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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Neue Ängste vor Schwangerschaft

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für eine Schwangerschaft haben
sich radikal verändert und die Informationsflut zum Thema erschwert die Orien-
tierung. Aber auch die große Bandbreite medizinischer Möglichkeiten trägt zur
Verunsicherung von Frauen bei, der vor allem Ärzte entgegenwirken können.

„In den Siebzigerjahren gab es eigentlich nur ein einziges Fachbuch zum Thema Geburt“, erinnert sich Dr. Hans Neumann. Der Facharzt für Gynäkologie in Leonding organisiert unter anderen auch Tagungen wie „Gebären – Lust und Leid“. „Inzwischen stehen werdende Eltern einer nicht überschaubaren Informationsflut gegenüber, mit der viele überfordert sind.“

Andere Rahmenbedingungen

Generell haben sich die Rahmenbedingungen für eine Schwangerschaft verändert. Das System der Großfamilie ist oft nicht mehr vorhanden, der Zeitpunkt einer Schwangerschaft rückt in der Lebensplanung teilweise weit nach hinten, wobei es eine steigende Zahl von Frauen gibt, die sehr früh und oft ungeplant ein Kind bekommen. Viele Gynäkologen und Hausärzte, die Schwangere begleiten, „sind mit massiven Verunsicherungen und Ängsten bei Frauen konfrontiert“, sagt Neumann. Er beobachtet zudem, dass viele Männer während einer Schwangerschaft oft eine „starke Rolle“ bekommen – entweder sie bestimmen alles oder werden in diese Rolle gedrängt. „Und es gibt immer mehr Schwangerschaften, wo der Lebenspartner während der Vorbereitung ‚verschwindet’ oder von Anfang an nicht dabei ist“, ergänzt der Gynäkologe. Das Konzept lebenslanger Partnerschaften ist für viele Menschen nicht mehr erstrebenswert oder kein Teil ihrer Lebensrealität. Frauen würden sich dann oft von allen und jeden allein gelassen fühlen. Dazu kommen in immer mehr Fällen soziale und psychische Probleme.
Zusätzlich kann das breit gefächerte diagnostische Angebot Verunsicherung bewirken. Dazu Neumann: „Viele Frauen bekommen den Eindruck vermittelt, sie wären plötzlich Risikopatientinnen. Alles muss scheinbar genau abgesichert werden.“ Teilweise projizierten Ärzte ihre Ängste vor möglichen juristischen Konsequenzen einer Fehleinschätzung oder einer zu wenig „genauen“ pränatalen Diagnostik auf die Frauen. Neumann erlebt auch bei immer mehr Frauen Ängste „aufgrund von Untersuchungsergebnissen, die eigentlich Sicherheit geben sollen“. Dabei gehe es oft um statistische Wahrscheinlichkeiten, wo selbst äußerst Seltenes abgetestet werden müsse, aber nicht einmal dann ein 100-prozentiges Ergebnis möglich sei.

Einflüsse der Medizin auf Partnerschaften

„Die Medizin stellt sich oft zwischen Mutter bzw. Vater und Kind oder hat Einfluss auf den Beziehungsaufbau“, fasst Neumann zusammen. Diesen Trend ortet auch der Facharzt für Pädiatrie Prim. Dr. Franz Paky, Leiter der Kinderstation am Krankenhaus Vöckla-bruck: „Es sollte uns bewusst sein, dass Neugeborenen-Screening neben dem Nutzen der Früherkennung und Frühbehandlung auch Gefahren durch falsch positive Befunde, Fehlbehandlungen, Überdiagnostik und hohe Kosten verursacht.“ Medizinische Interventionen wie Zufütterung und Phototherapie müssten unter strenger Indikation stehen, da sie auch eine Störung der Mutter-Kind-Bindung und einen behinderten Stillerfolg mit sich bringen können.„Vor allem Ärzte im niedergelassenen Bereich haben die Möglichkeit, durch konkrete, verständliche, positiv formulierte Informationen die Stärken und individuellen Eigenschaften des Kindes anzusprechen und damit das Kind seinen Eltern näher zu bringen und vertrauter zu machen“, unterstreicht Paky. Ein Arzt, der während der Untersuchung mit dem Neugeborenen spricht, macht auf die Fähigkeiten des Kindes aufmerksam und ermuntert Eltern zur Kommunikation mit ihrem Kind. Auch Neumann betont die Wichtigkeit der Kommunikation vor und während der Schwangerschaft. Er bedauert, dass der nötige höhere Zeitaufwand zum Umgang mit den vielen Ängsten und Unsicherheiten praktisch überhaupt nicht honoriert wird. Aus seiner Sicht sollte Geburtsvorbereitung schon vor der Schwangerschaft einsetzen, unter anderem in Form neuer unterstützender Angebote für Eltern, bei denen Ärzte eine wichtige Rolle spielen könnten.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 6/2005

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