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Thomas Dorner
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Pamela Rendi-Wagner
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Allan Krasnik
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Gesundheitspolitik 22. November 2016

Eine gesunde Selbsteinschätzung

Lebensqualität. Alt werden ist lebensgefährlich. Die absolute Lebenserwartung nimmt zwar immer noch rasant zu, das Wachstum an gesunden Lebensjahren kann allerdings nicht mithalten – auch nicht im Länder-Vergleich.

„Alle Jahre wieder feiern wir eine Steigerung der absoluten Lebenserwartung“, sagt die oberste Public Health-Expertin des Landes, Dr. Pamela Rendi-Wagner (s.S.51). Um auch gleich „die schlechte Nachricht“ anzuhängen: „Die gesunde Lebenserwartung ist nicht in gleichem Ausmaß gestiegen. Hier ist Österreich im internationalen Vergleich nicht so gut aufgestellt, weist OECD-unterdurchschnittliche Daten auf.“ Das heißt: Die Österreicher verbringen zunehmend mehr Jahre ihres Lebens als Kranke oder mit einer gesundheitlicher Beeinträchtigung.

Das hat damit zu tun, dass das „Public Health-Konzept“ mit seiner Fokussierung auf Prävention und Gesundheitsförderung inzwischen angekommen ist, im Gegensatz zur kurativen Medizin aber noch immer nicht den gesundheitspolitischen Stellenwert genießt, der einem reichen, hoch entwickelten Staat eigentlich entsprechen sollte.

An dieser Diagnose haben bislang weder die 2009 von der Sozialversicherung ausgerufene „Public Health-Charta“ noch die 2011 beschlossenen zehn Rahmengesundheitsziele – von denen sich immerhin neun auf Prävention bzw. Gesundheitsförderung beziehen – noch die 2014 zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherung vereinbarte „österreichische Gesundheitsförderungsstrategie“ Entscheidendes ändern können. Zwar gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Projekten, Einzelinitiativen und durchaus auch politischer Bemühungen, für einen durchschlagenden, messbaren Erfolg fehlt es aber nach wie vor an dem gemeinsamen Ganzen. So musste dann auch die Hauptverbands-Vorsitzende Ulrike Rabmer-Koller einräumen: „Beim Output hinken wir sicherlich nach, da gibt es Handlungsbedarf.“

 

Die Präventionsausgaben sind nicht ausgewogen

„Gesundheit ist auch, aber nicht nur eine Frage des Geldes“, sagte ÖGPH-Vorsitzender Thomas Dorner und verwies auf Länder mit zwar geringeren Gesundheitsausgaben, dafür aber einer höheren Lebenserwartung (Italien) oder mehr gesunden Lebensjahren (Niederlande) im Vergleich zu Österreich. Österreich würde zwar viele der Faktoren erfüllen, die „Menschen gesund halten, aber bei Weitem nicht alle“, erläuterte Dorner. Zu ersteren zählte er unter anderem Friede und ein Leben ohne Gewalt, sowohl innerhalb der Familie als auch im öffentlichen Leben, eine leistbare gesunde Ernährung, Bildung für alle, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Religion sowie ein gesundes Öko-System, ein politisches System mit hohem Grad an Schutz, Arbeitsbedingungen, welche die Gesundheit fördern, und eine fürsorgliche Kindheit mit liebevoller Unterstützung. Als eine der größten Schwachstellen bezeichnete er hingegen die mangelnde Gesundheitskompetenz, die „im Vergleich zu anderen Ländern deutlich geringer ist, da schneiden wir schlecht ab“. Als Beleg seiner These nannte Dorner Zahlen aus einer Studie des Ludwig Boltzmann Instituts für Health Promotion Research, wonach 18 Prozent der erwachsenen Österreicher eine unzureichende Fähigkeit aufweisen, Gesundheit und Gesundheitszusammenhänge zu verstehen, bei weiteren 38 Prozent wurde zumindest eine „problematische Gesundheitskompetenz“ festgestellt. Zum Vergleich: In den Niederlanden haben nur 1,8 Prozent eine unzureichende und 26,9 Prozent eine problematische Gesundheitskompetenz. Diese Divergenz sei nicht nur unterschiedlich hohem Wissen und individuellen Fähigkeiten geschuldet, so Dorner, sondern auch der Komplexität des heimischen Gesundheitssystems. In Ländern, wo dieses sehr viel einfacher und klarer aufgebaut ist, sei auch die Kompetenz deutlich höher.

Ebenfalls unterdurchschnittlich schneidet Österreich laut Dorner puncto Gesundheitsförderung ab: Mit 1,9 Prozent Anteil an den gesamten Gesundheitsausgaben (oder 90 Euro pro Kopf pro Jahr) liege man deutlich unter dem OECD-Mittelwert von 3,4 Prozent. „Zwar gibt die öffentliche Hand im Bereich Prävention vergleichsweise viel Geld beim Erkennen von Krankheiten und deren Therapie aus – etwa Vorsorgeuntersuchungen, Screenings, Kuren und Reha“, kritisierte Dorner, „für das Gesund-Bleiben und für ‚Health in all Policies‘ ist der Finanzmitteleinsatz aber sehr sparsam.“

