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Gesundheitspolitik 24. August 2005

Kaputtsparen der Vorsorgeuntersuchung

In der ärztlichen Standesvertretung bahnt sich ein Konflikt um die Neuorganisation der Vorsorgeuntersuchung (VU) an. Die Wiener Ärztekammer ist nämlich mit dem Verhandlungsergebnis der Österreichischen Ärztekammer überhaupt nicht einverstanden. Sie fordert mehr Parameter statt weniger. Dies sei nach den bisherigen Erfahrungen in der Praxis auch im Sinne der Patienten.

Wie die ÄRZTE WOCHE (Nr. 25/2004) ausführlich berichtete, wurde im Juni ein erstes Konzept für die Radikalreform der VU öffentlich vorgestellt. Es ist dies das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeitsgruppe von Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und Österreichischer Ärztekammer (ÖÄK) unter Mitarbeit externer Experten. Seitens der ÖÄK war Vorsorgereferent MR Dr. Peter Wöß, Präsident der Vorarlberger Ärztekammer, federführend. Die Grundsatzentscheidungen fielen in der Kurie der niedergelassenen Ärzte unter Obmann Dr. Jörg Pruckner.
Das neue VU-Konzept folgt einem völlig neuen Paradigma, nämlich jenem eines wissenschaftlich basierten (EBM) Massen-Screenings. Deklariertes Ziel ist die effektive Steigerung der Volksgesundheit. Statt 150 Parameter sollen 15 Gesundheitsziele gecheckt werden. Anstelle von Labor- und Harnparametern will man die ärztliche Beratung und individuelle Risikoprofile in den Mittelpunkt des Vorsorge-Checks stellen. Die Wiener Ärztekammer protestiert jedoch heftig gegen diese Pläne. Im ÄRZTE WOCHE-Interview warnt der Leiter des Vorsorgereferates, MR Dr. Rudolf Hainz, vor einem „Kaputtsparen der Vorsorge-untersuchung“. Die Patienten, so meint er, würden sich mehr Laborparameter und nicht weniger wünschen. Falls sie diese nicht bei ihrem Hausarzt bekämen, würden sie zu anderen Einrichtungen abwandern oder sich überhaupt nicht mehr zur VU motivieren lassen. Die Wiener Kammer fordert daher, das VU-Konzept neu zu verhandeln.

Was stört Sie konkret am neuen Konzept?
Hainz: Die österreichische Vorsorgeuntersuchung ist weltweit einmalig. Ansätze, die aus den USA, Kanada oder Australien kommen, sind völlig anders. Dort gibt es keine Vorsorgeuntersuchung, sondern nur Massen-Screenings. Deshalb glauben wir, dass der Ansatz, rein nach Evidenz-basierten Kriterien zu urteilen, von Anfang an ein Fehler war. Die Österreichische Ärztekammer hat das zu Beginn der Gespräche nicht so richtig registriert und sich auf eine falsche Schiene leiten lassen.

Was unterscheidet Ihrer Ansicht nach die VU von einem Massen-Screening?
Hainz: Wer in Wien einen Check-up machen lässt, will was in der Hand haben. Er oder sie will wissen, wie die Blutwerte, das EKG und die Lungenfunktion ausschauen. Die untersuchten Personen interessieren sich nicht für die Ziele der Volksgesundheit. Hier muss Experienced Based Medicine zur Anwendung kommen. Wir verschließen uns nicht der Evidence Based Medicine (EBM), aber ihre strenge Handhabung ist volksfeindlich. Das kann zu keinem positiven Erfolg für die Vorsorgeuntersuchung führen.

Die bisherige VU beinhaltete einige Untersuchungen, die nicht (mehr) sehr sinnvoll waren. War da nicht ein Ausmisten notwendig?
Hainz: Wir wissen zwar, dass zum Beispiel die Bestimmung der Triglyzeride nicht immer hundertprozentig aussagekräftig ist, wenn jemand bei der Blutabnahme nicht 14 Stunden nüchtern war. Auch den Harnsäure-Befund braucht man nicht immer unbedingt. Aber wir brauchen bei vielen Risikofaktoren, wie Adipositas oder Metabolischem Syndrom, Beweise - quasi schwarz auf weiß. Ich kann dem Patienten dann erklären: Ihre Triglyzeride sind 420, Ihr Cholesterin ist 280, Ihre Harnsäure ist 8,9, der Blutzucker ist vielleicht schon erhöht. Wenn ich das ohne Laborparameter sage, glaubt er mir nicht. Das ist auch ein Grund, warum wir von der EBM-Schiene auf eine pragmatischere Schiene umschwenken müssen.

Die Wiener Ärzte fürchten auch die Konkurrenz anderer Institutionen?
Hainz: Wir wollen in Wien keine Zwei-Klassen-Medizin. Bei der Gemeinde Wien, den Sonderversicherungsträgern oder den Ambulatorien gibt es 25 Laborparameter mit allem Drumherum. Wir sind dann als kleine Allgemeinmediziner einfach nicht konkurrenzfähig.
Zusätzliche Privatleistungen, wie es sie in Kärnten, der Steiermark oder Salzburg gibt, sind nicht schlecht, aber in Wien nicht verkaufbar. Warum soll ein Patient für etwas zahlen, was er 100 Meter weiter gratis bekommt. Wien ist auch mit seiner extrem hohen Facharztdichte ein Spezialfall.

