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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Engpässe in der Krisenintervention

Immer öfter müssen Menschen, die sich an psychosoziale Einrichtungen wenden, auf „später“ vertröstet werden. Hausärzte wären als zentrale Anlauf- und Koordinierungsstelle ideal.

Dass es im psychosozialen Bereich Wartezeiten für Therapien oder Projekte, z.B. für Langzeitarbeitslose, unterstützte Wohnplätze usw., gibt, ist nichts Neues. Aber das Wort Krisenintervention wird immer mehr zu einer zynischen Phrase. „Die Zahl der KlientInnen ist bei allen psychosozialen Einrichtungen massiv gestiegen“, betont Prim. Dr. Werner Schöny, Vorsitzender der pro mente Oberösterreich. Die Steigerungsraten reichen von 50 bis zu 200 Prozent; gleich geblieben sind aber meist die verfügbaren Raum- und Personalressourcen der Institutionen.

Immer öfter: „Bitte warten!“

Die Wartelisten werden deshalb immer länger, immer mehr Menschen müssen, obwohl sie akute Probleme haben, unmittelbar abgewiesen werden. In Oberösterreich beispielsweise liegen Wartezeiten auf kostenlose psychotherapeutische Beratung schon seit längerem bei mindestens vier, meistens aber sechs bis sieben Monaten. Ähnlich sieht es auch in anderen Bereichen aus, egal ob es um psychosoziale Notdienste, psychiatrische Ambulanzen im intra- oder extramuralen Bereich, Notschlafstellen, Projekte für Arbeitslose, Therapieplätze für Menschen mit Suchtkrankheiten, Plätze in Frauenhäusern oder Angebote für Wohnungslose geht. Dabei ist Oberösterreich eines jener Bundesländer, in dem die psychosoziale Versorgung vergleichsweise gut ausgebaut ist.„Nach wie vor wird Krankheiten der Seele zu wenig Beachtung geschenkt“, bedauert Schöny. Psychische Beeinträchtigungen haben immer öfter mit der sozialen Situation zu tun: Arbeitslosigkeit, hohe Schulden, persönliche oder famili-äre Probleme, keine Unterkunft, Gewalt im Alltag etc. Dazu kommen steigende Anforderungen am Arbeitsmarkt und die Tatsache, dass etwa 30 Prozent der Werktätigen wegen psychosomatischer Erkrankungen in Behandlung sind oder diese dringend benötigen würden.„Auch wenn die psychosoziale Problematik häufig als lösbares Individualproblem dargestellt wird, kann angesichts der Zahl von Hilfesuchenden keine Rede von Einzelschicksalen sein“, ergänzt Schöny. Diese Situation erfordere sofortige Maßnahmen sowohl auf sozial- als auch gesundheitspolitischer Ebene.

Frustrierte Mitarbeiter

Da Hilfesuchende praktisch ständig abgewiesen werden müssen, von einer Institution zur anderen geschickt werden oder nicht adäquat betreut werden können, steigt auch die Frustration der MitarbeiterInnen psychosozialer Einrichtungen. „Burn-out ist jetzt schon ein überdurchschnittliches Problem, immer mehr denken daran, den Beruf zu wechseln“, berichtet Schöny. Er hat eine gemeinsame Vorgangsweise von Sozialinstitutionen in Oberösterreich initiiert. Im Plan des ÖBIG (Bundesinstitut für Gesundheitswesen) für die psychosoziale Versorgung sei die Rede von einem flächendeckenden Ausbau dezentraler Einrichtungen, „das muss endlich umgesetzt werden“, fordert Schöny. Weiters bräuchten verschiedene Institutionen im Sozialbereich dringend mehr Ressourcen in personeller, struktureller und finanzieller Hinsicht. Diese seien nach wie vor meist Bittsteller, die sich nicht darauf verlassen können, von der öffentlichen Hand kontinuierlich Mittel zu bekommen. Notwendig wären zudem Maßnahmen auf regionaler und lokaler Ebene, auch von Seiten der Wirtschaft. Als zentrale Anlauf- und Koordinierungsstelle hält Schöny die Hausärzte für die beste Lösung. Es reiche nicht aus, diesen zu empfehlen, Menschen mit psychosozialen Problemen oder psychiatrischen Symptomen weiter zu verweisen. „Wir brauchen mehr Bildungsangebote für Ärzte, damit diese selbst mit psychischen Krisen besser umgehen können“, regt Schöny an.
Er fordert aber auch die Aufbringung finanzieller Mittel, damit Hausärzte ihre wichtige Funktion als Koordinator und Vernetzer medizinischer und sozialer Angebote vor Ort intensiver wahrnehmen können. Derzeit sei allerdings die Offenheit der Ärzte, mit verschiedenen Einrichtungen und Berufen zu kooperieren, nicht sehr ausgeprägt, bedauert Schöny, und er betont, „dass es dabei nicht um Konkurrenz, sondern um ein gemeinsames Vorgehen geht“.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 43/2004

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