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Gesundheitspolitik 14. November 2016

Syrien: Kinder in großer Gefahr

Krieg. Die Belagerung und Kämpfe in Ost-Aleppo haben verheerende Auswirkungen für Kinder. Das Personal in den Krankenhäusern, die von Ärzte ohne Grenzen unterstützt werden, berichtet von vielen vermeidbaren Todesfällen aufgrund fehlender Therapiemöglichkeiten.

Die Situation in Ost-Aleppo in Syrien verschlechtert sich für Kinder täglich, unabhängig davon, ob sie krank sind oder nicht. Lebensmittel, Trinkwasser und medizinische Hilfe werden zunehmend knapper. Das medizinische Personal kämpft, um die große Zahl Verletzter zu versorgen.

Mindestens 136 Kinder wurden seit dem 22. September bei Luftangriffen getötet, mindestens 468 verletzt. Die Spitäler in denen sie behandelt werden, sind überfüllt und es fehlt an ausreichendem Personal, medizinischem Bedarfsmaterial und Betten auf den Intensivstationen. „Unsere Ambulanzen sind überfordert,“ sagt Abu Al Motassem, Krankenpfleger in der Notaufnahme. „Täglich kommen zwischen 120 und 150 Kinder zu uns. Ein Kind hätte dringend auf der Intensivstation aufgenommen werden müssen, aber wir hatten keinen Platz. Es musste warten und hat nicht überlebt.“

Vier Kinderärzte in Ost-Aleppo

Von den sieben Krankenhäusern, die derzeit in Ost-Aleppo noch aktiv sind und die Ärzte ohne Grenzen unterstützt, ist nur eines auf die Behandlung von Kindern spezialisiert. Im belagerten Stadtteil arbeiten nur noch vier Kinderärzte, zwei davon ausgebildete Ärzte und zwei Medizinstudenten im letzten Jahr. Es gibt aber keinen Kinderchirurgen mehr.

Der Mangel an medizinischem Personal hat bereits fatale Konsequenzen. Al Motassem: „Ein Kind mit Speiseröhrendivertikel kam zu uns und hätte dringend operiert werden müssen. Eigentlich ein leichter Eingriff, den jeder Kinderchirurg durchführen könnte. Aber es gibt keinen. Das Kind starb.“

Rund 1.500 Kinder in Ost-Aleppo würden derzeit spezialisierte medizinische Versorgung brauchen. Diese ist jedoch nicht verfügbar. Nachdem auch alle Straßen aus der Stadt unbenutzbar sind, können sie auch nicht überwiesen oder verlegt werden. Unter den Kindern sind Krebspatienten, Kinder mit angeborenen Anomalien und Gehirnschäden sowie andere Notfälle.

Viele Eltern haben Angst, bei Luftangriffen oder Kämpfen in der Stadt unterwegs zu sein. „Sie warten, bis die Kampfflugzeuge weg sind. Wenn sie dann das Krankenhaus erreichen, sind die Kinder oft in sehr schlechtem Zustand“, sagt Riyad Najjar, Administrator im einzigen Kinderspital im belagerten Stadtteil. „Manchmal warten sie die ganze Nacht, und wenn sie dann kommen, ist es zu spät für die Kinder oder bleibende Schäden sind entstanden“, sagt Aya, Krankenschwester auf der Neugeborenenstation.

Krankenhäuser sind gefährliche Orte

Patienten in Ost-Aleppo bleiben generell nur so kurz wie möglich im Krankenhaus, da Krankenhäuser als gefährliche Orte gelten. Alle Spitäler wurden in 26 einzelnen Angriffen während der dreimonatigen Belagerung bombardiert. Auch der Druck auf medizinisches Personal und der Mangel an Krankenbetten tragen dazu bei, dass Patienten oft zu kurz im Krankenhaus bleiben. „Frühgeborene Babys brauchen oft eine längere Zeit in der Intensivstation, bevor sie entlassen werden können, aber manchmal haben wir nicht die Zeit, und so verlieren wir viele,“ sagt Najjar.

Seit der Belagerung werden die Medikamente rationiert, einige sind ausgegangen. „Hier in der Neonatologie und in der Notaufnahme sterben viele Kinder, weil keine Medikamente für sie da sind“ erklärt Aya.

Kinder mit weniger dringlichen medizinischen Beschwerden werden vernachlässigt. Laut medizinischem Personal in den von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Krankenhäusern hat aufgrund der Hunderten Menschen, die bei den Luftangriffen in den letzten Wochen verletzt wurden, allgemeine Kinderheilkunde keine Priorität.

Nach so vielen Jahren des Krieges ist die Durchimpfungsrate lückenhaft, und die Immunsysteme der Kinder sind geschwächt, was das Risiko eines Ausbruchs vermeidbarer Krankheiten wie Masern, Meningitis und Polio erhöht. Es gibt bereits Verdachtsfälle aller drei Krankheiten in Ost-Aleppo, aber sie konnten noch nicht bestätigt werden, da es nicht mehr möglich ist, Blutproben in ein Labor außerhalb der Stadt zu schicken.

Ärzte ohne Grenzen, Ärzte Woche 46/2016

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