Welche Leistungen hätten Sie gerne in der VU?
Hainz: Wir würden das bisherige Spektrum beibehalten und durch eine Hand voll Parameter ergänzen. Dazu gehören unter anderem das HDL-Cholesterin, ein Blutbild und das Kreatinin. Wir haben auch den PSA-Test in Erwägung gezogen, wobei sich da die Geister immer noch entzweien. Harn- und Stuhluntersuchungen sollen natürlich drinnen bleiben und EKG sowie Lungenfunktionstest dazu kommen.

Für wie sinnvoll halten Sie das EKG bei symptomlosen Menschen?
Hainz: Bei 6 Prozent der Männer und 4,3 Prozent der Frauen, die asymptomatisch sind, werden im EKG schwere Veränderungen gefunden. Wenn ich kein EKG mache, dann fühlen sich die Menschen unvollständig untersucht. Da verlasse ich ein bisschen die EBM-Schiene und sage: Das, was der Kunde, der Patient eigentlich wünscht und sich vorstellt, das sollte man auch ein wenig akzeptieren.

Was bringt die Spirometrie?
Hainz: Über die Lungenfunktion brauchen wir nicht viel zu reden. Bei der Gemeinde Wien hat man die Erfahrung gemacht, dass 14 Prozent der Probanden eine pathologische Lungenfunktion haben.

Bei der neuen VU sollten alle Untersuchungen und Auswertungen bei einem Termin erledigt werden können. Wäre so ein One-Stop-Shop nicht kundenfreundlich?
Hainz: Ich mache im Quartal 80 Vorsorgeuntersuchungen in meiner Ordination und habe kaum Probleme mit zwei Terminvereinbarungen. Die Leute können sich das sehr gut einteilen. Es wird sich auch in Zukunft bei den Labors einiges tun. Da spielen dann ein paar zusätzliche Labor-Parameter wahrscheinlich keine Rolle. Dass der untersuchende Arzt selbst alle Parameter auch schnell mit dem Reflotron bzw. Counter macht, das soll es zwar weiter geben, aber das ist nicht die unmittelbare Zukunft der VU.

Im neuen VU-Konzept sollen die Parameter durch gezielte Fragen nach dem Lebensstil und anschließender Beratung ersetzt werden. Wäre das nicht effektiver als eine Liste von Werten?
Hainz: Wir wollen beides. Wir wollen natürlich auch die Fragebögen, zum Beispiel jenen der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Diesen könnte man mit dem Anamneseblatt kombinieren und auf drei Seiten komprimieren. Wir sind auch für eine genaue Anamnese, aber nicht anstelle der Laborparameter. Die Patienten wollen beim Heimgehen auch etwas mitnehmen.

Die Gesundheitsministerin meint, längere Abstände zwischen den Untersuchungen sollten kein Tabu sein.
Hainz: Man mag darüber nachdenken, ob man das Alter von 19 auf 20 Jahre erhöht und ob es wirklich sinnvoll ist, dass man bei einem 21-Jährigen jedes Jahr eine Vorsorgeuntersuchung macht. Aber ich bin der Meinung: Wenn es sich jemand wünscht, dann sollte man es ihm nicht verweigern.
Wenn jemand aber nur alle drei Jahre zur Vorsorgeuntersuchung kommen darf, verlegt man das Ganze in den kurativen Bereich. Dann ist es dreimal so teuer, weil dann nicht 6 oder 7 Parameter, sondern 27 bestimmt werden.

Die „Erfinder“ der VU-Neu kritisieren, dass bis jetzt auch Untersuchungen gemacht wurden, die keinerlei weitere Konsequenz hatten.
Hainz: Seit zehn Jahren bemüht sich die ÖÄK um eine Veränderung der Vorsorgeuntersuchung, ist dabei aber beim Hauptverband immer auf taube Ohren gestoßen. Erst im Vorjahr hat er sich bequemt, mit uns darüber zu reden. Wenn aber die Inhalte nicht stimmen, dann kommt keiner zur VU. Ich kann doch einen Patienten nicht guten Gewissens zu einer Untersuchung überreden, von der ich überzeugt bin, dass sie nicht ausreichend ist. In der Regierungserklärung steht, dass man sich eine Verdoppelung der Vorsorgeuntersuchungen von ca. 800.000 auf 1,6 Millionen wünscht. Ich komme aber nicht an die Leute heran, indem ich ihnen weniger anbiete als vorher.

Hat man die Patienten schon einmal gefragt, welche VU sie gerne hätten?
Hainz: Eine offizielle Umfrage haben wir bisher noch nicht gemacht. Aber die Ärzte, die ich hier in der Kammer dazu befragt habe, wissen Bescheid: Die Patienten wollen immer alles, und das gleich. Und es ist ihnen egal, was es kostet. Viele Ärzte machen zum jetzigen Programm Zusatzuntersuchungen im kurativen Bereich. Warum sollen wir hier nicht ehrlich und getrennt vorgehen? Darum brauchen wir eine Untersuchung, bei der ein bisschen mehr dabei ist und nicht weniger. Falls das Konzept tatsächlich so umgesetzt wird, wie derzeit geplant, dann ist die Vorsorgeuntersuchung in Österreich tot. Nur wissen das die Leute, die das jetzt vertreten, noch nicht. Die künftige Gesundheit der österreichischen Bevölkerung darf nicht kaputt gespart und organisatorisch ausradiert werden.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 28/2004

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