zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 1. Dezember 2005

Qualitätsprüfung in den Arztpraxen

Die von Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat angekündigten neun Gesundheitsagenturen und 32 Gesundheitsregionen führen für den Berufsverband der Chirurgen (BÖC) und die Österreichische Gesellschaft für Chirurgie (ÖGC) zu stark steigenden Kosten, mehr Administration und weniger Qualitätssicherung in der Chirurgie. Dies hätte auch für Patienten unerwünschte Konsequenzen.

Frauen sind rar in den Führungs-etagen, besonders in den Ärztekammern. Die 40-jährige Dr. Esther Thaler, Doktor der Naturwissenschaften, hat es jedoch geschafft, die gläserne Decke zu durchbrechen. Seit 1. Juli ist sie Geschäftsführerin der Gesellschaft für Qualitätssicherung & Qualitätsmanagement in der Medizin GmbH (ÖQMed). Diese Einrichtung der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) soll ab kommendem Jahr die Standards in den österreichischen (Zahn-) Arztpraxen überprüfen. Das Interesse an diesem Job war groß: 20 BewerberInnen waren im Rennen, fünf davon wurden zu einem Hearing vor dem ÖÄK-Präsidium geladen. Dass sich die Herren Funktionäre dazu aufraffen konnten, diese einflussreiche Position mit einer Frau zu besetzen, erfolgte – so wird kolportiert – nicht ganz freiwillig: Es soll ein dringender Wunsch der Gesundheits- und Frauenministerin gewesen sein. ÖÄK-Präsident Dr. Reiner Brettenthaler betont aber, dass „Frau Dr. Thaler sehr gut vorbereitet war und entsprechende Erfahrungen in der Qualitätssicherung mitbringt“. Für die ärztlichen Standesvertreter ist die Gründung der ÖQMed ein kleiner Triumph, wenngleich es sie – und damit alle Ärzte – eine Menge Geld kosten wird. Durch geschicktes Lobbying konnte die Gesundheitsministerin dazu bewegt werden, die Qualitätskontrolle aus dem Sozialversicherungsgesetz (ASVG) in das Ärztegesetz (ÄG) zu bugsieren. Was wie eine juristische Spitzfindigkeit aussieht, hat weitreichende Konsequenzen: Während nämlich in der ersten Fassung im ASVG bei Nichterfüllung der Standards der Entzug des Kassenvertrages vorgesehen war, hat nun die Ärztekammer die Sanktionsgewalt: Jetzt droht Qualitätsmuffeln „lediglich“ eine Disziplinaranzeige.

Zu den Aufgaben der neuen Geschäftsführerin gehören laut Ärztegesetz die Ausarbeitung von Qualitätskriterien, die Evaluierung der Praxen, die Qualitäts- kontrolle sowie die Führung eines (anonymisierten) Qualitätsregisters.
Sehr viel Zeit hatte die 40-jährige Biochemikerin nicht für die Einarbeitung, denn bereits bis Ende des Jahres sollen alle diese Punkte per Verordnung geregelt werden. Bei ihrer Arbeit soll sie ein wissenschaftlicher Beirat (Mitglieder siehe Kasten) unterstützen, der paritätisch von der Ärztekammer und dem Gesundheitsministerium beschickt wurde. Mitte September soll bei der konstituierenden Sitzung des Beirates aus ihrer Mitte eine Vorsitzende bzw. ein Vorsitzender gewählt werden. Diese Person erhält ein Antragsrecht (kein Stimmrecht) bei der Generalversammlung. Auch innerhalb der Ärztekammer wurde die Qualitätssicherung neu organisiert: Dr. Otto Pjeta, Präsident der Ärztekammer für Oberösterreich, koordiniert künftig eine Gruppe von Qualitätsexperten aus den neun Länderkammern. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Dr. Esther Thaler über ihre neue Aufgabe und ihre Pläne.

