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Dr. Leo Chini, Leiter des Forschungsinstituts für Freie Berufe, WU Wien

 

(c) Blankstock / Getty Images / iStockphoto

 
Gesundheitspolitik 14. November 2016

Ärzte-Äpfel und Polit-Birnen

Statistik. Die Ärzte werfen der Politik vor, bewusst mit falschen Zahlen zu hantieren und damit das Problem des zunehmenden Ärztemangels zu verharmlosen – und damit die Patientenversorgung in Richtung Abgrund zu steuern.

„Hier werden Äpfel mit Birnen in einen Korb geworfen“, sagt Prof. Mag. Dr. Leo W. Chini, Leiter des Forschungsinstituts für Freie Berufe an der Wirtschaftsuniversität Wien, jene Statistiken aus dem jährlichen OECD-Bericht „Health at a Glance“, welche die Ärztedichte in den Mitgliedstaaten vergleichen. Seit Jahren liegt Österreich hier an der Spitze. Zu unterschiedlich seien die Ausgangsdaten für die Länderberechnungen. So werden etwa in der heimischen Ärztezahl jene in Ausbildung mitgezählt, in Belgien zum Beispiel nicht. Großbritannien wiederum meldet überhaupt nur jene Ärzte, die im staatlichen System arbeiten. Wenn man also seriös vergleichen wolle, dann müssen die Zahlen entsprechend angepasst werden. Chini hat daher neu gerechnet und dafür nur Ärzte mit eingetragener Berufsbefugnis – also keine Turnusärzte – herangezogen. „Dabei stellt sich heraus, dass Österreich plötzlich nur mehr im Mittelfeld liegt“, erläutert der Wissenschaftler. Würde man noch einen Schritt tiefer in die Materie eindringen, und – wie das wissenschaftlich durchaus üblich sei – nicht Köpfe, sondern „Vollzeitäquivalente“ vergleichen, dann läge Österreich noch einmal um den Wert 0,2 niedriger und noch ein paar Plätze weiter hinten. Die immer wieder gehörte politische Schlussfolgerung aus der genannten OECD-Statistik, wonach Österreich angesichts einer solchen Dichte keinen Ärztemangel zu befürchten hätte, ist daher laut Chini haltlos.

Zukunftsprognose

Viel spannender als der Ist-Vergleich ist aber ohnehin die Zukunftsprognose. Und was Chini darüber zu berichten weiß, das wird politischen Gesundheitsplanern vielleicht doch noch schlaflose Nächte bereiten – oder sie zum raschen Handeln motivieren.

Ausgangsbasis für Chinis Zukunftsberechnungen bildet die demografische Altersverteilung unter Österreichs praktizierenden Ärzten. Aus den Kammer-Vorsorgeprogrammen kann zudem exakt berechnet werden, wann wie viele Ärzte in Pension gehen werden. Im Durchschnitt tun das niedergelassene Ärzte mit 67 Jahren. Setzt man Altersverteilung und erwartetes Pensionsantrittsalter in Beziehung, so lässt sich unschwer daraus ableiten, dass bis zum Jahr 2030 rund 60 Prozent aller heute aktiven niedergelassenen Ärzte (Vertragsärzte und Wahlärzte) aus ihrer Berufstätigkeit ausscheiden werden. Bezogen nur auf die Allgemeinmediziner, zeigt sich ein noch viel dramatischeres Bild: Zwei Drittel aller niedergelassenen Hausärzte gehen noch vor dem 1. Jänner 2030 in Pension.

Bricht man in einem weiteren Rechenschritt die Prognose auf die Hausärzte in der Bundeshauptstadt herunter, dann kommt man zu folgendem, aus Sicht Chinis durchaus besorgniserregendem Ergebnis: Von den aktuell 730 praktizierenden Hausärzten mit WGKK-Vertrag werden 2030 maximal noch 190 aktiv sein.

Gleichzeitig steigt aber die Zahl der Anspruchsberechtigten (also der Versicherten plus deren Angehörigen). Daraus ergibt sich rein statistisch ein stetig anwachsender Gap. In Wien zum Beispiel fielen noch 2005 lediglich 1.751 Anspruchsberechtigte auf einen Allgemeinmediziner, 2015 waren es bereits 2.272 – und 2025 werden es, wenn die Wachstumsprognosen für Wien halten, 3.300 sein. Das ist somit nahezu das Doppelte des Wertes von 2005. Wie Wiens verbleibende niedergelassene Vertragsärzte einen solchen Anstieg um 1.000 Patienten innerhalb weniger Jahre bewerkstelligen sollen, das weiß heute niemand.

Nachwuchssorgen

Egal wie die Entwicklungen im Detail auch aussehen werden, der Trend eines immer weiteren Auseinanderklaffens zwischen Angebot und Nachfrage ist evident. Noch fehlen aber politische Antworten auf die Frage, wie die daraus entstehenden „Deckungslücken“ geschlossen werden könnten.

