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Perfekt getarnt und spät erkannt: Rheuma versteck sich hinter Hunderten verschiedenen Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates.
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Drei Rheuma-Ratgeber und ein Patient: Pongratz, Hagenauer, Marhold mit Betroffenem Patzold (2.v.r.) von „ai“.

 
Gesundheitspolitik 21. Oktober 2016

Ärzte überweisen zu zögerlich

Rheuma. Rheumatismus ist eine Krankheit mit vielen Gesichtern. Vermutlich ist das ein Grund dafür, warum es oft viel zu lange dauert, bis Patienten dorthin kommen, wo wirksame Behandlungen möglich wären.

Rund zwei Millionen Österreicher leiden unter Rheuma. Mit dem Sammelbegriff werden allerdings mehr als 400 einzelne Krankheitsbilder zusammengefasst. Die Arthritis zählt ebenso dazu wie die Arthrose oder der Tennisarm. Nicht weniger als 215 Millionen Euro werden von den Krankenkassen jedes Jahr alleine für Medikamente gegen rheumatoide Erkrankungen ausgegeben. Vor dem Hintergrund diesen Zahlen scheint es nur zu verständlich, dass sich der Hauptverband der Sozialversicherungsträger im siebten Band seiner Ratgeberreihe „Gesund werden. Gesund bleiben“, dem Rheuma widmet.

„Lange als Krankheit sträflich unterschätzt, begann sich der Stellenwert von Rheuma innerhalb der Medizin erst im Laufe der vergangenen Jahrzehnte langsam zu wandeln“, sagt Prof. Dr. Klaus Machold, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation (ÖGR). „Seit 30 Jahren beschäftige ich mich nun intensiv mit dem Thema. Immerhin haben wir es seither schon aus einem Randbezirk der Medizin – irgendwo angesiedelt zwischen Orthopädie und physikalischer Medizin – in einen Bereich geschafft, wo wir sehr viele Mittel aufwenden können und das auch müssen.“ Denn viele der Erkrankungen seien chronisch, bräuchten eine lebenslange Medikation und Therapie, um die Lebensqualität, idealerweise auch die Arbeitsfähigkeit der Patienten, so lange wie möglich zu erhalten.

Früher sei Rheuma ein sehr undifferenzierter Begriff gewesen, der lediglich den fließenden Schmerz am Bewegungsapparat bezeichnet hat, meint Prim. Dr. Reinhold Pongratz, Ärztlicher Leiter der Steirischen Gebietskrankenkasse: „Mittlerweile hat sich unser Wissen aber enorm erweitert und ausdifferenziert.“ Entsprechend vielfältig sei das „sehr wirksame medikamentöse Instrumentarium, das wir inzwischen in der Hand haben. Unsere Schatzkiste hat sich in den letzten Jahren hier massiv erweitert.“ Diese reicht von Analgetika über nicht-steroidale Antirheumatika, Glukokortikoide oder DMARDs (Anm.: Disease Modifying Antirheumatic Drugs) bis hin zu Immunsuppressiva, modernen Biologika und „Small Molecules“.

Das evidenzbasierte Wissen über Diagnose- und Therapieoptionen inklusive Medikationsportfolio beschränke sich aber immer noch häufig auf die viel zu kleine Gruppe der Rheumatologen, ergänzt Machold. Bei den Patienten, aber auch bei vielen praktischen Ärzten, wäre dieses Wissen noch nicht angekommen, weil die dafür notwendige Erfahrung fehlen würde. Darum richte sich der neue Ratgeber, für den sowohl Pongratz als auch Machold als Co-Autoren mit verantwortlich zeichnen, sowohl an Patienten als auch an deren betreuende Ärzte, die in den allermeisten Fällen als erste mit der Krankheit konfrontiert werden.

Lückenhaftes Versorgungsangebot

Das Fachwissen liegt in Österreich heute also in den Händen einer sehr überschaubaren Menge von etwa 200 Fachärzten für Rheumatologie, die sich auf weniger als 30 Rheumaambulanzen und 20 niedergelassene Fachpraxen aufteilen. Geht man davon aus, dass von den rund zwei Millionen Betroffenen bis zu 300.000 eine therapeutische Begleitung durch Spezialisten benötigen würden, ist dieses Angebot bescheiden. Entsprechend lang sind vielerorts die Wartezeiten auf einen Termin.

