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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Anliegen der Reproduktionsmedizin

Nachdem die Einrichtung des IVF-Fonds erste gesellschaftspolitische Unterstützung für die Fortpflanzungsmedizin gebracht hat, ist es nach Ansicht des Grazer Reproduktionsmediziners Dr. Hans-Peter Steiner an der Zeit für weitere Schritte: Breite Patienteninformation, Einsatz von KinderwunschtherapeutInnen und neue Richtlinien zur Risikominimierung.

Im Jahr 2002 wurden in Österreich 5.200 Fertilisationsversuche unternommen, in deren Folge 1.080 Kinder zur Welt kamen – das sind drei pro Tag. Was auf den ersten Blick als Erfolgsgeschichte erscheint, ist tatsächlich noch immer eine medizinisch wie gesellschaftspolitisch heikle Thematik.

Tabuthema Infertilität

„Das Tabuthema Infertilität konfrontiert die Betroffenen mit einer psychisch äußerst belastenden Situation, zum anderen begegnen sie Risiken, die mit den medizinischen Eingriffen verbunden sind“, schildert der Grazer Gynäkologe Dr. Hans-Peter Steiner die schwierige Ausgangsposition seiner PatientInnen. Dazu komme, dass KinderwunschpatientInnen meist einen mehrjährigen Leidensweg hinter sich haben, ehe sie sich schließlich an Spezialisten wenden. Umfassende Aufklärung müsse klarstellen, dass nach zweijähriger ungewollter Kinderlosigkeit dringender Handlungs- und Abklärungsbedarf besteht. Steiner: „Frauen sollten informiert werden, wie man zum Teil durch einfache Therapien, beispielsweise durch Unterstützung der für die Fortpflanzung so wichtigen normalen Schilddrüsenfunktion, zum ersehnten Wunschkind kommen kann.“ Wertvolle Hilfestellung würden auch „Kinderwunschtherapeutinnen“ bieten, so der Grazer Gynäkologe, der Stellenwert und Erfolgsanteil der Gesprächstherapie für betroffene Paare aus der 15-jährigen Praxis seines Instituts kennt.

Bedeutender politischer Schritt

Als einen ersten politisch bedeutsamen Schritt bezeichnet Steiner die Einrichtung des In-Vitro-Fer-tilisierungs-Fondsvertrages (IVF-Fond), der vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungen und vom Familienlastenausgleich gespeist wird. Aus diesem Fonds werden bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen 70 Prozent der Kosten für maximal 4 Zyklen einer IVF-/ICSI-Behandlung und der dazu notwendigen Medikation übernommen. Konkret bedeutet das etwa für die PatientInnen, die Steiners Institut für In-Vitro-Fertilisierung und Endokrinologie aufsuchen, dass sie statt 2.200 Euro nur mehr 500 Euro Selbstbehalt erstatten müssen.

Familienfreundliches Klima durch Initiative KINDerLEBEN

Dass der Gynäkologe für sein Institut – neben zwei anderen steirischen Kinderwunschadressen – die Fondsvertragspartnerschaft erhalten hat, liegt maßgeblich an der Unterstützung, die Landeshauptfrau Waltraud Klasnic der Situation von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch entgegenbringt. Im Rahmen ihrer Initiative KINDerLEBEN, die auf die langfristige Schaffung eines kinder-, jugend- und familienfreundlichen Klimas in der Steiermark abzielt, setzte sie sich für den Vertragsabschluss zwischen Fonds und dem Kinderwunschinstitut ein. Breite politische Unterstützung ist auch bei der von Steiner geforderten umfassenden Information für Betroffene und Ärzte vonnöten, mit der der Gynäkologe die Enttabuisierung des Themas stärken will. Neben umfassender Information nach außen plädiert Steiner für neue Leitlinien innerhalb der Medizin: „Ein moderner Reproduktionsmediziner kann den Erfolg einer IVF nicht einfach durch eine Schwangerschaft definieren, sondern mit einer Einlingsschwangerschaft.“ Diesbezügliche Beispiele gäbe es bereits in Skandinavien, wo man dazu übergegangen sei, Frauen unter 36 – mit wenigen Ausnahmen – nur mehr einen Embryo zu transferieren, um die Risiken von Überstimulation sowie Mehrlingsschwangerschaften und den damit verbundenen psychischen, physischen und finanziellen Belastungen für die Patientinnen zu minimieren. Eine Trendwende verspricht sich Steiner unter anderem durch die Aufwertung des Kryotransfers und durch einen Punctoscore im Tarifsystem, der Einlingsschwangerschaften höher prämiert: „Es ist nicht einzusehen, dass ein Kryotransfer lediglich mit ca. einem Drittel des Tarifs einer IVF honoriert wird.“

Nina Popp, Ärzte Woche 5/2005

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