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Gesundheitspolitik 29. November 2005

Zusammenprall von Kulturen in der Arztpraxis

Beim 35. Kongress für Allgemeinmedizin Ende November in Graz war auch das Konfliktpotenzial der Konfrontation von westlichem Denken mit jenem anderer Kul-turen in heimischen Arztpraxen ein Thema. Eine spannende Diskussion unter der Führung von Dr. Elisabeth Krainer versuchte vor allem die Stellung der nicht-österreichischen Frau in Krankheit und Heilungsprozess in den Mittelpunkt zu rücken.

Eine gute Anamnese beruht zu einem wesentlichen Teil auf Empathie und Zuhören. Was aber, wenn zwischen Arzt und Patient eine kulturelle und sprachliche Barriere steht, die eine regelkonforme Kommunikation und Verständnis behindert? Diese Kluft wird bei kulturellen und religiösen Gegensätzen vergrößert und bei Frauen nochmals akzentuiert. Ein aktuelles Beispiel aus Deutschland zeigt die Problematik in ihrer ganzen Bandbreite. Eine an Brustkrebs erkrankte, 45-jährige Palästinenserin wird von Mitarbeitern eines Hospizes bei ihrem Leiden begleitet. Doch die Helfer haben Probleme, an die Frau heran zu kommen. Dabei stehen die Sprachprobleme gar nicht im Vordergrund, sondern das patriarchalisch geprägte Familienbild und der dominierende Ehemann, der bis zuletzt versucht, den Schein eines normalen Alltags zu wahren. Um solche kulturellen Hürden in Zukunft zu meistern, entwickelte ein Wuppertaler Hospiz ein Konzept zur Sterbebegleitung von Migranten. Das Hospiz sucht nach mehrsprachigen Helfern und dem Dialog mit ansässigen Repräsentanten verschiedener Kulturen.

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Dr. Elisabeth Krainer (li.) moderierte den Round table in Graz zum Thema
„Frauen aus verschiedenen Kulturkreisen in österreichischen Arztpraxen“.

Erfahrungen aus Wien

Bei der Round-table-Diskussion in Graz berichtete die Allgemeinmedizinerin Dr. Barbara Degn über Erfahrungen aus ihrer Praxis in einem Wiener Bezirk mit einem hohen Anteil nicht-österreichischer Bewohner. Sie beleuchtete die Problematik vor allem im städtischen Umfeld, die von starken ethnischen Veränderungen in den letzten Jahren geprägt war. Dominierten früher Gastarbeiter aus der Türkei und Länder des ehemaligen Jugoslawien, so kommen die „Neuen“ nun aus ferneren Ländern mit für uns unbekannteren Sitten und Gebräuchen. Degn sieht die schwierige Situation der Zuwanderer: „Mit einem Mal befinden sich diese Menschen in einem völlig unterschiedlichen sozialen und kulturellen Umfeld und müssen gegen massive Vorurteile ankämpfen, während sie häufig unterprivilegierte Arbeiten verrichten. Zuerst kommt der Kulturschock, dann ein sich langsam entwickelnder, schwieriger Kulturwechsel.“ Außerdem haben diese Menschen nicht nur Angst davor, sich hier nicht zurecht zu finden, sondern auch ihre Identität und Kinder an das fremde Land zu verlieren. Diese Ängste und kulturellen Missverständnisse machen sie auch im Umgang mit Institutionen des Gesundheitssystems miss-trauisch und verkrampft – ideale Voraussetzungen, um „unangenehme“ Patienten zu schaffen.
Fehlende Sprachkenntnis verschärft diesen Prozess. Degn: „Gerade die Frauen sind die Sprachlosesten unter den Migranten. So besuchen viele Frauen die Praxis mit ihren Kindern, die dort als Dolmetscher fungieren. Keine optimale Lösung, da der Nachwuchs Teil des Familiensystems ist und somit in die Krankheitsproblematik involviert wird. Außerdem verbietet es die Scham der Mütter, bestimmte Leiden vor ihren Kindern offen anzusprechen.“ Ob es ein Vor- oder ein Nachteil ist, als weibliche Medizinerin Familien aus patriarchalisch gefärbten Kulturkreisen zu betreuen, sieht Degn zwiespältig. Einerseits sei es schwierig, sich als emanzipierte, voll im Berufsleben stehende Frau damit auseinander zu setzen, andererseits könne sie Handlungen setzen, die für einen Mann tabu wären: „So darf ich die nonverbale, körperliche Nähe suchen und beruhigend auf die Patientinnen einwirken. Für männliche Kollegen wäre dies, etwa bei Frauen aus muslimischen Kulturen, undenkbar.“ Vielen dieser zwischenmenschlichen Hürden kann laut Degn durch Zeit, Geduld und Neugierde begegnet werden. Denn ein detailliertes Wissen über alle Kulturen zu erwerben, sei schlichtweg unmöglich. Oft genüge es aber, eine Stimmung der Toleranz zu erzeugen, um Migrantinnen positiv einzustimmen und deren Vertrauen zu erwecken. Treten noch Flexibilität und Respekt hinzu, so habe man schon enorm gewonnen.

