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© EPH Conference/Nesvadba
Zwischen den Vorträgen und Diskussionsrunden hielten aktive Bewegungspausen die Teilnehmer munter und fit – getreu dem Tagungsmotto: „All for Health – Health for All“.
 
Gesundheitspolitik 22. November 2016

Wiener Wunschdenken

Public Health. „All for Health – Health for All“, lautete das Motto der 9. European Public Health Conference in Wien. Die Ergebnisse mündeten in die sogenannte „Vienna Declaration“– Gesundheitskompetenz für Kinder und Jugendliche wird darin als Ziel definiert.

„Ich freue mich, dass die mit über 1.800 Teilnehmern aus 70 Ländern größte jemals in Europa abgehaltene Public-Health-Konferenz gleich in mehrfacher Hinsicht gut gelaufen ist.“ Das sagte Tagungspräsident Prof. Dr. Thomas E. Dorner nach Konferenzende. In allen Ländern würden heute „mehr Experten ausgebildet, es wird intensiver und umfangreicher geforscht und das Wissen weitergegeben und geteilt.“

Ob die politischen „Nachwirkungen“ der Konferenz ebenso beeindruckend sein werden, muss sich allerdings erst noch herausstellen. Dorner, er ist Vorsitzender der heimischen Gesellschaft für Public Health: „Aus österreichischer Sicht freut mich, dass hochkarätige Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung sehr zahlreich und aktiv teilgenommen haben. Und dass diese durchwegs betont haben, dass es Reformen braucht, nämlich Entscheidungen in allen politischen Handlungsfeldern, die auf wissenschaftlichen Resultaten beruhen und die Gesundheit der Menschen mit allen ihren Bestimmungsfaktoren in den Mittelpunkt rücken.“

Am Ende der Tagung stand ein Hoffnungsschimmer, am Anfang war das nicht anders. Grund dafür: Die Relevanz von Public Health in Österreich ist in den vergangenen Jahren merkbar gestiegen. Davon zeugen eine wachsende Anzahl an Arbeitskräften im Bereich Public Health, eine Zunahme der Ausbildungsmöglichkeiten sowie das gesteigerte Bewusstsein über die Wichtigkeit von Public Health-Forschung und Maßnahmen von Entscheidungsträgern im Gesundheitsbereich, aber auch in allen anderen Politikfeldern.

In Österreich manifestiert sich Public Health unter anderem in den Rahmengesundheitszielen, die den WHO-Empfehlungen zur Entwicklung von zukunftsweisenden Konzepten für eine gesunde Bevölkerung Folge leisten. Bei deren Entwicklung waren – ganz im Sinne von „Health in All Policies“ – alle wichtigen Politik- und Gesellschaftsbereiche mit eingebunden.

Die Rahmengesundheitsziele verschieben den Fokus deutlich von der ausschließlichen Bekämpfung von Krankheit in Richtung Erhaltung und Förderung von Gesundheit – und zwar unabhängig von Staatsbürgerschaft, Bildungs- und Einkommensstatus oder Lebensumständen.

Viele der in den Rahmengesundheitszielen vorgenommenen Weichenstellungen und integrierten Forderungen gehen auch auf Initiative und Bestreben der 1995 als multi- und interdisziplinäre Fachgesellschaft gegründeten „Österreichischen Gesellschaft für Public Health“ (ÖGPH) zurück. Mitglieder der ÖGPH sind Health Professionals, Sozial-, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, Experten aus dem Krankenhausbereich, dem öffentlichen und privaten Gesundheitswesen sowie der Verwaltung und dem Versicherungsbereich.

Die ÖGPH setzt sich laut Eigendefinition für die „Entwicklung nachhaltiger gesundheitsorientierter Strukturen in Gesellschaft und Politik ein“. Ihr zentrales Anliegen ist laut Dorner „die Professionalisierung von Public Health durch den Ausbau und die nationale und internationale Vernetzung von Forschung, Lehre und Praxis“. Seit dem Jahr 2000 ist die ÖGPH folgerichtig Mitglied der European Public Health Association (EUPHA) und 2014 auch der World Federation of Public Health Association (WFPHA).

Aktualisierter Leitfaden

Nun veranstaltete die Fachgesellschaft gemeinsam mit der EUPHA die größte Public-Health-Konferenz, die es in Europa jemals gab. Entsprechung umfassend waren die Arbeiten und Forschungsprojekte, die in Wien präsentiert wurden. Die Themen reichten von der sozialen Integration von Minderheiten in das Gesundheitssystem bis zu den gesundheitlichen Auswirkungen von sozialer Isolation bei älteren Menschen, von der Bewertung der E-Zigarette bis zum Einfluss von Smartphones auf das jugendliche Schlafverhalten.

Erfreulich war der hohe Anteil heimischer Beiträge. Alleine die MedUni Wien stellte im Laufe der Woche 30 Public-Health-Projekte aus dem eigenen Haus vor, von der „Onkologischen Rehabilitation“ bis zur Entwicklung eines Bewegungs-Monitorings für Österreich.

