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Gesundheitspolitik 29. November 2005

Das Messer am Geschlecht

Mit der „Beschneidung“ von Frauen müssen sich mitunter auch Ärztinnen und Ärzte in Österreich auseinandersetzen. Abgesehen von den Praktiken in anderen Kulturen, wollen manche Inländerinnen kosmetische Eingriffe an ihren Genitalien vornehmen lassen.

An über zwei Millionen Mädchen und Frauen weltweit wird jährlich das Ritual der Genitalverstümmelung vollzogen. Wer sich dieser Praxis verweigert, wird sozial ausgegrenzt. Für diese Frauen ist es oft kaum möglich, einen Ehemann zu finden, was eine starke Belastung für die Herkunftsfamilie bedeutet, da eine Person mehr zu ernähren ist.

Das Schweigen gebrochen

Über Jahrzehnte wurde Genitalverstümmelung totgeschwiegen, verändert hat dies unter anderen Waris Dirie. Auch sie wurde mit fünf Jahren „beschnitten“ und verließ mit 13 Jahren ihre Heimat, um der Heirat mit einem alten Mann zu entgehen. Nach einer Bilderbuchkarriere als Fotomodell brach sie schließlich ihr Schweigen, veröffentlichte zwei Bücher über ihr Schicksal und wurde Sonderbotschafterin der UNO. „Im Kampf gegen Genitalverstümmelung geht es vor allem auch um Aufklärung sowie darum, Frauen zu unterstützen, möglichst selbständig ihren Lebensstil nachhaltig zu verbessern“, betont Dirie. Dirie wurde für ihr Engagement vielfach ausgezeichnet, z.B. mit dem Romeropreis der katholischen Männerbewegung. Bei der Verleihung im November wies Dirie darauf hin, „dass es auch in Österreich mindestens 8.000 Frauen gibt, die von einer Beschneidung betroffen sind“. Dabei handle es sich nicht nur um Frauen aus afrikanischen Ländern oder z.B. Ägypten, die in ihr Herkunftsland reisen, um das Ritual dort vornehmen zu lassen.

Befragung in Wien

In einer Wiener Studie über Migrantinnen aus Afrika und der arabischen Welt gaben knapp die Hälfte der befragten Hebammen und GynäkologInnen an, dass sie bereits mit „beschnittenen Frauen zu tun hatten“. Acht Prozent gaben an, zur Durchführung einer „Beschneidung“ aufgefordert worden zu sein. Das Problem geht aus der Sicht von Dr. Gabriele Knappitsch, Wahlärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wien, allerdings noch tiefer. Sie war Organisatorin einer Tagung im November (siehe Internet: www.psygyn.at) über die Gesundheitssituation von Migrantinnen in Österreich, bei der unter dem Titel „Das Messer am Geschlecht“ auch Genitalverstümmelung thematisiert wurde. „Oft wird das Thema auf eine sehr voyeuristische Weise behandelt, und quasi alle Frauen aus Afrika und dem arabischen Raum werden über einen Kamm geschert“, sagt Knappitsch. Aber nicht bei allen Frauen treten dieselben gesundheitlichen und psychischen Probleme nach einer „Beschneidung“ auf. „Entsprechend differenziert müsste auch die Begleitung und Behandlung dieser Frauen sein“, betont Knappitsch. „Sie werden aber oft einfach als ‚die Verstümmelten’ gesehen und auch so behandelt.“ Dabei gehe es nicht um eine Rechtfertigung der Genitalverstümmelung, sondern eben um differenziertes Agieren. „Automatisch einen Kaiserschnitt anzubieten, ist der falsche Weg“, so Knappitsch. Ziel sei vielmehr eine möglichst schmerzfreie und selbstbestimmte Geburt.

Ärzte sollten Frauen beraten

Oft massive und in den meisten Fällen unnötige Eingriffe an den Genitalien gibt es aber auch bei österreichischen Frauen. Manche haben das Gefühl, ihre Labien seien „falsch“ ausgebildet und zu lang oder sie müssten ihre Scheide verengen lassen, um Sexualität intensiver erleben zu können. „Leider gibt es Ärzte, die solche Eingriffe vornehmen, anstatt die vorhandenen Informationsdefizite und Klischeebilder auszugleichen bzw. auf psychische Probleme einzugehen“, analysiert Knappitsch. Sie wünscht sich, dass bei der öffentlichen Diskussion zu Genitalverstümmelung dieser Aspekt nicht einfach unter den Tisch gekehrt wird.

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