Prof. Dr. Thomas Dorner, Institut für Sozialmedizin, MedUni Wien

Vom langen Atem, den eine Gesundheitspolitikerin hat

„Das Motto der Konferenz (All for Health, Health for All) ist gut gewählt“, meinte Pamela Rendi-Wagner, indem sie „All for Health“ als Aufforderung interpretierte, wonach alle politisch Verantwortlichen gefordert seien, gemeinsam ein besseres, gesünderes Leben für alle zu gestalten. „Wir brauchen sie alle dafür, nicht nur, weil sie selbst davon betroffen sind, sondern auch, weil beim Thema öffentliche Gesundheit alle etwas beitragen müssen. Überall dort, wo Menschen leben, lieben und arbeiten“, werde schließlich Gesundheit maßgeblich beeinflusst. Das Gesundheitsministerium selbst könnte nur beschränkt direkt Einfluss darauf nehmen, erläuterte Rendi-Wagner, ob das die bewegungsfreundliche und -fördernde Stadt betrifft, den Ausbau von Radwegen oder den Bewegungsunterricht in den Schulen, um nur einige Beispiele zu nennen: „Öffentliche Gesundheit wird von den anderen Politikfeldern maßgeblich beeinflusst, zum Positiven, aber auch zum Negativen“, so die Sektionschefin. „Wir müssen daher proaktiv an diese Politikfelder herantreten, ihnen aufzeigen, wo und wie sie betroffen sind, was sie selbst beeinflussen können, um die Situation zu verbessern.“

Je mehr Player im Spiel sind, umso wichtiger werde dabei die Koordination, die Abstimmung der einzelnen Aktivitäten, sieht Rendi-Wagner aber schon Verantwortung im eigenen Haus: „Wenn jeder für sich seine eigenen Maßnahmen setzt, ohne sie zu koordinieren, werden wir am Ende keine Verbesserung sehen, obwohl viel Geld hineingeflossen sein wird.“

Ein deutlicher Ausdruck des koordinierten Vorgehens sei jedenfalls der gemeinsame Beschluss über die Rahmengesundheitsziele gewesen. Zehn unterschiedliche Ministerien wären in der Umsetzung dieser Ziele bereits fix im Boot, insgesamt 40 Stakeholder, Interessensvertretungen und Kammern ebenso wie NGOs, würden „seit über fünf Jahren mit uns gemeinsam daran arbeiten. Sie entwickeln aus ihrem Bereich heraus eigene Initiativen, leiten daraus Maßnahmen ab, finanzieren diese und stimmen sie mit uns ab. Ich denke, wir sind hier inzwischen auf einem sehr guten Weg und haben, was die Stärkung der Gesundheitsförderung betrifft, den notwendigen Paradigmenwechsel zumindest eingeleitet.“ Es brauche einen „langen Atem“, weil positive Effekte zwar nachgewiesenermaßen zwingend folgen würden, dieser Prozess aber länger benötige, als Legislaturperioden dauern.

PD Dr. Pamela Rendi-Wagner, Öffentliche Gesundheit/ BMGF

Health for all – das schließt auch Migranten ein

Mit einer ebenso spezifischen wie aktuellen Problematik der öffentlichen Gesundheit setzte sich der Däne Allan Krasnik, Vorsitzender der Sektion Gesundheitsversorgung für Migranten und ethnische Minderheiten in der Europäischen Public Health Association (EUPHA), auseinander. Wenn man „Health for All“ ernst nimmt, dann müsse man sich mit der medizinischen Versorgung von Migranten und Flüchtlingen besonders intensiv auseinandersetzen, argumentierte Krasnik, weil es beim Zugang dieser Gruppen zum öffentlichen Versorgungssystem nach wie vor besonders große Benachteiligung gegenüber der Mehrheitsbevölkerung gäbe.

Die „sogenannte Migrationskrise“ in Europa bezeichnete Krasnik als hausgemachte, „politische Krise“. Schließlich sei Migration kein neues gesellschaftliches Phänomen, sondern selbstverständlicher Teil der Menschheitsgeschichte, der bei Weitem nicht immer als Problem begriffen wurde, sondern oft auch als ein Prozess, von dem Menschen in ihrer Entwicklung profitieren. Verantwortliche sollten daher nicht so sehr „Konfliktpotenzial und Problemlösung auf der Agenda haben und sich eher um pragmatische politische Lösungen bemühen“.

Zur „Relativierung der europäischen Krise“ nannte Krasnik einige Fakten: Weltweit sind 244 Million Menschen von Migration direkt betroffen, 65 Millionen davon wurden gewaltsam vertrieben. In Europa liegt der Anteil internationaler Migranten an der Gesamtbevölkerung bei 8 bis 9 Prozent. Letztes Jahr, am Höhepunkt der „Krise“, kamen 1,2 Millionen Flüchtlinge nach Europa. Das bedeute, „dass 500 Europäer einen Flüchtling in ihre Gesellschaft inkludieren müssten“ – eine Aufgabe, die Krasnik jedenfalls für bewältigbar hält.

Was den Zugang von Flüchtlingen und anderen Minderheiten zum Gesundheitssystem betrifft, würde von vielen politisch Verantwortlichen allerdings immer noch die „soziale Dimension von Gesundheit und Krankheit“ nahezu sträflich unterschätzt, kritisierte Krasnik. Der Schlüssel zu einem fairen Zugang zur Gesundheitsversorgung für alle sei daher die soziale Integration der Minderheiten in die Mehrheitsgesellschaft. Zusätzlich brauche es Programme für eine Versorgung von Migranten und Flüchtlingen, mit einer Koordination, Informationsangeboten sowie „Diversity-kompetenten Gesundheitsorganisationen“ und ebensolchem Gesundheitspersonal.

Prof. Dr. Allan Krasnik, „Danish Research Centre of Migration, Ethnicity and Health“, Kopenhagen

Volkmar Weilguni , Ärzte Woche 47/2016

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