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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Den Weg zur Psychotherapie ebnen

Psychische Probleme gehören nach wie vor zu den Tabuthemen. Wer überlegt, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, hat oft Angst, ausgegrenzt zu werden. Großes Gewicht bei der Überwindung von Hürden hat das Verhalten des Hausarztes, der meist erster Ansprechpartner ist.

Mit „Barrieren bei der Inanspruchnahme einer Psychotherapie“ beschäftigt sich eine aktuelle wissenschaftliche Arbeit (siehe Literaturtipp in der Fußnote) aus Oberösterreich. Die Aussagekraft der Ergebnisse wird durch eine Wiener Untersuchung unterstützt, die kürzlich im Rahmen eines Propädeutikums der ÖAGG (Österreichischer Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik) entstand.

Studie zeigt Barrieren auf

„Eine oft genannte Barriere ist die des ‚Stigma’ Psychotherapie“, sagt der Autor der oberösterreichischen Studie, Stefan Spitzbart, der im Hauptverband der Sozialversicherungen im Bereich Gesundheitsförderung tätig ist. „Menschen, die überlegen, zum Psychotherapeuten zu gehen oder bereits eine Überweisung haben, befürchten, von anderen ausgegrenzt oder für ‚verrückt’ erklärt zu werden, wenn sie ihr Vorhaben umsetzen.“ Es gebe auch große Ängste, den Arbeitsplatz zu verlieren. Diese seien vor allem bei Männern ausgeprägt bzw. bei Personen mit niedrigem Ausbildungsniveau. Eine starke Barriere können auch Wartezeiten sein. Solche treten vor allem dann auf, wenn es um Psychotherapie im institutionellen Rahmen und kostenlose Angebote geht. Wie in der ÄRZTE WOCHE vom 20. Jänner berichtet, kann es bis zu einem halben Jahr oder länger dauern, um dort Unterstützung zu bekommen. „Schon eine Wartezeit von mehr als drei Wochen wird als Belastung empfunden“, betont Spitzbart.
Die Mehrzahl derer, die den Schritt zum Psychotherapeuten trotzdem gehen, ist sowohl mit dem Verlauf als auch mit den Ergebnissen der Therapie sehr zufrieden. Dies bestätigt auch eine Erhebung, die der klinische Psychologe und Psychotherapeut Walter Lindner von 2001 bis 2003 durchgeführt hat. Ebenso betont eine aktuelle deutsche Studie, dass bei acht von zehn Personen, die eine Psychotherapie beginnen, mit einer deutlichen Verbesserung des Gesundheitszustandes und der Lebensqualität gerechnet werden kann. Lindner konnte feststellen, dass es nach einer Therapie zu einem Rückgang der benötigten Medikamente kommt: „Allerdings hat dies keinen ökonomischen Effekt, weil dann oft teurere Präparate, z.B. spezielle Antidepressiva, zum Einsatz kommen.“ Der Psychotherapeut hat insgesamt eine bessere Compliance jener Personen, die Psychotherapie in Anspruch nehmen, festgestellt: „Oft geht es ja um eine Kombination aus medizinischer und psychotherapeutischer Behandlung.“ Deutlich nehmen nach einer Therapie auch Häufigkeit und Dauer von Spitalsaufenthalten ab, mit eindeutigen ökonomischen Effekten.

Hausarzt als Motivator

Die Erhebungen in Wien und Oberösterreich zeigen außerdem die große Bedeutung des Allgemeinmediziners als Wegbereiter und Begleiter für psychotherapeutische Unterstützung auf. „Die Einstellung vieler Ärzte ist grundsätzlich positiv“, kommentiert Spitzbart die Ergebnisse seiner Erhebung. „Allerdings weisen viele erst bei Nachfrage auf die Möglichkeit einer Psychotherapie hin und geben wenig vertiefende Informationen.“ Dazu ergänzt Dr. Michael Haberfellner, der auch als niedergelassener Facharzt für Psychiatrie tätig ist: „Der Hausarzt ist nach wie vor meist die erste Anlaufstelle, auch wenn es um psychosomatische Beschwerden oder psychische Probleme geht. Natürlich ist die medizinische Komponente wichtig, oft sind aber ergänzende Maßnahmen notwendig.“ Lindner hat festgestellt, dass die Empfehlung bestimmter Therapeuten am wirksamsten ist: „Wenn ein Arzt mehrere mögliche Adressen nennt, wirkt sich dies als Barriere zur Inanspruchnahme der Psychotherapie aus.“ Er und Haberfellner sind sich über die Wichtigkeit des kontinuierlichen Dialogs und Erfahrungsaustausches zwischen Arzt und Psychotherapeut einig. „Je besser das gegenseitige Wissen und die Kommunikation, desto mehr profitieren auch die Patienten“, so Lindner.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 5/2005

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