zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 24. August 2005

Therapie sollte primäres Ziel der Pränataldiagnostik sein

„Primäres Ziel von Untersuchungen vor bzw. kurz nach der Geburt sollte stets die Therapie sein“, erklärte Prof. Dr. Andreas Lischka, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde der Kinderklinik Glanzing im Wilhelminenspital in Wien, bei einer Tagung in Wien mit dem Titel „Präpartales und postnatales Screening – Segen, sinnlos oder Selektion?“

Im Gegensatz zur Präimplantationsdiagnostik – die Untersuchung von Embryonen nach einer Befruchtung außerhalb des Mutterleibes – ist Pränatal- und Postnataldiagnostik in Österreich erlaubt und hat auch eine relativ lange Tradition. „Reihenuntersuchungen an Neugeborenen bieten die Chance, Krankheiten früh zu erkennen und zu therapieren und schwere gesundheitliche Folgen abzuwenden“, so Lischka. Als Beispiel nannte der Experte das Ende der 60-er Jahre eingeführte Neugeborenen-Screening, ein bundesweites Programm zur Früh-erkennung von behandelbaren Stoff-wechsel- und hormonellen Erkrankungen. Von 1966 bis 2000 wurden Blutproben von 2,9 Millionen Neugeborenen im Screening-Labor an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Wien auf sechs Erkrankungen untersucht. Bei mehr als 1.000 Kindern wurden behandelbare Erkrankungen wie Schilddrüsenunterfunktion oder Cystische Fibrose festgestellt.

Ab 2002 konnte durch ein neues Verfahren das Untersuchungsprogramm auf insgesamt 23 Krankheiten bzw. Krankheitsgruppen er-weitert werden. Von April 2002 bis Februar 2004 wurden knapp 160.000 Neugeborene untersucht, so die bei der Tagung in Wien präsentierte Bilanz. Bei 866 Kindern fand sich ein auffälliger Befund in der ersten Screeningkarte, bei 42 Kindern wurde bei der Kontrolle dann tatsächlich eine Erkrankung diagnostiziert. Mit der Einführung gentechnischer Methoden in Diagnose und Therapie sind Prä- und Postnatal-diagnostik ins Gerede gekommen. So könnten durch Gen-Screenings bereits im Mutterleib Wunschbabys ausgewählt werden. Die Erfassung von möglichen Defekten öffne aber auch missbräuchlichen Verwendungen der Daten Tür und Tor. Wenngleich Missbrauch nicht völlig aus-zuschließen sei, warnt Lischka davor, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Er plädiert für eine ent-sprechende Gesetzgebung, bei der etwa nur Krankheiten aufgespürt werden dürfen, für die es auch eine Therapie gibt.

Im Sinne der Vorsorge

Aber auch abseits von Gentechnik-Diskussionen ist derzeit nicht alles so, wie es sein sollte. So bemängeln die Forscher, dass Hör-, Nieren- oder Hüftscreening bei Neugeborenen in vielen Spitälern zwar als Vorsorgeuntersuchungen angeboten, von der öffentlichen Hand aber nicht honoriert würden. Für Lischka ist dies der falsche Ansatz für eine moderne Gesundheitspolitik: „Wenn ich Kosten sparen will, muss ich in Richtung Prävention gehen.“ Das Screening auf mögliche Erkrankungen des Fötus und von Neugeborenen, die auch therapierbar sind, stelle eine klassische Vorsorgeuntersuchung dar, auf die Kinder ebenso wie Erwachsene ein Anrecht haben sollten.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben