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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Das Recht auf Unvollkommenheit bewahren

Gendiagnostik ist in der Medizin bereits unumgängliche Realität

Die Auswirkungen der Gentechnologie auf die medizinische Diagnostik und Therapie standen im Mittelpunkt der diesjährigen Alpbacher Gesundheits-gespräche Ende August.

Der Arzt und Theologe Prof. DDr. Johannes Huber – auch Vorsitzender der Bioethikkommission – warnte bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen davor, dass es künftig zwei Arten von Klinikern geben könnte: Die, die sich in der Genomdiagnostik auskennen, und die, die es nicht tun. „Alle beginnen jetzt an derselben Startlinie: Professoren ebenso wie der jüngste Assistenzarzt von links“, betonte Huber. „Die Genommedizin kann zu Kompetenzunterschieden führen, und das ist ein Problem, das auch ethisch werden könnte.“ Eines stehe für ihn aber außer Streit: Dass die Molekulardiagnostik der ganzen Medizin, also allen Disziplinen gehöre. Die unterschiedlichen Einsatzgebiete werfen jedoch auch sehr divergierende ethische Fragen und Kosten-Nutzen-Bewertungen auf. „Man muss unterscheiden, ob man sie pränatal oder nach der Geburt, zur Feststellung einer Veranlagung für eine Erkrankung oder zur Diagnose einer Erkrankung verwendet“, meinte der Grazer Pathologe, Prof. Dr. Kurt Zatloukal. Er ist gerade am Aufbau einer Gewebedatenbank mit drei Millionen Proben zur Erforschung der molekularen Basis für Krankheiten beteiligt. Die Früherkennung und Prävention von Erkrankungen sei bereits ein wichtiges Forschungsgebiet der Genomik, betonte Prof. Dr. Christine Mannhalter, Leiterin des Klinischen Institutes für Medizinische und Chemische Labordiagnostik in Wien. Gesucht wird dabei nach häufigen Genveränderungen (Polymorphismen). Das Problem: An manchen Krankheiten sind bis zu hundert Gene beteiligt. „Wir kennen derzeit rund vier Millionen solcher Polymorphismen beim Menschen. In Zukunft werden wir mehrere solcher Genvarianten untersuchen müssen“, sagte Mannhalter.

Krankheitsrisiko herabsetzen

Wie wichtig diese „systemische Betrachtungsweise“ ist, zeigt das Beispiel einer Mutation im Gen für den Blutgerinnungsfaktor V (Faktor-V-Leiden Polymorphismus), der zu einer erhöhten Thromboseneigung führt. Ein erhöhtes Schlaganfallrisiko zeigt sich jedoch nur bei jungen Genträgerinnen, die auch rauchen. Das bedeutet laut Mannhalter: „Träger von Mutationen können durch Minimierung exogener Faktoren ihr Erkrankungsrisiko herabsetzen.“ Darum werde die Gendiagnostik auch für eine gezielte Prävention und Gesundheitsvorsorge in Zukunft von größter Bedeutung sein. Aber auch für die medikamentöse Therapie wird das genetische Risikoprofil immer wichtiger werden. In fünf bis acht Jahren, schätzt Mannhalter, werde es möglich sein, Patienten zu identifizieren, die auf bestimmte Medikamente mit schweren Nebenwirkungen reagieren oder bei denen sie besonders gut wirken. Das ist auch schon Realität: Polnische Wissenschafter haben herausgefunden, dass es Mutationsträger eines bestimmten Blutgerinnungsfaktors gibt, bei denen Aspirin als Thromboseprophylaxe besser wirkt. „Damit könnte erklärt sein, warum etwa 30 Prozent der Bevölkerung eine Aspirinresistenz haben“, so Mannhalter. So ist es ein durchaus realistisches Szenario, dass in weniger als zehn Jahren jedes Kind bei der Geburt einen Pass mit seinem genetischen Risikoprofil erhält. Dabei treten natürlich viele rechtliche und auch ethische Fragen auf. Vor allem dann, wenn es um Diagnosen(-wahrscheinlichkeiten) geht, für die es noch keine Therapien gibt. Der evangelische Theologe Prof. Dr. Ulrich Körtner stellte jedoch dazu fest: „Egal, ob es uns passt oder nicht. Wir werden uns in Zukunft mit unserem Genom wie mit unserer Blutgruppe auseinander setzen müssen.“ Aufgabe der Ethik in der Medizin sei es aber in jedem Fall, das Recht auf Unvollkommenheit zu verteidigen. Denn sonst werde die Welt inhuman, betonte er. Man sollte aber auch diskutieren, ob es nicht genauso ein Recht auf Nichtwissen gebe.

Gefahr der Rassenmedizin

Der Theologe warnte explizit vor den Gefahren einer neuen „Rassenmedizin“. Bereits jetzt habe man Informationen, dass bestimmte Medikamente bei Angehörigen bestimmter ethnischer Gruppen schlechter oder besser wirken als bei anderen. Es müsse ausreichenden Schutz geben, um neue Formen der Diskriminierung zu verhindern, betonte Körtner. Das Problem sie jedoch nur international lösbar. Bereits jetzt gebe es Möglichkeiten der Gentestung im Internet, die sich jeder (Qualitäts-)Kontrolle entziehen. Huber wehrt sich aber dezidiert dagegen, dass in der Genomdiskussion der Medizin der Schwarze Peter zugeschoben werde: „Wir sind auf dem Holzweg, wenn wir die tollen Instrumente verbieten wollen, nur weil sie die Gesellschaft missbraucht.“ Das Problem sei nicht das Genom, sondern die conditio humana, die menschliche Seele.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 30/2004

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