zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 24. August 2005

Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge

Die medizinische Versorgung von Flüchtlingen hat sich wesentlich verbessert; auch Allgemeinmediziner helfen mit. Zu wenig Ressourcen gibt es aber nach wie vor für die Begleitung traumatisierter Menschen.

Jahrelang konnten viele Flüchtlinge nur mit ehrenamtlicher Unterstützung von Spitälern oder niedergelassenen Ärzten medizinisch betreut werden. Seit Mai dieses Jahres haben aber alle Personen, die zum Asylverfahren zugelassen sind, eine Krankenversicherung. „Manchmal dauert es länger, bis Flüchtlinge von der Kasse entsprechende Bestätigungen haben“, erklärt Mag. Barbara Greinöcker, die seit 15 Jahren für die Caritas Oberösterreich in der Flüchtlingsbetreuung tätig ist. „Die Ärzte können sich darauf verlassen, dass Behandlungskosten gezahlt werden, auch wenn es manchmal etwas länger dauert.“ Bei der Betreuung von Flüchtlingen wurde ein Paradigmenwechsel weg von riesigen Lagern hin zur Versorgung in Regionen vollzogen. In vielen österreichischen Gemeinden sind diese Personen in Einrichtungen der Hilfsorganisationen, in Gasthäusern und Privatquartieren untergebracht. Besonders Ärzte für Allgemeinmedizin sind deshalb häufiger in der medizinischen Betreuung von Flüchtlingen tätig.

Einer davon ist Dr. Wolfgang

Falkner aus Walding, der mit seinem Kollegen Dr. Günther Mayr 46 Flüchtlinge aus Tschetschenien betreut. „Es geht meist um medizinische Routine, auch wenn es in manchen Fällen bei uns kaum mehr vorkommende Krankheiten wie offene Tbc betrifft“, schildert Falkner. Er hat sich ein russisches Wörterbuch zugelegt und versucht damit die Kommunikationshürden etwas zu mildern.

Probleme mit Sprachbarrieren

„Manchmal kann es länger dauern, bis man drauf kommt, wo das eigentliche Problem liegt. Zur wirklichen Barriere wird die Sprache bei psychologischen und psychosomatischen Problemen“, betont Falkner. Er engagiert sich auch in der regionalen Initiative „über.brücken“, die versucht, die Situation der Flüchtlinge auch in Hinblick auf Arbeitsmöglichkeiten zu verbessern (Mehr dazu auf der Website www.epima.at). Vor allem die Kombination aus möglichem Trauma, der Herkunft aus einer anderen Kultur sowie der speziellen Situation von Flüchtlingen stellen hohe Anforderungen an die Betreuungspersonen. „Es wäre falsch zu sagen: Jeder Flüchtling ist traumatisiert. Es gibt Menschen, die mit Krieg, Folter, Vertreibung und Flucht auf ihre Art und Weise umgehen können. Und es gibt Menschen, die massiv von posttraumatischen Störungen betroffen sind“, erklärt Greinöcker. Dazwischen liegt eine Vielfalt von Schattierungen: „Trauma hat viele Gesichter.“

Belastende Situationen

So kann es für einen Menschen schwierig sein, sich in einem verschlossenen Raum aufzuhalten oder auf einer bestimmte Art von Stuhl zu sitzen. Erinnerungen an Folter oder Erlebnisse, wo mit einem Schlag alle privaten Besitztümer und nahe stehende Menschen verloren gingen, tauchen auf. „Manche Flüchtlinge können für sie belastende Situationen definieren, in einigen Fällen reicht ein gründliches Gespräch aus, um mit dem Trauma umzugehen“, so Greinöcker. In vielen Fällen sei aber eine intensivere psychologische, psychotherapeutische oder psychiatrische Abklärung und Behandlung erforderlich. „Nur wenige Personen aus den in Frage kommenden Berufsgruppen sind bereit, mit Dolmetschern zu arbeiten; auch für diese wird das Übersetzen von erlittenen Traumata oft zur Belastungsprobe“, so Greinöcker. Außerdem gebe es in Österreich noch zu wenig Experten, die sich intensiver mit posttraumatischen Störungen auseinandergesetzt haben. Anzeichen für Traumata sind z.B. auffällige Reaktionen auf scheinbar alltägliche Situationen, wie längere Wartezeit oder die konkrete Anordnung der Möbel in einem Raum. „Am ehestens können Hausärzte solche Anzeichen erkennen, oder sie werden von den Flüchtlingsbetreuern darauf angesprochen“, berichtet Greinöcker. Flüchtlinge sind jeweils konkreten Hilfsorganisationen wie Caritas, Volkshilfe, SOS Mitmensch usw. zugeordnet. Diese vermitteln dann Kontakte zu Psychologen, Psychotherapeuten oder Fachärzten für Psychiatrie. Der Betreuungsschlüssel von 1 zu 40, wie er bei der Caritas üblich ist, oder gar von 1 zu 160, wie in manchen öffentlichen Einrichtungen, macht ein individuelles Eingehen auf Menschen mit Traumata jedenfalls oft schwierig oder unmöglich. Für die Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gebe es mehr öffentliche Mittel, dies sollte auch bei Erwachsenen der Fall sein, so Greinöcker.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben