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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Missbrauch retardierter Morphine rückläufig

Die aktuellen Ergebnisse einer Analyse rückgetauschter Spritzen in Wien sprechen gegen die Vermutung, dass die intravenöse Applikation retardierter Morphine zunimmt.

Der Beitrag „Moderne Therapiekonzepte für Drogenabhängige im Schussfeld“ (ÄRZTE WOCHE Nr. 28 vom 5.8., S. 1 und 2) befasste sich unter anderem mit Vorbehalten von Ärzten gegenüber der Substitutions-Therapie. Auch Befürchtungen hinsichtlich einer Zunahme des Missbrauchs retardierter Morphine wurden geäußert. In welchem Ausmaß dies der Fall ist, kann niemand zuverlässig belegen. Anhaltspunkte dafür liefert – wie berichtet – eine Analyse rückgetauschter Spritzen durch Dr. Johann Haltmayer, Ärztlicher Leiter des Ambulatorium Ganslwirt, Verein Wiener Sozialprojekte, gemeinsam mit Prof. Dr. Rainer Schmid, Klin. Institut für Med. und Chem. Labordiagnsotik im AKH-Wien. Analysiert wurden erstmals für das Jahr 1998 753 Proben von sieben Tagen mit folgendem Ergebnis: 17% der Spritzen enthielten Reste von Heroin und in 37% der Spritzen wurde reines Morphin von Substitutions- oder Schmerzmitteln festgestellt. Nun liegen die Ergebnisse der Analyse für 2002 vor: Ein Rückgang von 37 Prozent 1998 auf 24 Prozent 2002. „Die von Kritikern geäußerte Annahme, dass der Morphinanteil weiter steigen werde, trifft demnach nicht zu“, kommentiert Haltmayer. In der neuen Analyse wurde die Gesamtmenge der Verordnungen von retardiertem Morphin, die sich von 1998 auf 2002 verdoppelt hat, in Bezug zu der in rückgetauschten Spritzen gefundenen Menge an Morphin gesetzt. Haltmayer: „Die Gesamtmenge an intravenös konsumiertem Morphin ist deutlich zurück gegangen, obwohl die Verordnungsmenge zugenommen hat. Die Annahme, je mehr retardiertes Morphin verfügbar ist, desto mehr wird missbräuchlich verwendet, stimmt nicht. Bessere Daten kenne ich nicht. Ich erkläre mir unsere Ergebnisse so, dass es einen gewissen Anteil an Personen gibt, die intravenös konsumieren. Dieser Anteil scheint relativ gleich zu bleiben, unabhängig vom Angebot.“ Die orale Substitutions-Therapie ist für Haltmayer „ein Meilenstein in der Behandlung Drogenabhängiger“. Die Entwöhnung als Hauptziel der Substitution sei allerdings „überholt“. Das Gros der Patienten erfülle nicht die dafür notwendigen Voraussetzungen. „Solange es keine besseren Möglichkeiten gibt, ist die Substitution in vielen Fällen eine lebenslange Therapie“, so Haltmayer. „Die Suchterkrankung als solche verändert sich dadurch nicht. Das Herausführen aus der Kriminalisierung ist der maßgebliche Aspekt dieser Betreuung.“ Haltmayer plädiert dafür, für die Gruppe der intravenösen Konsumenten ein Angebot zu schaffen. Eine Möglichkeit sei die Diversifikation der Applikationsform, wie beispielsweise in der Schweiz. Dort hat der Patient die Wahl zwischen Schlucken, Rauchen, durch die Nase sniffen oder intervenöser Applikation, die in Absprache mit dem betreuenden Arzt erfolgt. „Diese Möglichkeit ist fachlich zu diskutieren und eine Notwendigkeit für die nähere Zukunft“, so Haltmayer. „Wir behandeln ja auch nicht alle Formen der Pneumonie oral.“ Durch rein repressive Maßnahmen, wie eine Erschwerung des Zugangs, sei das Problem nicht zu lösen. Dadurch käme es nur zu einer Verschiebung bei der Wahl der Substanzen, möglicherweise zum Heroin.

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