Erfahrungen in der Landpraxis

Dr. Herbert Becvar, Allgemeinmediziner aus Neuberg an der Mürz, sieht die Interaktion mit fremden Menschen im ländlichen Bereich etwas schwieriger. Die Umstände verkomplizieren sich, da es sich in der Regel um Asylanten und Flüchtlinge handelt, die sich unfreiwillig vor Ort befinden. Der Gang zum Arzt dient nicht nur der Gesundheit, sondern ermöglicht desgleichen, Missstände anzuprangern. Becvar: „So bedeuten Magenschmerzen, dass der Patient seine Unterbringung wegen des schlechten Essens wechseln will. Verkühlungen sind der Code für ein zugiges Zimmer. Auf diese Weise werden Forderungen transportiert. Andererseits wünschen sie sich dann Überweisungen zu Spezialisten, denn die Besuche dort sind eine Flucht aus dem tristen Flüchtlingsalltag.“ Den hohen Anspruch, den Becvar anfangs hatte, musste er bald reduzieren: „Oft brauchen diese Menschen nur einen geduldigen Zuhörer. Eine echte Übernahme der Verantwortung für ihre Krankheit ist nur selten möglich.“ Die Psychologin Dr. Nuray Kanik-Richter ist als erste ausländische Gemeinderätin in Graz tätig und sieht die Ursache der schlechten Integration der Frauen vor allem in ihrem späten Zuzug und ihrer Isolation begründet: „Sie folgen ihren Ehemännern Jahre
später und schaffen es nur selten, eine funktionierende soziale Struktur aufzubauen. Um sich aus der patriarchalischen Abhängigkeit zu lösen, hilft ein hohes Ausbildungsniveau.“ Ein weiteres gesundheitliches Thema ist der ausgeprägte Informationsmangel. So wisse nur ein Bruchteil der zugewanderten Frauen beispielsweise über die Möglichkeit einer Gesundenuntersuchung Bescheid. Immer noch herrsche auch der Irrglaube vor, niedergelassene Ärzte müssten bar bezahlt werden – daher der hohe Anteil an Ausländerinnen in den Ambulanzen. „Besonders ans Herz legen möchte ich den Ärzten eine einfache Sprache“, sagte die Psychologin. „Vor allem bei Menschen, die unsere Sprache in Grundzügen beherrschen, gehen Ärzte von einem zu hohen Niveau aus. Und Mediziner sollten sich nicht darauf verlassen, dass ein Dolmetscher alles richtig übersetzt. Fragen Sie lieber noch einmal nach!“ Alle Podiumsteilnehmer warnten vor Klischees und Verallgemeinerungen. Auch unter den nicht-österreichischen Kranken könne man bestimmte Patiententypen finden, „die allerdings aufgrund der kulturellen Unterschiede schwerer zu erkennen sind, was es einheimischen Ärzten wiederum schwerer macht, empathisch zu agieren“.

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