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Dr. Josef Probst

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© ÖÄK/Zeitler

Dr. Gert Wiegele

 
Gesundheitspolitik 28. November 2016

Piloten sind nicht verboten

PHC. Der Hauptverband will 75 Primärversorgungseinheiten bis 2020 realisiert sehen. Gerd Wiegele von der Ärztekammer sagt, dies sei „weder möglich noch wünschenswert“. Indes entstehen weitere Pilotprojekte.

Das aktuelle Ringen um ein PHC (Primary Health Care)-Gesetz sehen offensichtlich nicht nur die Ärztekammer-Funktionäre kritisch. Unlängst ließ Hauptverbands-Vorstandsvorsitzende Mag. Ulrike Rabmer-Koller mit ihrer Einschätzung aufhorchen, sie sei „skeptisch, ob der vom Gesundheitsministerium ausgearbeitete Entwurf für ein Gesetz für die medizinische Primärversorgung der richtige Weg ist“.

Ihr gehe es vielmehr darum, so „schnell als möglich“ eine „unbürokratische Regelung“ zu finden, die auch „praktikabel“ sei.

Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger bemühe sich daher derzeit eher darum, „gemeinsam mit den Ländern einzelne Projekte zu definieren“.

Das jüngste Vorhaben ist der sogenannte „Mühlviertler Pilot“, eine Primärversorgungseinheit, die voraussichtlich im Jänner 2018 im oberösterreichischen Haslach, im ehemaligen Webereimuseum des Ortes, starten wird. Hier sollen von Montag bis Samstag bei erweiterten Öffnungszeiten zwei Allgemeinmediziner, zwei Diplomkrankenschwestern, vier Ordinationsassistenten, ein Physiotherapeut und ein Psychologe zusammenarbeiten und dabei zusätzlich auf die Unterstützung von Diätologen, Ergotherapeuten, Logopäden, Geburtshelferinnen und Sozialarbeitern zurückgreifen können. Einzugsgebiet sind Haslach selbst und drei Nachbargemeinden. Das von Politik und Hauptverband vorgegebene Ziel, bis 2020 weitere 75 Primärversorgungseinheiten zu errichten, scheint angesichts der bisher eher schleppend vorangehenden Umsetzung und des nach wie vor heftigen Widerstands der Ärztevertretungen in den Bundesländern zumindest ambitioniert.

 

Neue, für Patienten und Gesundheitsberufe attraktive Betreuungsform

Jeder Österreicher weiß, dass wir ein exzellentes Gesundheitssystem haben. Es gibt aber maßgeblichen Änderungsbedarf. Zu viele Menschen liegen im Spital. Wenn es medizinisch nicht notwendig ist, ist das nicht gesund und wirtschaftlich auch nicht vernünftig. Die Gesundheitsreformpartner Bund, Länder und Sozialversicherung haben im Finanzausgleich erneut bestätigt, dass wir das ändern wollen. Da ist es unumgänglich, die Primärversorgung zu stärken und organisatorisch weiterzuentwickeln. Eines der Herzstücke der Gesundheitsreform ist die neue Primärversorgung in Form von Zentren in der Stadt und von Netzwerken am Land. Dafür brauchen wir ein Primärversorgungsgesetz, weil die neuen Herausforderungen mit rechtlichen Rahmenbedingungen aus 1950 nicht lösbar sind.

Allgemeinmediziner in Einzelordinationen machen sehr gute Arbeit, manche bis zur Selbstaufgabe, weil sie die Patienten, für die sie Verantwortung tragen, nie alleine lassen wollen. Ihre Existenz ist durch die Reform nicht bedroht. Das Arbeiten in Einzelpraxen wird aber in den nächsten Jahrzehnten die Ausnahme werden, weil sich für dieses Einzelkämpfertum keine Nachfolger mehr finden. Jungmediziner wollen in Teams arbeiten und verständlicherweise irgendwann auch Freizeit haben.

Die neuen Primärversorgungszentren und Netzwerke bieten zeitadäquate, tolle Vorteile für Patienten und Gesundheitsberufe. Ärzte haben eine bessere Chance auf eine angemessene Work-Life-Balance. Mehr Frauen wollen derzeit den Arztberuf ergreifen und benötigen wegen nach wie vor ungleicher Arbeitslastverteilung ebenfalls besondere zeitliche Flexibilität in der Arbeit. Gemeinsames Arbeiten in Teams ist spannend und kreativ.

Für die Patienten gibt es ein umfangreicheres verpflichtend verfügbares Leistungsangebot, das auch Nähen von kleinen Wunden und die systematische Betreuung chronisch Kranker umfasst. Neu und attraktiv sind auch Öffnungszeiten von früh bis abends, Krankenschwestern und weiteres Gesundheitspersonal, das erstmals auf der ersten Versorgungsebene allgemein verfügbar ist und Ärzte entlastet, die mehr Zeit für Gespräche und komplizierte Fälle haben.

Ich wünsche mir, dass sich viele engagierte Ärzte mit dieser neuen attraktiven Betreuungsform auseinandersetzen und dafür viele begeisterte Anhänger gefunden werden und bin optimistisch, dass das politisch im Finanzausgleich definierte Ziel, bis 2020 75 Primärversorgungszentren zu errichten, trotz der Widerstände der Vertreter der Ärztekammern übertroffen wird.

