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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Medizin für Frau und Mann macht Sinn

„Vom Mythos der Schwäche … – Die Frau als Patientin in der Allgemeinpraxis.“ Diesem Schwerpunkt war der 35. Kongress für Allgemeinmedizin vom 25. bis 28. November in Graz gewidmet. Aber nicht nur Patientinnen, sondern auch Ärztinnen pochen auf mehr Chancengleichheit. Dazu kommen neue Entwicklungen, wie die geschlechtsspezifische Medizin, die in der Praxis Einzug halten sollen.

Der Allgemeinmediziner und langjährige Kongressleiter Dr. Walter Fiala legt unter anderem Wert auf sprachliche Feinheiten. Vor einigen Jahren war es die Differenzierung von „extramural“ und „intramural“, die für Fiala „die Mauern“ zwischen ambulant und stationär bzw. niedergelassen impliziert. Auch der aktuelle Trend der „Gender Medizin“ stößt bei ihm auf Widerstand, zumindest in sprachlicher Hinsicht. Er zieht es vor, von „geschlechtsspezifischer Medizin“ zu sprechen. Und für den diesjährigen Allgemeinmedizin-Kongress hat der Kongressleiter zum ersten Mal an die Referenten die Parole ausgegeben, auf englische Lehnwörter zu verzichten. Der 35. Kongress für Allgemeinmedizin „soll uns Ärzte sensibel machen für die Hintergründe von Erkrankungen bei Frauen und auf die Möglichkeiten professioneller Hilfe psychologischer und sozio-ökonomischer Art hinweisen“, schrieb Fiala in seinem Vorwort im Kongress-Programm. Frauenspezifische Anliegen sowie aktuelle berufsspezifische Entwicklungen in der Allgemeinmedizin kommentierte der Kongressleiter im Interview mit der ÄRZTE WOCHE.

Sind Frauen die angenehmeren „Patienten“ als die Männer?
Fiala: Frauen artikulieren ihre Beschwerden besser, da sie es überhaupt besser verstehen, sich mitzuteilen und zu kommunizieren. Frauen befolgen auch Ratschläge besser und haben ein besseres Gesundheitsbewusstsein.

Gender Medizin rückt auf dem wissenschaftlichen Parkett zunehmend in den Vordergrund. Ist dieser Anspruch in der Praxis eher von untergeordneter Bedeutung oder doch gerechtfertigt?
Fiala: Ich wehre mich gegen den Ausdruck „Gender Medizin“ aus sprachlichen Gründen. Wenn wir von geschlechtsspezifischer Medizin sprechen, so spielt das natürlich auch in der Praxis eine große Rolle. Ich führe nur ein paar Krankheiten und Probleme exemplarisch an, um die Bedeutung der geschlechtsspezifischen Medizin in der Allgemeinpraxis zu veranschaulichen: Ess-störungen, Missbrauch, Suchtverhalten, hormonell bedingte Erkrankungen, Klimakterium, Depression des Mannes und der Frau, Lebenserwartung, Vereinsamung und andere mehr.

Von den allgemeinmedizinischen Kassenpraxen entfallen nur 20 Prozent auf Ärztinnen. Wie steht die Steirische Akademie für Allgemeinmedizin zu einer Begünstigung von Ärztinnen bei der Vergabe von Kassenstellen, wie es Ministerin Rauch-Kallat jetzt verordnet hat?
Fiala: Ob man jetzt Punkte für Schwangerschaft und Karenz zuteilt oder nicht, löst nicht das brennende Problem der Stellenvergabe. Meine Lösung heißt: Vertragsvergabe an die Ordination und nicht an eine Einzelperson, wie das in den meisten europäischen Ländern üblich ist. Damit würden mit einem Schlag viele Kolleginnen eine selbständige Arbeit finden, und das in einem zeitlichen Ausmaß, das sich nach den individuellen sozialen Möglichkeiten und Notwendigkeiten richten könnte. Auch das Nachfolgeproblem wäre damit gelöst.

Das Kongress-Thema „Vom Mythos der Schwäche …“ spricht ein althergebrachtes Klischee an. Wie möchten Sie diesen „Slogan“ verstanden wissen?
Fiala: Frauen werden noch immer als „schwaches Geschlecht“ angesprochen, sind aber von der Natur schon viel besser für das Überleben ausgerüstet als die Männer, so dass man nur mehr vom „Mythos“ sprechen kann, wenn man von der „schwachen Frau“ spricht. Das Andeuten von Schwäche ist aber etwas, das uns Männer immer wieder schwach werden lässt und uns im schönen Glauben lässt, das „stärkere Geschlecht“ zu sein.

Herbert Hauser, Ärzte Woche 42/2004

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