Wien folgt Ottawa

Den nach außen hin wichtigsten – und hoffentlich auch nachhaltigsten – Impuls der Veranstaltung stellt aber zweifelsohne die Verabschiedung der „Vienna Declaration“ dar. Sie baut auf der bereits vor 30 Jahren präsentierten „Ottawa Charter“ auf und adaptiert die darin festgeschriebenen Handlungsempfehlungen entsprechend den veränderten gesellschaftlichen Herausforderungen und Aufgabenstellungen. Dorner, neben EUPHA-Präsident Martin McKee, David Stuckler und Dineke Zeegers Paget Mit-Autor der Vienna Declaration, versteht diese als aktuellen Leitfaden für die Public Health Community selbst, aber auch als Hinweis für alle politisch Verantwortlichen und Entscheidungsträger, wie mehr Gesundheit am effizientesten erreicht werden könnte.

Effiziente Gesundheitsförderung

Breiten Raum in der Erklärung nimmt das Thema Gesundheitsförderung ein. Dabei werden die bereits in der Ottawa-Charta identifizierten fünf relevanten Bereiche für Gesundheitsförderungsmaßnahmen erneut betont, die vorgeschlagenen Maßnahmen aber entsprechend angepasst.

Entwicklung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik: eine Aufgabe, die weit über die Ressortgrenzen der eigentlichen Gesundheitspolitik hinausgeht. Eine solche Gesamtpolitik müsse „Hindernisse identifizieren, die einer gesundheitsgerechteren Gestaltung politischer Entscheidungen und Programme entgegenstehen“ und in weiterer Folge Maßnahmen bereitstellen, um diese Hindernisse zu überwinden.

Gesundheitsförderliche Lebenswelten schaffen: Dafür müsse sich die Public Health Community noch stärker auch in sozioökonomische und arbeitspolitische Agenden einbringen und ebenso in städtebauliche Maßnahmen, um das Bestreben der Ottawa Charta, „sichere, anregende, befriedigende und angenehme Arbeits- und Lebensbedingungen“ zu schaffen, zu erfüllen.

Sie könne sich dabei auf eine große Menge an neuen wissenschaftlichen Daten und Wissen über den Einfluss von physischen und sozialen Faktoren auf die Gesundheit stützen.

Gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützen: Just zu einem Zeitpunkt, zu dem „das grundlegende Verständnis für den Einfluss von sozialen Determinanten auf Gesundheit so groß ist wie noch nie“ sei in vielen Gesellschaften ein „geringeres Engagement für Freiwilligenorganisationen“ zu registrieren, analysieren die Autoren. Die Public-Health-Gemeinschaft müsse deshalb „für einen Erneuerungsprozess eintreten, der gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützt, anstatt sie auszuhöhlen“.

Eine Flut an Informationen

Persönliche Kompetenzen entwickeln: Anders als noch vor 30 Jahren bestehe die Herausforderung heute hauptsächlich darin, mit der Flut an Informationen umzugehen und Fehlinformationen herauszufiltern. „Nichtsdestotrotz bleibt Gesundheitskompetenz, speziell für Kinder- und Jugendliche sowie Personen, die sich nicht in Ausbildung, Arbeit oder Schulung befinden, als Teil der Entwicklung sozialer Kompetenzen und lebenspraktischer Fähigkeiten ein wichtiges Ziel.“

Die Gesundheitsdienste neu orientieren: Gesundheitsdienste stellen „genauso wichtige Gesundheitsdeterminanten wie traditionelle Risikofaktoren wie zum Beispiel sauberes Trinkwasser und Verkehrssicherheit“ dar, heißt es in der Vienna Declaration.

Daher müsse sich die Public Health Community mit Gesundheitsdienstleistern koordinieren, „und zwar nicht nur im Bereich großflächiger Maßnahmen wie zum Beispiel Screening-Programmen, sondern auch bei der Bewertung der Wirksamkeit von Interventionen, bei der Schaffung von Verteilungsgerechtigkeit und einem solidarischen Zugang zu wirksamen Leistungen, genauso wie bei Einschränkungen, die in einem Gesundheitssystem mit begrenzten Ressourcen notwendig sind.“

Wichtig sei aber auch die Beteiligung von Ärzten im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen. Im Wettbewerb um Fördergelder für innovative Medikamente und Technologien müssten präventiven Maßnahmen, insbesondere Medikamente oder Impfungen, die Krankheiten verhindern oder deren Fortschreiten verlangsamen können, Priorität eingeräumt werden.

Viele der in der Deklaration beschriebenen Entwicklungen bzw. empfohlenen Interventionen finden sich inzwischen in mindestens ebenso vielen Konzepten und Strategiepapieren der heimischen Gesundheitspolitik wieder, unter anderem in den bereits angesprochenen Rahmengesundheitszielen. Das wäre an sich erfreulich – aber auch nicht mehr, denn Papier ist bekanntlich und erwiesenermaßen geduldig.

Volkmar Weilguni

, Ärzte Woche 47/2016

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