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Gesundheitspolitik 24. August 2005

„Wir Ärzte sind die Trottel der Nation“

Kammerversammlung in der Wiener Urania. Rund 130 Kassenärzte sind gekommen, vor allem Allgemeinmediziner, Internisten und Orthopäden. Die Stimmung schwankte zwischen Empörung und Verzweiflung.

Zuerst bekam die Ärztekammer ihr Fett weg. Warum denn die Juristen die Chefarztregelung nicht verhindert hätten? Verfassungsklagen und Amtshaftungsverfahren gegen die Ministerin wurden gefordert. Die neue Regelung sei unpraktikabel und bringe einen täglichen administrativen Mehraufwand von ein bis zwei Stunden, klagen die Ärzte. Den Kammerfunktionären gelang es, den Ärger auf den gemeinsamen Feind zu lenken: „Dieses Gesetz ist ein Kabarett und wider jede Logik. Es wurde uns von der Regierung aufgezwungen“, wetterte die Vertreterin der Fachärzte, Dr. Helga Azem. Der Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Dr. Johannes Steinhart, legte noch ein Schäufchen nach: „Das ist Monsterschrott. Mir reicht es schon langsam als Arzt in dieser Gesellschaft.“

Ruf nach Vertragskündigung

Man habe sich gebeugt, so Steinhart, weil man „die Patienten nicht auf der Strecke lassen kann“. „Uns schon?“ schallte es prompt aus dem Publikum. Warum denn der Kassenvertrag nicht gekündigt worden sei, fragte ein Kollege. Man wolle die Existenz der Kassenärzte nicht gefährden, sagte Steinhart. Die Vertragskündigung sei das allerletzte Druckmittel. „Das brauchen wir noch für die Honorarverhandlungen im Herbst“, so der Funktionär.

Ziviler Ungehorsam?

Als Kammer könne man auch nicht zum Gesetzesbruch aufrufen - maximal zum zivilen Ungehorsam. Steinhart: „Wir könnten natürlich am Ring aufmarschieren – ich bin für solche Aktionen durchaus zu haben, aber wir werden es alleine nicht schaffen.“ Denn die Wiener Ärzte stünden mit ihrem Protest gegen die Chefarztpflicht weitgehend alleine da. Der Österreichischen Ärztekammer warf Steinhart vor, gegenüber der Regierung zu kooperationswillig zu sein. Die Wiener Ärztekammer habe daher gemeinsam mit der Gebietskrankenkasse eine eigene Lösung geschaffen. Neben der Vorabbewilligung per Fax und Post gibt es in Wien noch die Option „P“. Das „P“ steht für: „Patient holt selbst die chefärztliche Bewilligung ein. Auf eigenen Wunsch!“

„Schreiben Sie ‚P‘!“

De facto bedeutet das eine Rückkehr zum alten System – „unter dem Deckmantel Chefarztpflicht neu“, wie Azem betonte. Die Empfehlung der Wiener Kammer an die Ärzte lautete: Schreiben Sie „P“, bei allem, was nicht frei verschreibbar ist. „Erklären sie dem Patienten, dass das alte System etwas Gutes hatte“, so Azem. „Er wird das Gefühl haben, Sie haben alles für ihn getan. Übernehmen Sie nicht die Verantwortung! Bei mir geht kein gelbes Medikament ohne ,P‘ bei der Tür hinaus – außer die Indikation passt genau“, sagte Azem. In der Diskussion berichteten die Ärzte von ganz konkreten Problemen. O-Ton: „Ich kenn‘ mich überhaupt nicht mehr aus. Täglich wechseln die Stellungnahmen der Firmen über die Produkte in der Red Box!“ – „Was mache ich als Urlaubsvertreter – ich kenne doch die Vordiagnosen und Verschreibungen nicht?“ – „Der Erstattungskodex ist völlig unlesbar. Man braucht ein Lineal und drei Hände zum Blättern.“ – „Die Apotheker geben den Patienten falsche Informationen über die IND-Regelung!“ – „Was tu ich bei Verschreibungen, die aus dem Spital kommen?“ – „Die Chefärzte kennen sich selbst nicht aus!“ Größter Unmut herrscht vor allem über die Verschreibungseinschränkungen in der grünen und gelben Box. Als Beispiele: Facharztbeschränkungen bei Augentropfen (Problem bei alten Patienten), die IND-Regelung bei Kochsalzlösungen oder die Chefarztpflicht von Neurontin in der Schmerztherapie sowie die Re­striktionen bei Fosamax, Actonel, Plavix und den Glitazonen. Besonders heftig wurde auch die Formulierung der IND-Regelungen kritisiert. So meinte ein Kollege: „Was soll das bei Nitrat-Depotpflaster heißen, dass ‚nachweislich‘ kein Präparat geholfen hat? Ich frage mich, was bei einer KHK nachweislich sein soll?“ Auch die Frage, was eine „diagnostisch gesicherte KHK“ ist, erschien vielen Ärzten diskussionswürdig. „Ich habe 50 Sortis-Patienten, von denen nur 4 die Indikation erfüllen. Was soll ich tun?“ Die Standesvertreter sagten ihren Mitgliedern zu, alle konkreten Problemfälle an die ÖÄK weiterzuleiten. Dr. Rolf Jens, Vertreter der Wiener Allgemeinmediziner, versicherte, dass sich die Kammer für eine völlige Neugestaltung des Heilmittelverzeichnisses einsetzen werde: „Das Durcheinander im Erstattungskodex gehört endlich durchforstet.“

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 6/2005

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