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Jonathan Silverman
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Pamela RendiWagner
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Gerald Bachinger
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Gesundheitspolitik 21. Oktober 2016

Sag’ kein Wort

Zuhören. Medizinstudenten in Cambridge lernen viel über Kommunikation. Wichtigste Regel: Unterbrich deine Patienten nie während der ersten Minute. Über eine neue Gesprächskultur wird auch hierzulande nachgedacht.

Sprechen Sie Gesundheit? Mit dieser – zumindest grammatikalisch originellen – Frage konfrontierte die 2013 entstandene Initiative ÖPGK – Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz – internationale Referenten und ein dicht besetztes Auditorium auf ihrer diesjährigen Konferenz. Das Thema Kommunikation, als einer der wesentlichen Treiber für die Verbesserung der Gesundheitskompetenz, steht 2016 im Zentrum der ÖPGK-Aktivitäten.

Prof. Dr. David Klemperer von der Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Technischen Hochschule Regensburg meinte: „Patienten sollen die Möglichkeit erhalten, ihr eigenes Urteil darüber zu treffen, ob sie – nach Abwägen von Nutzen und Schäden – die entsprechende Leistung in Anspruch nehmen möchten oder nicht.“ Dafür würden sie evidenzbasierte Informationen zu patientenrelevanten Behandlungsergebnissen ebenso benötigen wie die Möglichkeit zu einem offenen, verständlichen Gespräch auf Augenhöhe. Sein „New Culture“-Modell beschreibt Klemperer so: „Arzt und Patient sind Partner, die in einem von Evidenz und Werten geprägten Entscheidungsfindungsprozess dem ‚Shared Decision Making‘-Prinzip folgen.“ Der Grundsatz laute: „Patient knows best“. Die vom Arzt angebotenen Informationen orientieren sich an den Patientenbedürfnissen. Alles in allem sei dieses „New Culture“-Modell der Patientenautonomie verpflichtet. Demgegenüber stellte Klemperer das im klinischen Alltag weit verbreitete, auf die Autonomie des Arztes abzielende „Old School“-Modell, basierend auf dem Prinzip des Paternalismus („Doctor knows best“), eigener Erfahrung und anekdotischer Evidenz. Für die Verbesserung der Entscheidungsqualität in der Medizin seien Verhaltensänderung auf allen Seiten nötig.

Volkmar Weilguni

Gute Kommunikation kann man lernen

Jonathan Silverman erforscht und lehrt seit Jahrzehnten Bedeutung, Muster und Anforderungen eines guten Arzt-Patienten-Gesprächs. Kommunikationskompetenz hält er dabei neben dem Fachwissen, technischen Skills und Problemlösungskompetenz für eine „zentrale klinische Fähigkeit des Arztes“. Diese werde einem aber nicht in die Wiege gelegt, man müsse sie lernen.

Das tun die Medizin-Studierenden an der altehrwürdigen Cambridge-University in einer Intensität, die wir hierzulande bisher nicht kennen, auch wenn die MedUni Wien zuletzt auch verstärkt in diese Richtung geht. In Cambridge jedenfalls sind Kommunikationstrainings längst integrativer Bestandteil im Ausbildungs-Curriculum. Alle fünf bis sechs Wochen werde ein halber Unterrichtstag ausschließlich diesem Thema gewidmet, berichtete Silverman, über die gesamte Studiendauer hinweg. Wer die Abschussprüfung nicht besteht, müsse das gesamte letzte Studienjahr wiederholen.

Das Training umfasst sowohl theoretisches Wissen als auch praktische Übungseinheiten mit Schauspielpatienten, Videoanalysen etc. Es unterteilt das Arzt-Patienten-Gespräch in unterschiedliche Phasen. Nach der Gesprächseröffnung komme dem Sammeln und Einholen relevanter Informationen besonders große Bedeutung zu, meinte Silverman: „Zuhören ist dabei oberstes Gebot. Alle Studenten in Cambridge werden darin geschult, den Patienten innerhalb der ersten Minute keinesfalls zu unterbrechen.“ Dafür müsse selbst in der Hektik des klinischen Alltags Zeit sein. Die Investition käme später nämlich gleich mehrfach zurück, ist Silverman überzeugt: „Wenn man sich als Arzt nach dem Befinden erkundigt, erzählen die Menschen einem ja etwas. Und genau das liefert Hinweise auf ihre Persönlichkeit. Es ist ein Wissen, dass die Gesprächszeit insgesamt um bis zu zehn Prozent reduziert.“ In einem späteren Gesprächsstadium, wenn es um das Informieren und Planen möglicher Therapieoptionen geht, sollten Patienten immer wieder aufgefordert werden, das Gehörte zu wiederholen. „Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass auf diese Weise der Informationsaustausch um 30 Prozent effizienter wird“, berichtete Silverman, der in der Interaktion den „Schlüssel zum Erfolg“ jeder Arzt-Patienten-Kommunikation sieht.