Vergleichsweise gut stellt sich die Versorgungssituation in Wien und Oberösterreich dar. Hier wurde ein System etabliert, dass es Patienten ermöglicht, ohne Anmeldung oder Überweisung jederzeit zu einer Erstbegutachtung in die Ambulanz zu kommen.

Entscheidend für jeden Therapieerfolg ist eine möglichst frühzeitige Diagnose. Idealerweise sollte daher innerhalb von drei Monaten nach dem ersten Auftreten von Symptomen mit der Behandlung begonnen werden. Das gelingt in Österreich allerdings nur in einem Drittel aller Fälle, wie eine internationale Studie festgestellt hat.

Die Studienautoren von „Delays in assessment of patients with rheumatoid arthritis: variations across Europe“, erschienen in dem Fachblatt Annals of the Rheumatic Diseases (DOI: 10.1136/ard.2011.151902), haben anhand von zehn Rheumazentren in acht europäischen Ländern untersucht und verglichen, wie lange es dauert, bis Patienten, die an rheumatoider Arthritis leiden, beim Spezialisten ankommen, um eine fundierte Diagnose inklusive Therapievorschlag zu erhalten.

Wien als Österreichs Vertreter in der Studie schneidet dabei insgesamt nicht schlecht ab. Während europaweit durchschnittlich 24 Wochen vergehen, waren es in Wien nur 16. Immerhin 38 Prozent der Patienten schafften es innerhalb der 3-Monats-Frist bis in die Spezialambulanz. Nur Stockholm war mit 42 Prozent noch besser.

Ausschlaggebend für das gute Abschneiden sind im Wesentlichen zwei Faktoren: Die Spanne zwischen dem Auftreten der ersten Beschwerden und der ersten Arztkonsultation, meist beim praktischen Arzt, war mit weniger als drei Wochen extrem kurz. In Berlin waren es etwa vier Wochen, in Zürich neun und in Heraklion (Griechenland) gar 34. Aufgrund des freien Zugangs zur Ambulanz war außerdem die Zeitspanne zwischen Kontaktaufnahme und tatsächlicher Untersuchung in der Ambulanz kürzer als überall sonst. Am längsten dauerte das übrigens in Berlin, wo nicht weniger als elf Wochen dazwischen lagen.

Wir lassen Zeit liegen

Die Studie wies aber auch ein großes Manko im heimischen System nach: Nirgendwo sonst vergeht mehr Zeit zwischen dem Erstkontakt beim Allgemeinmediziner und einer Kontaktaufnahme mit dem Spezialisten (durchschnittlich acht Wochen). Hier geht wertvolle Zeit verloren, in der längst eine wirkungsvolle Therapie beginnen könnte. Deutschen und Schweizer Patienten ergeht es auch nicht besser, ganz im Gegensatz zu jenen in Stockholm oder Birmingham, wo sie innerhalb von zwei Wochen einem Spezialisten zugewiesen werden.

„Die praktischen Ärzte in Wien haben offensichtlich eine lange ‚Überlegensdauer‘, ob sie einen Patienten in die Ambulanz schicken“, sieht Machold an dieser Schnittstelle noch viel Optimierungspotenzial: „Mein Appell an die praktischen Ärzte: Schickt die Leute bitte so rasch wie möglich zu uns!“ Pongratz meint hier allerdings doch eine zunehmende Sensibilisierung der praktischen Ärzte feststellen zu können: „Das Interesse und auch die Bereitschaft etwas zu tun sind in den letzten Jahren enorm gewachsen. Wir machen inzwischen viele Schulungen, die extrem gut besucht sind.“ Im Vorjahr nahmen allein in der Steiermark über 100 niedergelassene Ärzte an einer solchen Schulung teil.

 

Volkmar Weilguni

, Ärzte Woche 43/2016

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