Es fehlt nämlich nicht nur an Vertragsstellen, sondern auch an Jungmedizinern, die solche Stellen auch besetzen könnten. Von den österreichweit knapp 1.700 Absolventen einer Medizinischen Universität im letzten Studienjahr beginnt nämlich nur ein Teil (maximal sechs von zehn Absolventen) anschließend auch seine medizinische Ausbildung im Land. Neben den fast 400 ausländischen Absolventen, die nach dem Studium zum überwiegenden Teil in ihre Heimatländer zurückkehren, wechseln auch viele heimische Absolventen lieber in andere Berufsfelder, in die Industrie oder Forschung – und werden niemals versorgungswirksam.

In Wien zum Beispiel sind es durchschnittlich 150 Jungmediziner pro Jahr, die eine Turnusausbildung beginnen. Das wird aber bei Weitem nicht reichen, um den Bedarf zu decken, ist Chini überzeugt. Um seine These zu belegen, hat er verschiedene Simulationen durchgerechnet. Im „Worst Case“ ergeben sich daraus Deckungslücken von 4.000 Ärzten für Wien, bei günstigem Verlauf etwas weniger. Faktum sei aber in jedem Fall, so Chini, dass „alleine in Wien bis 2030 zwischen 3.000 und 4.000 Ärzte fehlen werden, wenn nicht sofort gehandelt wird“.

Eile scheint tatsächlich geboten, wenn man bedenkt, dass die Ausbildung zu einem voll versorgungswirksamen Arzt an die zehn Jahre benötigt: „Das heißt, selbst wenn wir das Problem noch heute angehen, brauchen wir zehn Jahre, um die Situation zu verbessern“, erläutert Chini.

Abwanderung

Ein erster gebotener Schritt wäre es in jedem Fall, mehr MedUni-Absolventen im Land zu halten. Denn nach wie vor ist Österreich ein Mediziner-Exportland: In den letzten zehn Jahren ist der Anteil ausländischer Studierender auf das Doppelte angestiegen, von denen – wie bereits ausgeführt – fast alle nach Hause zurückgehen.

Dazu wandern auch noch zehn Prozent der österreichischen Absolventen ins Ausland ab.

Die Versuche vieler Länder, sich der zunehmenden europaweiten Konkurrenzsituation aktiv zu stellen und Absolventen durch attraktive Angebote abzuwerben, tragen also offenbar Früchte. Unsere Nachbarländer sind angesichts der kritischen Personalsituation längst zu Importeuren geworden.

Deutschland und die Schweiz lassen es sich einiges kosten, um wieder genug Ärzte zu bekommen – mit Erfolg: In Deutschland sind bereits zehn Prozent der berufstätigen Ärzte Ausländer (unter diesen knapp 30.000 ausländischen Ärzten kommen 2.000 aus Österreich). In der Schweiz ist der Anteil sogar 36 Prozent, das heißt jeder dritte berufstätige Arzt in der Schweiz ist Ausländer, jeder zehnte davon Österreicher.

Auch andere Länder werben aktiv um Jungärzte, erklärt Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident und Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte der Ärztekammer. Er berichtet etwa von einem dänischen Charterflug, mit dem Personalverantwortliche durch Europa touren, um mit Lock- und Zusatzangeboten wie Sprachkursen, Wohnungen oder Jobzusagen für mitkommende Partner, Absolventen für eine Ausbildung in Dänemark zu begeistern. Auch regionale deutsche Politiker sind regelmäßig in Wien zu Gast, um Werbung für ihr Bundesland zu machen.

Für Österreich sei ein solches Vorgehen unvorstellbar. Das sagt Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Ärztekammer für Wien: „In anderen Ländern wirbt man erfolgreich österreichische Mediziner ab, während hierzulande gebetsmühlenartig von einer der größten Ärztedichten Europas gesprochen wird.“

Masterplan

Szekeres fordert einen „Masterplan für Jungmediziner, um den dringend benötigten Nachwuchs im Land zu halten und die fundamentale Versorgungskrise abzufangen“.

Dazu brauche es nicht nur mehr Geld, sondern auch Reformen der Rahmenbedingungen im niedergelassenen – Stichworte: Bürokratie und Deckelungen– wie im stationären Bereich – Ausbau flexibler Teilzeitmodelle bzw. Kinderbetreuung.

Vor allem fehle es aber an „Wertschätzung“ für die Tätigkeit der Ärzte, seitens der Politik, inklusive Sozialversicherung, kritisiert Szekeres, denn „wenn man das Gefühl hat, man wird nicht wertgeschätzt – und dieses Gefühl haben viele Kollegen, vor allem in Wien –, dann geht man auch leichter weg“.

Die Jugend sei da heutzutage jedenfalls deutlich flexibler als es seine Generation nooch gewesen sei, sagt er. Szekeres liefert auch gleich noch eine These mit, worauf diese mangelnde Wertschätzung zurückzuführen sei: „Wir wissen, dass Patienten ihre Ärzte deutlich mehr wertschätzen als ihre Politiker. Das scheint Letztere offensichtlich zu stören.“

Volkmar Weilguni

, Ärzte Woche 46/2016

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