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Gesundheitspolitik 29. November 2005

Ein psycho-soziales Netz für Jugendliche

Für Minderjährige mit psychiatrischen Krankheiten und psychosozialen Problemen ist eine vernetzte Betreuung mit Einbindung der Hausärzte erstrebenswert. Damit ließe sich ein Drehtüreffekt am ehesten vermeiden.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie hat in Österreich eine vergleichsweise kurze Geschichte. So wurden in Linz eine Station und eine Ambulanz erst vor 20 Jahren eröffnet, eine zweite Abteilung (für Jugendpsychiatrie) kam 2001 hinzu. „Es gibt ca. 70 Fachärzte dieser Richtung, viele haben als Schwerpunkt Neurologie. Mit der anstehenden Novelle des Ärztegesetzes soll Kinder- und Jugendpsychiatrie zu einer eigenständigen Ausbildung werden“, berichtet Dr. Werner Leixnering, Leiter der Jugendpsychiatrie der Linzer Landesnervenklinik. In anderen Ländern hat dieses Fach eine viel längere Tradition und ist im Gesundheitswesen stärker verankert.

Spezifische Jugendprobleme

Europaweit ist es für Jugendliche derzeit oft schwierig, in die Arbeitswelt einzusteigen oder in Bezug auf den Wohnraum auf eigenständigen Füßen zu stehen. „Noch schwieriger ist dieser Prozess für Jugendliche mit psychosozialen Problemen oder psychiatrischen Krankheiten“, so Leixnering. Laut internationalen Standards sollte es pro 100.000 Einwohnern mindestens sieben stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Einheiten geben. „Mehr als die Hälfte der Jugendlichen würden nach der Entlassung eine intensive Begleitung und Unterstützung brauchen, vor allem hinsichtlich Arbeit und Wohnraum“, unterstreicht Leixnering. Sozialpädagogische Institutionen, wo „solche“ Jugendlichen bisher hauptsächlich betreut werden, seien mit den psychosozialen und psychiatrischen Problemstellungen zunehmend überfordert.

Konzept gegen Drehtüreffekt

Manchmal kommt es zum Drehtüreffekt: Jugendliche kommen aus ambulanter oder stationärer psychiatrischer Betreuung, finden keine adäquate Unterstützung und kehren mit teils noch massiveren Problemen in die Psychiatrie zurück. „Wichtig ist sowohl die Phase vor als auch nach der Aufnahme, in der vernetztes Agieren besonders wichtig ist“, betont Leixnering. Vor einer Einweisung sollten zunächst alle unterstützenden und therapeutischen Ressourcen vor Ort genutzt werden, die im Bedarfsfall einen jugendpsychiatrischen Konsiliardienst zuziehen können. Auch dann ist vor einem stationären Aufenthalt die ambulante Betreuung zu überlegen oder zumindest die Form einer Tagesklinik; eine solche soll in Linz demnächst dazukommen. Auch niedergelassene Ärzte für Allgemeinmedizin sind in diesem Vorfeld wichtige Partner. Dies gilt für Leixnering auch in der Phase der Rehabilitation, „die oft zu kurz kommt“: „Als Teil eines multiprofessionellen Helferkreises vor Ort und als Brückenbauer zwischen Patienten und der Familie ist die Kompetenz von Hausärzten gefragt. Sie können auch viel zur Entstigmatisierung beitragen.“ Vielen dieser Jugendlichen wird vorgeworfen, sie seien bloß Tachinierer und zu faul, um zu arbeiten oder Verantwortung zu übernehmen. „Es geht dabei um Aufklärungs- und Unterstützungsarbeit für das gesamte soziale Umfeld“, so Leixnering, „zu der auch Ärzte maßgeblich beitragen können.“ Mittlerweile gibt es in Österreich einige Projekte, die sich auf die Zielgruppe Jugendliche mit psychiatrischen und psychosozialen Schwierigkeiten spezialisiert haben. Die meisten Aktivitäten befinden sich noch in der Aufbauphase, was auch für die Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit gilt.

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