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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Junge Mütter mit sozialen Problemen

In Einrichtungen, die Menschen mit psychosozialen und psychischen Problemen betreuen, steigt der Anteil der allein erziehenden Mütter. Viele von ihnen sind gefangen in einem Kreislauf von sozialen Problemen und Krankheit. Die Kooperation mit Hausärzten ist den Betreuern ein besonderes Anliegen, weil sich Ärzte um eine Lösung der sozialen Probleme meist nicht annehmen können.

Dass es enge Zusammenhänge zwischen der sozialen Situation einer Person und ihrer Gesundheit gibt, ist nicht neu. Stärker als früher wird heute aber wahrgenommen, dass es hier um ein multifaktorielles Geschehen geht. Nur selten gibt es eine einzige Ursache, wie etwa Wohnungslosigkeit, und nur eine Wirkung, wie ein spezifisches psychisches Symptom. Allerdings steht oft das somatische Geschehen im Vordergrund, auch Patienten formulieren: „Ich hab’s ja nicht im Kopf!“ Diverse Institutionen im Sozialbereich stellen eine starke Zunahme der Zahl von Frauen mit Kindern fest, die Unterstützung benötigen. „Trotz aller Ansätze zur Aufklärung wissen viele Mädchen nicht, was mit einer Schwangerschaft und mit der Betreuung von Kleinkindern auf sie zukommt“, analysiert die Psychotherapeutin Hildegard Öfferlbauer, die das „Haus für Mutter und Kind“ der Caritas in Linz leitet. Auch eine aktuelle Studie belegt den signifikanten Anstieg von „jungen“ Müttern. „Diese haben oft keine oder eine abgebrochene Schul- bzw. ­Berufsausbildung“, ergänzt Öfferlbauer. Dazu kommen immer wieder massive Partnerprobleme von Anfang an.

Vor- und Nachteile durch Einführung des Kindergeldes

Die Einführung des Kindergeldes wertet die Psychotherapeutin als „grundsätzlich guten Schritt“. Ein Problem sei aber, „dass dadurch viele Frauen noch länger Zuhause bleiben und es extrem schwer haben, in den Arbeitsmarkt einzusteigen“. Mangels Ausbildung seien meist nur Jobs im Reinigungs- und Dienstleistungsbereich oder Gastgewerbe möglich mit durchwegs unverträglichen Arbeitszeiten hinsichtlich der großteils unflexiblen Kinderbetreuungsangebote. Dazu Öfferlbauer: „Viele Frauen haben eine Kombination atypischer Arbeitsverhältnisse, mit denen in vielen Fällen zuwenig verdient werden kann.“ Es entsteht ein Kreislauf aus Schulden, hohem physischen und psychischen Druck sowie Krankheit. In einer steigenden Zahl von Fällen spielt auch Obdachlosigkeit eine Rolle. Dazu kommen brüchige oder gänzlich fehlende soziale Netze. Als zentrale Anlaufstelle in Gesundheitsfragen sind Allgemein­mediziner oft mit somatischen Beschwerden, wie Schlafstörungen, Magenverstimmungen, Problemen mit dem Bewegungsapparat oder diversen Befindlichkeitsstörungen, befasst. Öfferlbauer regt an, „hinter die Fassade zu blicken“. Psychosoziale und psychische Probleme sowie das Eingestehen von hohen Belastungen seien eben Tabuthemen. Wertvoll wäre außerdem, wenn Ärzte die Adressen von diversen Beratungsstellen kennen und auch dorthin weiter verweisen.

Betreuungseinrichtungen klagen über Engpässe

Allerdings können die Wartezeiten, insbesondere in Ballungsgebieten, sehr lange sein, da diese Institutionen mit einer immer stärkeren Flut von Anfragen bei gleich bleibenden oder durch den allgegenwärtigen Rotstift kontinuierlich abnehmenden Ressourcen konfrontiert sind. Öfferlbauer setzt auf dezentrale, niederschwellige Angebote, wie Institutionen, die Müttern mit Kindern Beratung, Begleitung und auch Wohnmöglichkeiten zur Überbrückung anbieten. „Hausärzte können auf ­Gemeindeebene oder bei Sozialhilfeverbänden anregen, solche Angebote bei bestehenden Institutionen und Initiativen zu ergänzen“, plädiert Öfferlbauer. Außerdem ist ihr eine stärkere Vernetzung von Ärzten und dem Sozialbereich ein Anliegen: „Ich habe Verständnis dafür, dass sich Ärzte mit schwierigen sozialen Situationen, gepaart mit psychosomatischen Problemen überfordert fühlen können.“ Deshalb gehe es darum, Wissen und Erfahrungen auszutauschen und für konkrete Fälle gemeinsame Strategien zu entwickeln. Initiativen wie die „Gesunden Gemeinden“ seien gute Ausgangspunkte für solche Kooperationen.

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