Dr. Jonathan Silverman, University of Cambridge, President of the European Association for Communication in Healthcare

Die Ärzte sind offen für einen Kulturwandel

Ausgangspunkt für die Gründung der Plattform Gesundheitskompetenz und deren intensiver Beschäftigung mit dem Thema Kommunikation sei nicht zuletzt das alarmierende Ergebnisse einer europäischen Vergleichsstudie gewesen, berichtete Pamela Rendi-Wagner. Die Studie, die bereits vor fünf Jahren publiziert wurde, attestierte den Österreichern eine unzureichende Gesundheitskompetenz, fasste Rendi-Wagner zusammen: „Mehr als die Hälfte aller Österreicher haben Schwierigkeiten, die für sie relevanten Informationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und – am wichtigsten –, diese Informationen entsprechend einzusetzen, um auf dieser Basis gute medizinische Entscheidungen zu treffen.“ In dem Vergleich schnitt lediglich Bulgarien noch schlechter ab, während die Niederlande ganz vorne zu finden waren.

Es sei daher kein Zufall gewesen, so Rendi-Wagner, dass jenes Rahmengesundheitsziel, das sich diesem Thema widmet (Ziel 3: „Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stärken“), priorisiert wurde. Eine der ersten Maßnahmen sei dann eben die Schaffung einer Plattform gewesen, die das Ziel verfolgt, „die vielen unterschiedlichen Akteure zu koordinieren und zu vernetzen, den Erfahrungsaustausch zu fördern und Evidenz aufzubauen.“

Als eine weitere Initiative nannte Rendi-Wagner ein Projekt zur Verbesserung der Gesprächskultur im Spital. „Hier gibt es Handlungsbedarf, dem haben wir uns gestellt“, erläuterte Rendi-Wagner die Motivation der Systempartner, die eine extern erstellte Strategie erst vor Kurzem abgesegnet und in Umsetzung geschickt hatten. In einem nächsten Schritt gehe es jetzt darum, die Berufsgruppen und Patientenvertretungen mit ins Boot zu holen. „Das wird nicht leicht“, weiß Rendi-Wagner. „Es geht um einen Kulturwandel. So etwas braucht nicht nur Zeit, sondern auch ein Commitment aller Stakeholder, sich aktiv einzubringen.“ Das Commitment der Politik sei jedenfalls schon einmal da, nun gelte es, die Bereitschaft aller Berufsgruppen einzuholen, „sich an diesem Prozess konstruktiv zu beteiligen. Mit den Ärzten haben wir uns schon intensiv auseinandergesetzt. Hier orte ich positive Signale.“ In einem nächsten Schritt soll die Verbesserung der Gesprächskultur dann auch Thema des niedergelassenen Bereichs werden.

Dr. Pamela Rendi-Wagner, Sektionsleiterin für Öffentliche Gesundheit, BMGF, Vorsitzende des Kern-Teams der ÖPGK

Miserable Gesprächsqualität stört die Patienten enorm

„Wer einen Blick auf die Beschwerdestatistik aller Patientenanwaltschaften in Österreich der letzten zehn Jahre wirft, wird feststellen, dass lediglich ein Viertel aller Beschwerden in den Bereich medizinischer Behandlungsfehler fallen, der weitaus größere Anteil betrifft die mangelnde Kommunikation bzw. miserable Gesprächsqualität“, berichtete Gerald Bachinger. In den persönlichen Gesprächen mit betroffenen Patienten zeige sich „viel Verständnis der Patienten, dass in hochkomplexen Einrichtungen des Gesundheitswesens immer wieder Fehler und Schadensfälle passieren können“. Wenn dann allerdings die Kommunikation darüber auch nicht funktionieren würde, dann wäre bei vielen Patienten der „berühmte Tropfen erreicht, der dann eben das Fass zum Überlaufen bringt“.

Laut Bachinger gelte es, drei Typen von Patienten zu unterscheiden: Neben den autonomen Patienten, die die Fäden gerne in den eigenen Händen haben, und jenen, die eine paternalistische Auffassung vertreten, also bevorzugt dem Arzt die Entscheidung überlassen, nehme der Anteil derer, die „an einer gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung interessiert sind“, stetig zu. Laut internationalen Studien würden inzwischen mehr als die Hälfte aller Patienten dieses partnerschaftliche Modell präferieren. Aber grundsätzlich müssten natürlich alle drei Typen gleichermaßen respektiert werden. Gute Kommunikation habe in diesem Sinne zu bedeuten, so Bachinger, auf den jeweiligen Typ einzugehen und das Art-Patienten-Gespräch entsprechend darauf auszurichten. Was davon unabhängig aber immer zu berücksichtigen ist, sei die „subjektive Lebenswelt der Patienten“.

Auf Basis vieler Gespräche und Erfahrungen hat Bachinger fünf „einfache Punkte“ herausgefiltert, die, werden sie von den Ärzten entsprechend beachtet, „die Patientenzufriedenheit – und im weiteren Sinne auch die Patientensicherheit – massiv verbessern könnten“:

- Fachchinesisch vermeiden;

- Unwesentliche Details weglassen;

- Akronyme (zum Beispiel MI, TEWEB oder PHC) vermeiden

- „Teach back“-Methoden verwenden (das aktive Überprüfen, ob die Information verstanden wurde);

- Bilder und digitale Medien als Hilfsmittel verwenden (ohne den direkten Augenkontakt zu vernachlässigen).

Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte

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