Interview mit Dr. Esther Thaler

Bis 2008 müssen rund 15.000 ärztliche Praxen evaluiert werden. Wie soll das funktionieren?
Thaler: Basis der Qualitätsbeurteilung ist die Selbstevaluierung jedes einzelnen Arztes anhand eines vorgegebenen Fragebogens. Die Ergebnisse werden stichprobenartig im Rahmen von Besuchen in der Ordination überprüft. Wenn diese Überprüfung ergibt, dass die Ergebnisse der Selbstevaluierung vertrauenswürdig sind, erhalten jene Ärzte, die allen Standardkriterien entsprechen, ein Zertifikat. Ärzte, die einzelnen Kriterien nicht entsprechen, bekommen eine angemessene Frist zugebilligt, um Korrekturmaßnahmen zu setzen. Bei einer abschließenden Evaluierung werden auch sie allen Standards entsprechen und ein Zertifikat bekommen.

Nach welchen Kriterien soll die Überprüfung erfolgen?
Thaler: Überprüft werden Kriterien für Struktur- und Prozessqualität, insofern sie durch den Arzt selbst beeinflussbar sind. Dazu zählen: die Patientenversorgung, die Ordinationsräumlichkeiten, die medizinisch-technische Ausstattung, die ärztliche Fortbildung, die fachliche Qualifikation des Personals, die Dokumentation der Patientendaten, die Lagerung der Medikamente, aber auch die interne Kommunikation und die Art, wie mit Fehlern und Beschwerden umgegangen wird.

Was haben die Ärzte zu befürchten?
Thaler: Eigentlich haben die Ärzte gar nichts zu befürchten. Jene, die zunächst einzelnen Kriterien nicht entsprechen, erhalten Hilfe und Beratung besonders von Seiten ihrer Landesärztekammer, aber selbstverständlich auch gerne von uns. Sollte jedoch ein Arzt auch nach Ablauf einer angemessenen Frist einen Mangel nicht beheben, zwingt uns das Gesetz, Anzeige beim Disziplinaranwalt der Österreichischen Ärztekammer zu erstatten.

Es gab bereits einen fertig ausgearbeiteten Evaluierungsbogen. Wird der verwendet oder landet er im Müll?
Thaler: Der ursprüngliche Fragebogen diente als Arbeitsgrundlage, er wurde aber ergänzt und modifiziert.

Warum?
Thaler: In der ursprünglichen Fassung wurden Qualitätskriterien, die im Ärztegesetz beschrieben sind, z.B. die ärztliche Fortbildung oder die Dokumentation der Patientendaten, nicht abgefragt. Nachdem die Revision des Ärztegesetzes im vergangenen Jahr jedoch fordert, dass ein Katalog für Qualitätskriterien erstellt werden muss, ist es unbedingt nötig, diesen auch vollständig zu gestalten.

Was wird diese Qualitätsüberprüfung die Österreichische Ärztekammer jährlich kosten?
Thaler: Unsere Organisation steckt derzeit noch in den Kinderschuhen. Für eine langfristige Kostenkalkulation ist es noch zu früh, da zunächst die Strukturen der Dienstleistungen, die ÖQMed anbietet, geklärt werden müssen.

Sie kommen aus der Pharmaindustrie. Welche wesentlichen Unterschiede sehen Sie zwischen Qualitätssicherung in der Industrie und in ärztlichen Praxen?
Thaler: Die pharmazeutische Industrie ist seit Jahren hoch reguliert und hat sich zusammen mit Nuklearanlagen und der Luftfahrt den strengsten gesetzlichen Qualitätsanforderungen überhaupt zu stellen. Die Qualitätssicherung in Arztordinationen wurde bisher punktuell betrieben, Daten nicht einheitlich zusammengeführt und ausgewertet. Durch die Führung des Qualitätsregisters werden wir spätestens 2008 unsere Überzeugung, dass ärztliche Tätigkeit in Österreich einem sehr hohen Standard folgt, durch handfeste Daten untermauern können. Das ist eben auch einer der Vorteile der Definition und Einführung von Qualitätskriterien: Gutes wird sichtbar und messbar.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 29/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben