskodex wurden 95 Prozent der bewilligungspflichtigen Verschreibungen von den Chefärzten der Krankenkassen bewilligt“, sagt Huber. Mit der Einführung der No-Box, in die 2.500 bisher erstattungsfähige, aber bewilligungspflichtige Medikamente, eingeordnet worden sind, stellt sich für viele Patienten die Frage nach der weiteren Finanzierung ihrer Therapie, denn, so Huber, „einzelne Krankenkassen weigern sich, No-Box-Präparate zu erstatten, weshalb die Ärzte sie auch nicht mehr verschreiben.“ Für Patienten, die etwa komplementärmedizinische Präparate in der Krebsbehandlung benötigen, oder Allergiker, die mittels spezifischer Immuntherapie von ihrer Erkrankung befreit werden könnten, bedeute dies laut Huber „eine wesentlich schlechtere Versorgung.“ Werden derartige Medikamente nicht mehr verschrieben beziehungsweise genehmigt, müssen sich die Patienten ihre Therapie selbst bezahlen, was aufgrund der Kosten nicht selten zu einem Therapieabbruch führe.

Evaluierung der Chefärzte„von oben“ angeordnet

Positiv sieht Huber die geplante Evaluierung der Chefärzte in den Krankenkassen, die von Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat angeordnet wurde. „Jeder, der rechnen kann, kann ganz leicht feststellen, dass die Kosten für die Chefarzt-Bürokratie in der derzeitigen Form keinen Sinn machen, weil sie viel höher liegen als das Einsparpotenzial bei den chefarztpflichtigen Medikamenten.“ Am Hauptverband übt Huber ebenfalls harsche Kritik: „Der neue Erstattungskodex wurde dazu missbraucht, um viele Medikamente still und heimlich zu entsorgen. Und zwar nicht aus medizinischen, sondern aus rein ökonomischen Gründen.“ Die Forderung nach einer ersatzlosen Streichung der Chefarztpflicht will die Pharmig jedenfalls aufrechterhalten. Besonders optimistisch zeigt sich Huber betreffs einer Durchsetzung dieser Forderung allerdings derzeit nicht: „Wir können als Interessensvertretung nur Bedürfnisse artikulieren. Wir hoffen aber, dass sich alle Beteiligten so rasch wie möglich gemeinsam auf eine andere, arzt- und patientenfreundlichere Vorgehensweise in der Medikamentenverordnung einigen können.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben