zur Navigation zum Inhalt
© Moussa81
Mit süßen und fettigen Speisen trotzen wir dem Stress des Alltags. Helfen Multivitaminpräparate wirklich?
 
Gesundheitspolitik 14. November 2016

Nicht alles in den Mund stopfen!

Teller-Mythen. Mit VKI und Medizin-Transparent ist nicht gut Kirschen essen, wenn sie Halbwahrheiten und kuriosen Behauptungen über gesunde Ernährung auf der Spur sind. Ein neues Buch dient als Beleg für diese Aussage.

Ganz ehrlich, wenn Sie ein Wohlstandsbaucherl Ihr Eigen nennen, sollten Sie nur weiterlesen, wenn Sie es wirklich unbedingt wollen: Die VKI-Ernährungsratgeber um Bernd Kerschner kennen in ihrem Aufklärungsdrang keine Gnade. In ihrem neuen Nachschlagewerk „Ernährungs-Mythen“ wird die Beweislage zum Risikofaktor Bauchfett aufgedeckt. Die Frage: Ist Bauchfett gefährlich? Die Antwort: Möglicherweise ja.

Das „Möglicherweise“ ist nun kein typisch österreichisches Drücken vor einer klaren Aussage, sondern spiegelt die tatsächliche Studienlage wieder, die eben nicht eindeutig ist. Es gebe Hinweise, dass die Fettdepots im Bauch die Lebenserwartung senken, möglicherweise seien aber auch Personen gefährdet, die trotz erhöhtem Bauchumfang noch nicht übergewichtig sind, so die Autoren. Was jetzt für den p. t. Leser mit Bauchansatz auch keine schöne Nachricht ist, aber zumindest so eine Antwort darstellt, die so nah an die Wahrheit herankommt, wie es eben geht.

Und genau das ist auch der Ansatz – das Wort „Schmäh“ verbietet sich bei seriösen Forschern von selbst – der Wissensplattform www.medizin-transparent.at und von ihrem Leiter Prof. Dr. Gerald Gartlehner von der Donau-Uni Krems: „Es gibt viele Behauptungen, zu denen wir in den großen wissenschaftlichen Datenbanken keine Studien finden, zu denen wir nur sagen können, dass wir es nicht wissen.“ Fragen zur TCM gehören in diese Kategorie, aber nicht nur.

Laut Überlieferungen sollten Milchprodukte im Alter den Knochenbau stärken. Der Faktencheck zeigt jedoch: Wer 40 Jahre oder älter ist und viele Milchprodukte zu sich nimmt, scheint dadurch sein Risiko für altersbedingte Knochenbrüche nicht verringern zu können.

Halbwahrheiten und Gerüchte spielen bei kaum einem Gesundheitsthema eine größere Rolle als bei Ernährung und Nahrungsergänzung. Täglich wird man im Internet, in den Zeitungen und im Fernsehen mit Ernährungsratschlägen, Behauptungen zu sogenannten „Superfoods“, Warnungen vor Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder scheinbar krankheitsvorbeugenden Vitaminpräparaten konfrontiert. Was daran tatsächlich stimmt, ist oft nur schwer zu überprüfen. Was nicht an der Menge des Materials liegt.

Mehr als zwei Millionen medizinische Artikel erscheinen pro Jahr neu, in mehr als 25.000 medizinischen Fachzeitschriften. Eine Datenbankrecherche zu Ernährungsthemen ergibt rund 1,4 Millionen Studien. Suchmaschinen im Internet liefern für das Stichwort „Gesunde Ernährung“ vier Millionen Treffer.

„Aus dieser Informationsflut das beste verfügbare Wissen herauszufiltern, ist für Ärzte, Patienten und Politiker gleichzeitig Herausforderung und Chance. Unabhängige und wissenschaftlich gesicherte Fakten sind entscheidend für optimale gesundheitsrelevante Entscheidungen“, sagt die niederösterreichische Landeshauptmann-Stellvertreterin Mag. Johanna Mikl-Leitner (ÖVP).

Gesundheitsbezogene Aussagen, sogenannte „Health Claims“, dürfen von Unternehmen in der Werbung für Lebensmittel zwar nur mehr unter bestimmten Voraussetzungen verwendet werden (z. B. „Vitamin C trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei“). „Nichtsdestotrotz kommt es aber immer wieder zu Mythenbildung über vermeintliche Wirkungen von Lebensmitteln. Das zeigen auch Anfragen von Konsumentinnen und Konsumenten, die wir im Zuge unserer Tests und über unsere Plattform www.lebensmittel-check.at erhalten“, erläutert Mag. Dr. Rainer Spenger, Geschäftsführer des Vereins für Konsumenteninformation.

„Wissenschaftlich abgesicherte und von der Industrie unabhängige Informationen sind im Gesundheits- und Ernährungsbereich daher besonders wertvoll“, sagt Spenger. Viele Anfragen, die von Medizin-Transparent bearbeitet und vom VKI aufgegriffen werden, drehen sich ums Thema Milch. In der traditionellen chinesischen Medizin ist Milchkonsum bei Erkältung kritisch zu sehen, denn Milch verschleimt, sagt Gartlehner. Hintergrund: Forscher aus Neuseeland fanden heraus, dass ein bestimmtes Abbauprodukt der Milch im Darm befindliche Drüsen anregt. Beweise, dass diese Stoffe über die Blutbahn zur Lunge gelangen, fehlen.

Häufig werde auch gefragt, ob Milch wirklich Osteoporose vorbeuge. Im ersten Fall gebe es keine Studien – „und es wird sie wohl auch nie geben“ – im zweiten Fall, nach Prüfung der Evidenz, könne man diese Behauptung eindeutig verneinen. Sei die TCM ernst zu nehmen? „Das sind Erkenntnisse, die auf Erfahrungen basieren, vieles stimmt ganz sicher, bei den meisten Behauptungen ist die Situation aber so, dass wir nicht sicher sagen können, ob es stimmt oder nicht, weil es keine Studien dazu gibt.“

Als Konsument müsse man an die TCM genauso kritisch herangehen wie an die westliche Medizin und grundsätzlich wenig Vertrauen haben für Arzneien oder Präparate, für deren Wirkung es absolut keine wissenschaftlichen Belege gebe. Gartlehners Fazit: „Wichtig ist, dass wir überall die gleichen Maßstäbe anlegen.“

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 46/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben