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Gesundheitspolitik 24. August 2005

„Gesundheit ist ein hohes Gut, aber keine Ware“

Beim Internisten-Kongress in Wien absolvierte auch der Berufsverband seine jährliche Sitzung. Die gesundheitspolitischen Strömungen geben Anlass zur Sorge, so der Tenor.

Dr. Alfred Ferlitsch übernahm bei der Sitzung des Berufsverbandes der Österreichischen Internisten (BÖI) am 17. September die Präsidentschaft für ein Jahr. Der niedergelassene Internist aus Spittal an der Drau zählt seit seiner Ordinationsgründung 1979 zum engeren Kreis des BÖI, ist seit 10 Jahren Fachgruppenobmann für Innere Medizin in Kärnten und hatte in den letzten Jahren auch das Amt des stellvertretenden Bundesfachgruppenobmanns inne.

Sie verfügen über einen reichen standespolitischen Erfahrungsschatz. Was werden die Schwerpunkte Ihrer Arbeit sein?
Ferlitsch: Die Schwerpunkte meiner Aufgaben als Präsident ergeben sich aus der tagespolitischen Standespolitik, die immer mehr geprägt ist von Gesundheitsreformen, die sich in erster Linie an betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten orientieren. Eine Reform soll aber eine positive Weiterentwicklung und – im Falle der Medizin – auch unbedingt patientengerecht sein. Vordringlichste Aufgabe des BÖI-Präsidenten ist, sich für die Interessen aller Internisten einzusetzen: die Turnusärzte in Facharztausbildung, die Fachärzte im Spital und im niedergelassenen Bereich. Unerlässlich ist dabei die gute Zusammenarbeit mit der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin, der österreichischen Ärztekammer und den Landesärztekammern.

Stichwort „Freie Ordinationen“. Wohin führt der standespolitische Weg der niedergelassenen Internisten?
Ferlitsch: Besonders erfreulich ist, dass zum ersten Mal im Rahmen der Jahrestagung der ÖGIM ein ganzer Vormittag der Standespolitik mit dem Thema „Quo vadis, Innere Medizin?“ gewidmet war. Es ist wichtig, dass die Betroffenen selbst über neue Wege und die Weiterentwicklung ihres Fachgebietes nachdenken, um sich nicht immer von Reformern in ein betriebswirtschaftliches Korsett pressen zu lassen.
Gerade die derzeitige Diskussion über Gesundheitsagenturen muss durch die Fachärzte mit „gleicher Sprache“ geführt werden. Von der Einführung der Staatsmedizin sind alle Fachgruppen bedroht. Bundes- und Landesgesundheitsagenturen würden nicht nur die bisherigen Krankenhausfonds ersetzen, sondern auch die Krankenkassen, die nur noch Geld abliefern dürfen. Gesundheitsagenturen würden Verrechnungsabkommen mit Spitälern und niedergelassenen Ärzten abschließen und damit den Preis für jede ärztliche Leistung diktieren können. Wir alle sind aufgerufen, Mittel und Wege zu finden, um diese Fehlentwicklung zu verhindern.

Das Modell der Gruppenpraxis wird von der Kollegenschaft nicht wirklich angenommen. Woran liegt das?
Ferlitsch: Wir sollten daran arbeiten, Versorgungsalternativen im niedergelassenen Bereich zu schaffen. Dass die Gruppenpraxis nur zögerlich angenommen wird, ist nicht auf fehlende Modelle oder Ideen zurückzuführen, sondern vor allem auf die fehlenden Mittel. In erster Linie dafür verantwortlich sind die noch einschneidenderen Untersuchungslimits und die Tarifgestaltung im Kassenvertrag. Die Entwicklung sollte in Richtung zeitgemäßer, patientennaher Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mehrerer Ärzte gehen. Betriebsformen müssen dafür gefunden werden; diese dürfen jedoch nicht in die Hände von arztfremden Berufsgruppen geraten. Gesundheit ist ein hohes Gut, aber sie ist keine Ware. Ärzte sind keine Anbieter, und Patienten keine Kunden. Die medizinische Versorgung darf nicht auf eine Dienstleistung allein reduziert werden. Vor allem soll man nicht alles ärztliche Handeln in Begriffe der Betriebswirtschaft pressen.

Dr. Sabine Schneider, Ärzte Woche 33/2004

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