Erst unlängst habe ich in den ehemaligen Docklands von London ein tolles Primärversorgungszentrum besucht. Es besticht durch unkomplizierten, niederschwelligen Zugang. Die Beschäftigten tragen normale Kleidung und Namensschilder. Es gibt keine Wegweiser, damit Bürger und Patienten unmittelbar mit den Bediensteten Kontakt aufnehmen. Umgekehrt gehen die Bediensteten auf suchende Menschen zu: ein schneller Beginn direkter Kommunikation! Ein multiprofessionelles Team arbeitet mit sichtbarer Freude in einer Gegend mit schwieriger sozialer Situation. Verschrieben werden auch Sozialrezepte, das heißt Gespräche mit Sozialarbeitern, die auch Hilfestellungen für dramatische Lebensumstände organisieren. Das Zentrum ist von in der Früh bis abends offen, befasst sich umfassend mit Krankheit und Gesundheit und ist auch sozialer Treffpunkt.

Dr. Josef Probst, Generaldirektor im Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger

PVE frisst Hausarztsystem – das ist der falsche Weg

Das Ziel der Frau Bundesministerin und des Hauptverbandes, zumindest 75 dieser sogenannten „PVE – Primärversorgungseinheiten“ einrichten zu wollen, halte ich weder für möglich noch für wünschenswert. Prognosen von Dr. Probst sind allerdings ohnehin schwierig zu bewerten, weil sie immer auch eine Portion Wunschdenken beinhalten.

In diese Kategorie Wunschdenken fallen wohl auch seine Aussagen, wo er sich gegen den Hausarzt als Einzelkämpfer stellt. Dieses Totreden einer seit Jahrzehnten gut funktionierenden Versorgung, eines ganzen Berufsstandes, das werfe ich ihm vor, das frustriert mich persönlich.

Viele junge Kollegen werden sich da zweimal überlegen, in diesen Beruf einzusteigen, weil sie das Gefühl vermittelt bekommen, dass es die Allgemeinpraxis ohnehin nicht mehr lange geben wird. Ich bin seit 30 Jahren mit großer Begeisterung Hausarzt am Land. Jetzt gegen Ende meiner Tätigkeit muss ich leider erleben, wie dieser schöne Beruf schlecht gemacht wird. Ich halte das für extrem unverantwortlich von Probst, Bachinger und Co.

Ohne Einbeziehung der Ärzte werden die Pläne der Politik aber nicht aufgehen. Die Frau Bundesminister wird mit ihrem Vorhaben gegen die Wand fahren, solange sie ganz bewusst gegen die Ärzte agiert. Nicht anders ist es zu interpretieren, dass in der aktuellen 15a-Vereinbarung die Ärzteschaft von jeder Mitsprache völlig ausgeschlossen wird.

Laut den Plänen sollen überall dort, wo PVE aufgemacht werden, bestehende Kassenverträge auf lokaler Ebene gekündigt oder „juristisch schonend“ zum Verschwinden gebracht werden. Dagegen werden wir uns wehren.

Wenn es 2020 die vielen geplanten PVE nicht geben wird, dann wird man der heutigen Struktur nachweinen und das große Wehklagen wird ausbrechen. Aber dann wird es zu spät sein, weil man dieser gut funktionierenden Struktur die Grundlage entzogen hat.

Es fehlt den politischen Entscheidern die grundlegende Wertschätzung gegenüber der ärztlichen Leistung. Wenn man den Arzt aus den gesundheitspolitischen Entscheidungsprozessen völlig aussperrt, wenn man ihm dann auch noch die Freude an der Arbeit nimmt, indem man die beruflichen Rahmenbedingungen nicht verbessert, dann wird man die jungen Kollegen immer mehr abschrecken, sich die Kassen-Allgemeinmedizin überhaupt noch anzutun. Einige von ihnen weichen jetzt schon aus, gehen ins Ausland, suchen sich Bereiche, wo sie tatsächlich wertgeschätzt werden, in der Privatmedizin zum Beispiel.

Ein solidarisches Gesundheitssystem, in dem alle bestmöglich versorgt werden, geht so den Bach hinunter, eine Zwei- und Dreiklassenmedizin wird erblühen und sich weiter ausbreiten.

Unser Zugang als Allgemeinmediziner ist ein anderer: Wenn ich eine bewährte Primärversorgungsstruktur habe, die modernisiert werden muss, dann stärke ich das vorhandene System, indem ich den Akteuren bessere Arbeitsbedingungen gebe, Limits und Deckelungen abschaffe, die Leistungsbereitschaft erhöhe, die Zusammenarbeit fördere – eine Zusammenarbeit auf freiwilliger Basis, nicht in Form restriktiver PVE, an denen der Hauptverband auch partizipieren möchte. Das ist der falsche Weg.

Dr. Gert Wiegele, Obmann der Bundessektion für Ärzte der Allgemeinmedizin in der Österreichischen Ärztekammer

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 48/2016

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