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Triff die Trumps: Donald mit 3. Ehefrau Melinda, Tichter Ivanka und Vizegouverneur McMasters bei einer Feier in South Carolina im vergangenen Feber
 
Gesundheitspolitik 22. November 2016

D. Trump in: „Der Ahnungslose“

Interview. Was weiß der künftige US-Präsident Donald Trump von der Gesundheitspolitik, was ist in Zukunft zu erwarten? Auskunft gibt einer der bedeutendsten US-Gesundheitsökonomen, Prof. Dr. Uwe Reinhardt von der Eliteuni Princeton.

Es ist die Stunde der Amerika-Versteher: Wie konnte es soweit kommen, Herr Reinhardt? „Wir dürfen nicht vergessen, dass keiner der beiden Präsidentschaftskandidaten beliebt war. Hillary Clinton stand allerdings für die politische Elite, die Amerika lange Zeit mit ziemlicher Arroganz so regiert hat, wie sie es für richtig hielt. Sie repräsentierte für viele „Business as Usual“, sprich „Es bleibt alles beim Alten“. Das hatten die Leute einfach satt. Donald Trump habe diese Frustration vor allem unter männlichen weißen Wählern mit begrenztem Bildungsstand erkannt und äußerst strategisch und gekonnt für sich genutzt.

Dennoch sei es wichtig festzuhalten, dass Trumps Sieg keineswegs überwältigend war und die Wahl genausogut auch anders hätte ausgehen können. Die Nation sei im Prinzip in der Mitte gespalten, sagt Reinhardt. Was Trump gesundheitspolitisch anzubieten habe? „Was die Gesundheitspolitik anbelangt, hat Trump meines Erachtens von der Materie nicht die geringste Ahnung. Er hat gesagt, dass er Obamacare abschaffen und „mit etwas Tollem“ ersetzen will, hat aber, glaube ich, keinen blassen Schimmer, wovon er da spricht.“

Das US-Gesundheitssystem sei mit Abstand das komplizierteste und hässlichste System auf diesem Planeten. Obamacare habe gar nicht versucht, das ganze System auf den Kopf zu stellen. Die Reform habe sich letztlich nur einen relativ kleinen Ausschnitt vorgenommen und versucht zu reparieren.

Obamacare sei der hässliche Flicken auf einem hässlichen Gesundheitssystem.

Die Republikaner hätten es sich einfach gemacht: Die vergangenen acht Jahre haben sie alles kritisiert, was Obama getan habe, haben aber selbst nichts Konkretes angeboten. Sie haben der politischen Gegenseite nur Prinzipien entgegenzuhalten, aber keine echten Lösungen.

„Deshalb bin ich eigentlich mit dem Wahlergebnis sehr zufrieden. Es ist gut, dass die Republikaner diesmal nicht nur das Weiße Haus gewonnen haben, sondern auch erneut die Mehrheit im Parlament. Damit sind sie jetzt zum ersten Mal voll verantwortlich.

Was auch immer sie in den nächsten vier Jahren anstellen: Am Ende werden wir endlich einmal analysieren können, welche Auswirkungen ihre Gesundheitspolitik auf die Nation hat. Werden wir wieder 50 Millionen Nicht-Versicherte haben? Wird die Anzahl von Bankrotterklärungen wieder steigen, weil die Leute ihre Gesundheitsversorgung nicht bezahlen können?“

Die Dikussion um Obamacare ist für Europäer nur schwer nachzuvollziehen. Reinhardt geht einen Schritt weiter. Er wünscht sich, dass Trump Obamacare aus den Angeln hebt. „Denn meines Erachtens verdienen die amerikanischen Landsleute eine saftige Ohrfeige. Sie haben nämlich die hart erfochtenen Errungenschaften der Reform ohne ein Dankeschön entgegengenommen und sich statt dessen über alles beklagt, was ihnen auch nur das geringste Opfer abverlangt hat.“ Man dürfe nicht vergessen, dass vor Obamacare diejenigen, die gesund waren, relativ niedrige Beiträge genossen, aber Kranke entweder horrende Summen für ihre Versicherung zahlten oder gar abgelehnt wurden.

Die Versicherungspreise unter Obama seien zu hoch, sagt Reinhardt. „Das Gesundheitssystem in Amerika sei das teuerste der Welt. Das liegt am System und war schon lange vor Obamacare ein Problem. Allerdings hat auch Obama gravierende Fehler gemacht. So hat er zum Beispiel die Kosten für die Reform unbedingt unter einem bestimmten Level halten wollen. Um Policen auf dem neuen Versicherungsmarktplatz unter diesen Bedingungen erschwinglich zu machen, mussten die „Deductibles“ (Anm.: das, was der Versicherte jährlich aus eigener Tasche bezahlen muss, bevor die Krankenversicherung einspringt) sehr hoch angesetzt werden. Das hat die Reform viel Zustimmung gekostet. Für Leute, die kaum ihre Miete und ihr Benzin bezahlen können, ist es einfach nicht tragbar, jährlich mehrere Tausend Dollar selbst zu tragen, wenn sie krank werden. Da hat es Präsident Obama versäumt, sich mit den Realitäten des kleinen Mannes auseinanderzusetzen.“

Dass Trump wirklich so weit geht, Obamacare vollständig rückgängig zu machen, glaubt der Kritiker des US-Gesundheitssystems nicht: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es wagen werden. Die Republikaner befinden sich jetzt in einer ganz neuen Situation. Vorher konnten sie im Kongress so oft die Abschaffung der Reform verlangen, wie sie wollten – sie wussten ja, dass ihre Vorstöße spätestens an Obamas Veto scheitern würden. Von nun an fehlt die Vetodrohung. In Zukunft werden sich die Abgeordneten mit ihren Wählern auseinandersetzen müssen, wenn denen etwas verloren geht, was ihnen lieb war.

Wenn ich der Berater von Präsident Trump wäre, würde ich ihm den folgenden Tipp geben: Herr Trump, lassen Sie die Reform im Großen und Ganzen intakt, ändern Sie ein paar Dinge, die nicht funktioniert haben und verkaufen Sie dann das Ganze als Ihre eigene Kreation, am besten unter einem patriotischen neuen Namen. Wie wäre es mit ,AmeriCare‘? Sie können sicher sein, dass die Leute nicht merken werden, dass Sie ihnen gerade ,Obamacare‘ in einer neuen Verpackung untergejubelt haben.“

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